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"Europa ist auf negative Lebensaspekte fixiert"

1945 1960 1980 2000 2020

Henri Boulad, Grenzgänger zwischen Ost- und Westchristentum, ist überzeugt, daß der Mystik - jenseits aller Religionen - große Bedeutung innewohnt: In ihr kommt zum Ausdruck, daß allen Religionen das Erreichen einer letzten Wirklichkeit gemeinsam ist - ob diese "Gott" oder ganz anders heißt.

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Henri Boulad, Grenzgänger zwischen Ost- und Westchristentum, ist überzeugt, daß der Mystik - jenseits aller Religionen - große Bedeutung innewohnt: In ihr kommt zum Ausdruck, daß allen Religionen das Erreichen einer letzten Wirklichkeit gemeinsam ist - ob diese "Gott" oder ganz anders heißt.

dieFurche: Europa erlebt in diesen Tagen eine Zeit der Konflikte und des Krieges: Wie können Christen dazu beitragen, daß es Frieden gibt?

Henri Boulad: Viele Christen reagieren auf den Konflikt im Kosovo im Sinne des Evangeliums: Indem sie sich nämlich für die Kriegsopfer einsetzen - ohne Ansehen der Religion. Die heutige Vision des Friedens ist mit der Vision des Menschen verknüpft - über Ideologien, über Religionen hinweg. Das finden wir ja im Evangelium: Friede heißt, den Menschen als Menschen anzusehen. Ein anderer Punkt ist, daß die Christen heute gezwungen sind, mit anderen Religionen in Dialog zu treten. Früher waren Religionen eine der Hauptursachen für Konflikte. Zum ersten Mal in der Geschichte wurden große Schritte in Richtung eines Dialogs gemacht. Dialog ist ein neues Wort der Christen. Jetzt treten wir in eine Ära des Dialogs ein. Vielleicht verstehen das die anderen Religionen, etwa der Islam, noch nicht, und glauben, das sei eine neue Taktik der Evangelisierung.

Frieden wird es aber erst dann geben, wenn wir davon überzeugt sind, daß jeder Mensch, jede Kultur und jede Religion etwas zu sagen hat: Wir sind nicht alleinige Besitzer der Wahrheit! Denn die Wahrheit geht über das, was wir sehen und glauben, hinaus; sie ist uns immer voraus. Und Friede sollte durch innere Umkehr vorbereitet werden. Es wird keinen Frieden unter den Menschen geben, solange wir nicht in uns selbst Frieden haben. Die Wurzel des Friedens liegt daher in unserem Herzen.

dieFurche: Gibt es etwas, das allen Religionen gemeinsam ist?

Boulad: (lacht) Gott! Ich hoffe es wenigstens! Ich weiß natürlich, daß "Gott" ein mehrdeutiger Begriff ist. Deswegen bin ich davon überzeugt, daß der Mystik eine Bedeutung jenseits der Religionen zukommt. Denn Mystik heißt nicht, etwas über Gott zu sagen, sondern bedeutet, die Einheit mit Gott zu leben. In diesem Sinn haben die Religionen einen gemeinsamen Grund, der Gott ist, der durch eine persönliche Erfahrung erreicht wird. Vielleicht gibt es da einen Unterschied zwischen dem, was Hinduisten und Buddhisten darunter verstehen und dem, was Christen und Juden meinen: Gott ist für uns ein persönliches Wesen, das durch und in Liebe erreicht werden kann - im Gegensatz zur grenzenlosen Wirklichkeit, wie sie etwa der Buddhismus kennt. Dennoch: Das Gemeinsame aller Religionen ist das Erreichen dieser letzten Wirklichkeit, wie immer diese heißt.

dieFurche: Selbst wenn es sich also nicht um einen persönlichen Gott handelt?

