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EU: Identität und Integration

1945 1960 1980 2000 2020

Christliche Laien bauten am Fundament der europäischen Einigung. Im Stift Heiligenkreuz kommen dieser Tage Vertreter aus Kirche und Gesellschaft zusammen, um über ihren Beitrag zur Zukunft Europas zu beraten.

1945 1960 1980 2000 2020

Christliche Laien bauten am Fundament der europäischen Einigung. Im Stift Heiligenkreuz kommen dieser Tage Vertreter aus Kirche und Gesellschaft zusammen, um über ihren Beitrag zur Zukunft Europas zu beraten.

Die katholische Kirche und die Wirtschaft verbindet ein eigentümliches Phänomen: beide sind entscheidend am Aufbau Europas beteiligt. In Richtung Ökonomie tut sich besonders der Marshallplan von 1948 hervor, der half, das zerstörte West-Europa wieder auf die Beine zu bringen. Und auch heute sind es wirtschaftliche Interessen zum gegenseitigen Vorteil, die Grenzen überwinden. Wird bei der Wirtschaft mehr wert auf materielle Vorteile gelegt (ansonsten würde Wirtschaft ja nicht betrieben), ist das Christentum vor allem kultureller Faktor bei der Umstrukturierung Europas.

Nach 1945 begann die Spaltung des Kontinents in West (Nato-Staaten) und Ost (Warschauer Pakt). In dieser Zeit sprach man nicht mehr vom Untergang des Abendlandes, wie es Oswald Spengler noch getan hatte. Sondern die Frage stand im Vordergrund, ob die Teilung Europas in zwei gegenüberstehende Blöcke jemals rückgängig gemacht werden könne. Der Kommunismus schien das Antlitz Europas dauerhaft zu prägen - ein Ende war nicht in Sicht. Damit war Europa zum Schweigen verurteilt und schien an sich selbst zu zweifeln.

Die europäische Kultur ist aus mannigfaltigen Wurzeln hervorgegangen und über Jahrhunderte zusammengewachsen. Dazu gehören der Geist des antiken Griechenland, das Römische Imperium und damit auch die lateinischen, slawischen, germanischen sowie die finno-ugrischen Völker. Ebenso ist der Einfluss des Islam zu nennen. Das sich nach 313 ausbreitende Christentum hat die Völker Europas wesentlich geprägt. Im Mittelalter waren besonders die Klöster geistige und geistliche Zentren. Aber nicht nur Benedikt von Nursia ist Patron Europas, sondern auch die Slawenapostel Kyrill und Method, die aus Byzanz kamen und den christlichen Aspekt im östlichen Europa verbreiteten. Andererseits hat es lange Zeit gebraucht, bevor sich in der katholischen Kirche die Einsicht durchsetzte, dass es sich bei der Kirche Jesu Christi um mehr als eine europäische Kirche handelt, um eine Weltkirche. In dieser schwierigen Phase der Neuorientierung der Nachkriegszeit waren es bekannte christliche Staatsmänner, die inmitten eines darniederliegenden Europa neue Hoffnung schenkten. Denn nicht nur die Häuser und Brücken waren zerstört, sondern auch die Seelen vieler Menschen, weil der Krieg unsagbar viel Leid über sie und ihre Familien gebracht hatte.

Robert Schumann, französischer Außenminister 1948-1953, versuchte die Europaidee in Zusammenarbeit mit dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem italienischen Staatsmann Alcide de Gaspari umzusetzen. Christliche Laien waren es also, die den Glauben an ein neues Europa initiierten und in die politische Praxis umsetzten.

Amtskirche und Europa Später - in den siebziger und achtziger Jahren - griffen die europäischen Bischofskonferenzen die Idee einer europäischen geistigen Zusammenarbeit neu auf und warben dafür. Auf seiten der katholischen Kirche wurde bereits im 2. Vatikanischen Konzil das Interesse an Europa geweckt.

