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Es sind Wunden, die nicht heilen

Ein sich immer mehr ausweitender Missbrauchsskandal erschüttert die katholische Kirche in Deutschland. Das „System katholische Kirche“ steht auf dem Prüfstand und in harscher Kritik.

Ein Erdbeben erschüttert die katholische Kirche in Deutschland. Seit Jesuitenpater Klaus Mertes, Schulleiter des angesehenen Canisiuskollegs in Berlin, Mitte Jänner mehrere Missbrauchsfälle an seiner Schule publik gemacht hat, ist vieles nicht mehr, wie es war. Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo in Deutschland ein neuer Missbrauchsfall bekannt wird. Ausgelöst wurde die Lawine durch das Schreiben von Mertes an 600 ehemalige Schüler, in dem er sich mit ungewöhnlicher Offenheit, „tiefer Erschütterung und Scham“ (Originalton Mertes) zu den „systematischen und jahrelangen Übergriffen“ in den 70er und 80er Jahren an seiner Schule äußert. Der Schulleiter bittet in dem Brief die Opfer um Entschuldigung und kritisiert das Wegschauen im Jesuitenorden und speziell am Canisiuskolleg. Er geht aber noch einen ganzen Schritt weiter und stellt die Frage, welche Strukturen an Schulen, in der verbandlichen Jugendarbeit und auch in der katholischen Kirche es begünstigen, dass Missbräuche geschehen und de facto auch gedeckt werden können. Wenige Tage später verschärft der couragierte Jesuit seine Kritik sogar noch einmal gegenüber dem Berliner Tagesspiegel am Sonntag, wo er sagt: „Die Kirche leidet an Homophobie. Homosexualität wird verschwiegen. Kleriker mit dieser Neigung sind unsicher, ob sie bei einem ehrlichen Umgang mit ihrer Sexualität noch akzeptiert werden.“

Bis in die 90er Jahre: Verdächtige einfach versetzt

Genau um diese Fragen tobt jetzt die deutsche Diskussion: Ist es das „System Kirche“ als solches, ihre Sexualmoral und -pädagogik, die solche Taten begünstigt oder verursacht? In manchen Medien, etwa in der Titelgeschichte einer der jüngsten Spiegel-Ausgaben, wird dieser Verdacht nahegelegt. Immerhin ist es ein offenes Geheimnis, dass bis in die 90er Jahre hinein beschuldigte Geistliche einfach in andere Gemeinden oder Bistümer versetzt wurden. Die Tragik der deutschen Kirche besteht darin, dass sich seit der Veröffentlichung der 2002 von der Deutschen Bischofskonferenz verabschiedeten Richtlinien zum sexuellen Missbrauch durch Priester sehr viel geändert hat. Die Vorschriften sehen unter anderem die Ernennung von Ansprechpartnern vor, an die sich Betroffene wenden können. Zudem wird Verdächtigen eine Selbstanzeige und der Gang zur Staatsanwaltschaft nahegelegt. Nach Meinung vieler haben diese Leitlinien sich längst bewährt, ja es hatte sich sogar so etwas wie das Gefühl breitgemacht: Solch gigantische Missbrauchsskandale wie in den USA oder Irland könnten nicht passieren.Doch das stellt sich immer mehr als Irrtum heraus.

Inzwischen melden sich Kritiker zu Wort, denen die Richtlinien nicht mehr ausreichen, unter anderem deshalb, weil die Ansprechpartner für Missbrauchsopfer häufig kirchliche Amtsträger und nicht unabhängige Personen sind. So fordert etwa der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller die Ernennung eines zentralen Ansprechpartners bei der Bischofskonferenz. Nicht zuletzt hat der Skandal eine neue Debatte um den Zölibat entfacht. Doch auch hier verweisen Experten, Psychologen und Regenten von Priesterseminaren darauf, dass es „keinerlei Zusammenhang von sexuellem Missbrauch mit dem Zölibat“ gebe.

Tatsache ist: Seit 1995 hat es in Deutschland rund 210.000 polizeilich erfasste Fälle von Kindesmissbrauch gegeben. Nach Ansicht des Berliner Kriminalpsychiaters Hans-Ludwig Kröber weisen die Zahlen darauf hin, dass Missbrauch bei Mitarbeitern der katholischen Kirche sehr viel seltener vorkommt als bei anderen erwachsenen Männern. Auch der Kölner Psychiater Manfred Lütz warnt vor der Annahme, dass Kindesmissbrauch kirchenspezifisch sei. Lütz warf in einem Zeitungsartikel sogar allen, die die Kirchenstrukturen, die katholische Sexualmoral und den Zölibat als Grund für die Vergehen anführen, „Missbrauch mit dem Missbrauch, vor allem aber gefährliche Desinformation, die Täter schützt“, vor. Auch Mertes selbst, der wegen seiner Informationsoffensive zunächst von allen Seiten nur Lob erntete, gerät inzwischen in die Kritik. So warf ihm Patrick Bahners von der Frankfurter Allgemeinen „maßlose Polemik gegen die kirchliche Lehre und die kirchlichen Autoritäten“ vor. Neuerdings erhält Mertes 300 Briefe am Tag, darunter viele mit Beleidigungen und Beschimpfungen; offenbar halten ihn konservative Katholiken längst für einen Nestbeschmutzer.

Aufdecker Mertes gilt zunehmend als Nestbeschmutzer

Die Reaktionen der deutschen Bischöfen fallen einheitlich entsetzt aus, enthalten aber unterschiedliche Akzente. Hamburgs Erzbischof Werner Thissen lässt keinen Zweifel daran, dass man viel mehr hätte tun können, um diese Fälle zu verhindern. Wie er kritisiert auch Jugendbischof Franz-Josef Bode (Osnabrück), die Kirche sei offenbar zu leichtfertig mit den Tätern umgegangen. Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky verurteilt die Missbrauchsfälle in seinem jüngsten Fastenhirtenbrief als „Ungeheuerlichkeit“, warnt aber wie sein Eichstätter Amtskollege Gregor Maria Hanke andererseits davor, die katholische Kirche und ihre Schulen unter Generalverdacht zu stellen. Empörung hingegen löste einmal mehr der Augsburger Bischof Walter Mixa durch seine Aussage aus, dass die sexuelle Revolution der 68er-Generation und die zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft nicht ganz unschuldig gewesen sei an solchen Vergehen, die „abnorme sexuelle Neigungen eher fördert als begrenzt“.

In dieser Woche nun befasst sich die Deutsche Bischofskonferenz in Freiburg mit dem Thema. Am 22. Februar entschuldigte sich ihr Vorsitzender Robert Zollitsch bei allen Opfern und kündigte an, die Bischöfe wollten den Missbrauchsskandal auch vor den Papst bringen. Zugleich, so Zollitsch, würden die deutschen Bischöfe die Leitlinien aus dem Jahr 2002 überprüfen.

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