Boulad: Ich denke: Ja. Wichtig ist, von der Gier wegzukommen. Dieser Vorgang, sich selbst zu verwandeln und sich in gewisser Weise selbst zu verleugnen, ist allen Religionen gemeinsam. Gemeint ist die Offenheit einem Anderen gegenüber oder dem letzten Anderen gegenüber, das Gott ist. Das Ich ist sehr begrenzt, wir aber sind gerufen, für das Ewige offen zu sein. Viele Male geschieht das durch die Liebe zu anderen, eigentlich der normale Weg: Indem wir die anderen lieben, lieben wir Gott.

dieFurche: Sie meinen also, auch in Religionen wie dem Buddhismus ist diese Offenheit für das Ewige möglich. Andererseits äußern Vertreter der katholischen Kirche immer wieder, der Buddhismus sei eine "negative" Heilslehre.

Boulad: Man kann das auch über das Christentum sagen, wenn man viele Texte aus unserer Tradition nimmt - oder sogar das Kreuz. Aber diese "negativen" Aspekte sind immer verbunden mit dem Positivum der Auferstehung. Der Buddhismus ist vielfältig. Es gibt da Richtungen, die zu einem Monismus tendieren, das heißt zum Glauben an eine einzige "göttliche" Wirklichkeit, und alles andere, auch wir Menschen, verschwindet. Hier verstehe ich, wenn Christen Kritik üben, dabei handle es sich um eine Negation der Person in dieser endgültigen Wirklichkeit. Das unterscheidet Christen von Buddhisten.

dieFurche: Bei einer Begegnung von Muslimen und Christen erlebte ich, wie ein islamischer Gelehrter die Christen einer negativen Welt- und Menschensicht beschuldigte. "Ihr Christen glaubt an die Erbsünde, ihr denkt, daß der Mensch böse ist", meinte der Gelehrte: "Wir Muslime glauben hingegen, daß der Mensch von Anfang an gut ist; daher ist der Islam auch die bessere Religion."

Boulad: Angesichts der Art, in der wir in der Vergangenheit über den Menschen und die Erbsünde gesprochen haben, muß man der Kritik des Muslimen recht geben. Wir müssen die Erbsündenlehre neu überdenken - im Zusammenhang mit Erlösung, Gnade: Sind wir davon überzeugt, daß die Erlösung den Menschen bis in seine Tiefen verwandelt hat, bis in seine Wurzeln erneuert - oder nur äußerlich und oberflächlich? Hier müssen wir auch den Muslimen zuhören und einer Sicht des Menschen, die positiver und optimistischer ist als jene, die - zumindest in der Vergangenheit - die Vision des Christentums war. Für mich ist es eine der Hauptaufgaben christlicher Theologie, über die Erbsünde neu nachzudenken - etwa auch über "Urgnade" oder "Ursegen": Wenn es eine Sünde von Anbeginn gibt, dann gibt es Gnade, die noch früher da war, eine Gnade, die tiefer geht als die Sünde: Erlösung geht tiefer als die Sünde, und Gnade reicht tiefer als das Böse.

Die Beobachtung des Muslimen fordert die christliche Theologie heraus. Ich meine dabei vor allem die westliche Theologie, denn diese hat so stark den Aspekt von Sünde, Tod und Kreuz betont, sodaß sie beinahe die Vorstellung von der Auferstehung übersehen hat! Ich stelle immer wieder fest, daß wir Ostchristen die Auferstehung immer viel stärker bedenken und begehen als den Tod. Ich denke, hier muß die westliche Theologie zu den griechischen Kirchenvätern mit ihrem optimistischen Menschenbild zurückkehren.

dieFurche: Ist das "pessimistische" Menschenbild für die Krise des Christentums im Westen mitverantwortlich?

Boulad: Die Krise resultiert eher daher, daß es eine Diskrepanz zwischen der offiziellen Lehre der Kirche gibt und dem, was die Menschen fühlen. Die neue Theologie, wie ich sie einfordere, ist noch nicht klar aufgebaut. Wir befinden uns zur Zeit im Niemandsland. Wenn die Kirche und die Theologen diese Vision von Erlösung, von Auferstehung, vom "Ursegen" aufnimmt und einen Weg zur Hoffnung öffnet, könnte das eine Menge verändern. Was mich in Europa allerdings befremdet, ist eine negative Sicht von prtaktisch allem.

dieFurche: Pierre Teilhard de Chardin, der große Jesuitenphilosoph, erlebt zur Zeit wieder eine Renaissance. Ist Teilhard so wichtig für unsere Zeit?