Die geistige Stimmungslage der nachkonziliaren Zeit von damals hat Papst Johannes Paul II. später bei einer Pilgerreise ins spanische Santiago de Compostela 1983 durch ein bewegendes Bekenntnis zum Ausdruck gebracht: "Ich, Johannes Paul, Sohn der polnischen Nation, die sich immer aufgrund des Ursprunges, seiner Tradition, ihrer Kultur und ihrer lebenswichtigen Beziehungen als europäisch betrachtet hat - als slawisch unter den Lateinern und als lateinisch unter den Slawen - ... ich rufe dir, altes Europa, voller Liebe zu: Finde wieder zu dir, sei wieder du selbst, besinne dich auf deinen Ursprung, belebe deine Wurzeln wieder. Beginne wieder jene echten Werte zu leben, die deine Geschichte ruhmreich gemacht haben ... bau deine geistige Einheit wieder auf in einer Atmosphäre voller Achtung gegenüber den anderen Religionen und echten Freiheiten ... noch immer kannst du Leuchtturm der Zivilisation und Anreiz zum Fortschritt für die Welt sein. Die anderen Kontinente blicken zu dir, die Antwort des Jakobus zu hören, die er Christus gab: Ich kann es."

Auch andere Päpste haben sich - viel weniger in der Öffentlichkeit beachtet - gegenüber der Einigung Europas wiederholt zustimmend geäußert. Paul VI. betonte immer wieder, dass die europäische Zusammenarbeit auf drei Grundpfeilern der christlichen Botschaft stehen solle: Gerechtigkeit, gegenseitige Wertschätzung, Liebe und Sorge für den sozialen Frieden. Johannes Paul II. weist in seinen Enzykliken Laborem exercens (1981) und Centesimus annus (1991) einen Weg der Mitte mit dem Menschen. Die Kirche mit ihrem übernationalen Evangelium, ihrer Tradition und Erfahrung möchte den europäischen Einigungsprozess an der Würde des Menschen für immer festmachen.

Der Gedanke eines vereinten europäischen Kontinents war durch zwei Generationen hindurch kein Thema, denn die realpolitischen Verhältnisse sprachen dagegen. Auf leisen Sohlen kündigte sich eine Wende an, die "im Westen völlig verschlafen" wurde, wie der Wiener Politologe Peter Gerlich feststellte. Man wusste im Westen die Zeichen der Zeit überhaupt nicht zu deuten: 1981 die Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarno's'c in Polen, die Glasnost- und Perestroika-Politik des letzten sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow.

Zu lange hatte man dem Status quo gehuldigt, ohne zu bemerken, was hinter dem Eisernen Vorhang wirklich vor sich geht. Bis heute wird im Westen von Europa mit selbstgenügsamer Manier gesprochen und mit dem Begriff eigentlich doch nur die EU gemeint. Europa beginnt eben schon in den Köpfen und im täglichen Sprachgebrauch.

Ende 1989 war es dann soweit. Die Berliner Mauer zerbröselte innerhalb weniger Monate, der Eiserne Vorhang hob sich. Und für den Westen war es völlig überraschend, von den Vertretern eines vom Kommunismus befreiten Ostens zu hören, dass sie jetzt nach einer neuen europäischen Orientierung Ausschau halten müssten. Viele Völker und Nationen kehrten zurück nach Europa, aber nicht zu einem Europa der Vergangenheit, sondern zu einem Europa der Zukunft. Erst 1989 wurde der zweite "Lungenflügel" des Kontinents wiedergefunden, wie es Johannes Paul II. einmal pointiert formulierte.

Renaissance Europas Bei der Eröffnung der Vatikanischen Akademie für Sozialwissenschaften 1994 betonte der Papst: "Die katholische Soziallehre ist die ,Magna Charta', um das gesellschaftliche, das wirtschaftliche Wissen unserer Zeit, das politische und rechtswissenschaftliche Engagement mit katholischen und ökumenischen Grundsätzen zu durchdringen. Dabei geht es vor allem nicht nur um eine bloße Vermittlung theoretischer Grundsätze, sondern ebenso um die geistige Motivation zum Einsatz für die konkrete Verwirklichung solcher Grundsätze."

Der Wiener "Verein zur Förderung der katholischen Sozialethik" führte eine Befragung unter katholischen Sozialwissenschaftlern in Mittel- und Südosteuropa durch. Ängste und Sorgen, aber auch Hoffnungen wurden formuliert. Einhelliger Tenor bezüglich der Aufgaben der Kirche beim Zusammenwachsen Europas war, dass die Kirchen ökumenischer agieren müssten, nicht nur um die Probleme in den eigenen Mauern kreisen, das christliche Laienapostolat mehr Unterstützung von der Amtskirche erhalten und der Institutionenreform eine Bewusstseinsreform vorausgehen müsse. Nur dann werden die Kirchen ihren adäquaten Beitrag leisten können. Mit dem Blick auf Europa gilt deshalb: Der Mensch ist nicht nur der Weg der Kirche, sondern auch der Weg Europas selbst.

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