Boulad: Mehr denn je zuvor! Ich selbst habe Teilhard 1955 in seinem ersten Buch "Der Mensch im Kosmos" entdeckt. Das Buch war die Antwort auf all meine Fragen! Ich habe meine Weltsicht an seine Philosophie - wenn man sie als solche bezeichnen will - geknüpft. Nach einigen Jahren haben einige gedacht, Teilhard sei passe. Teilhard steht aber außerhalb von Moden und Stimmungen, denn seine Synthese ist so umfassend, so total und so tief, und sie bringt so vieles zusammen.

dieFurche: Ein Beispiel hierfür?

Boulad: Nehmen Sie etwa Arnold Toynbee, der eine Philosophie der Geschichte entwickelt hat: Geschichte begann für ihn mit der Zivilisation, das heißt vor 7000 Jahren. Aber eine Vision, die sich auf 7000 Jahre beschränkt und die anderen 15 Milliarden Jahre außer acht läßt, ist nicht eine guter Weg, den Schlüssel für den ganzen Prozeß zu finden. Darwin hat die Evolution entdeckt, aber nur die Evolution des Lebens; nicht schlecht. Hegel versuchte die Entwicklung des absoluten Geistes auszudrücken: Aber alle waren nicht imstande, eine umfassende Vision der Evolution von der Entstehung der Sterne an bis zum Ende zu formulieren. Teilhard hat das versucht - und er hat das alles in die Zukunft projiziert, an den Punkt Omega, von dem aus die Zukunft in die Vergangenheit und in die Gegenwart leuchtet.

dieFurche: Die Hauptkritik an Teilhard lautet, daß seine Vision zu optimistisch sei, daß er auf das Leid wenig Bezug nehme, daß er Hiobs Frage: "Warum läßt du mich leiden, Herr?" wenig beachte. Gerade jetzt bewegt Europa diese Frage wieder so stark. Wieder ein Krieg, im "friedlichen" Europa ...

Boulad: Die Frage nach dem Bösen wurde nicht in die ganzheitliche Vision Teilhards integriert. Denn das wäre so, wie wenn man das Leben eines Menschen während einer Krankheitsperiode beurteilte. Das ist aber nicht der Ausdruck seines Lebens! Das Problem in Europa ist, daß es so auf die negativen Aspekte des Lebens fixiert und dadurch paralysiert ist! Es ist schon seltsam, daß ihr nach Indien, nach Ägypten, nach Afrika fahren müßt, um herauszufinden, was Optimismus ist. Die ärmsten Länder lehren Europa das!

dieFurche: Was können Christen tun, um aus der negativen Sicht zu kommen?

Boulad: Die Christen in Europa müßten das "andere Gesicht" des Todes, das "andere Gesicht" des Bösen entdecken: die Auferstehung hat das Böse und den Tod überwunden. Wichtig ist aber, daß die Erlösung heute auch durch mich, durch dich, durch die Menschheit, durch die Geschichte geschieht - trotz aller Krisen im Kosovo, im Sudan, in Angola und so weiter.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

ZUR PERSON Ostkirchlicher Jesuit Wenn er in Europa auf Vortragsreise ist, füllen Mystik-Begeisterte, die ihn hören wollen, Säle und Kirchen. Vor allem die Unmittelbarkeit, mit der Henri Boulad an seinen Gedanken und Visionen teilhaben läßt, beeindruckt sein Publikum. 1931 wurde der Ägypter syrisch-italienischer Abstammung in Alexandria geboren. Er studierte Theologie im Libanon und Philosophie in Frankreich, Psychologie in den USA. Der Jesuit ist nach byzantinischem Ritus geweiht und war jahrelang Leiter der Caritas Ägypten. Seine Vorträge und Interviews sind auf deutsch in elf Büchern erschienen, das zwölfte soll unter dem Titel "Die 1000 Gesichter des Geistes" im Herbst 1999 auf den Markt kommen.

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