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"Europas Einigung begann 1999"

1945 1960 1980 2000 2020

Der "slawische" Papst (Johannes Paul II., der Pole) und der "lateinische" Patriarch (der orthodoxe Kirchenführer Teoctist spricht als Rumäne bekanntlich eine romanische Sprache) haben begonnen, Brücken zwischen römischer und orthodoxer Kirche wieder begehbar zu machen.

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Der "slawische" Papst (Johannes Paul II., der Pole) und der "lateinische" Patriarch (der orthodoxe Kirchenführer Teoctist spricht als Rumäne bekanntlich eine romanische Sprache) haben begonnen, Brücken zwischen römischer und orthodoxer Kirche wieder begehbar zu machen.

Das ökumenische Klima in Rumänien hat sich nach dem Papstbesuch im Juni wesentlich verändert; vor allem die Atmosphäre ist besser geworden. Die rückblickende Einschätzung des Besuches durch führende Vertreter der rumänisch-orthodoxen Kirche zeigt zugleich etwas von dem, in welche Richtung der Besuch für die Zukunft weist.

"Bisher wurden wir von orthodoxer Seite fast vollkommen ignoriert, seit der Papst da war, sind wir zumindest in beschränktem Ausmaß Gesprächspartner geworden", meint der Ungar Jozsef Nagy, Professor für Neues Testament in Karlsburg/Siebenbürgen, im Rückblick auf das Treffen zwischen Johannes Paul II. und Patriarch Teoctist Anfang Mai 1999. Zugleich meint er, als Volksgruppe haben die Ungarn eine historische Chance vergeben: "Mit unserer Präsenz bei diesem religiösen Anlaß hätten wir die Weltöffentlichkeit auf uns und auch auf unsere Situation als große Minderheit in Rumänien hinweisen können."

Aus Enttäuschung darüber, daß der Papst nur Bukarest, nicht aber auch Siebenbürgen besucht hatte, waren nur wenige ungarische Katholiken zu den großen Veranstaltungen in der rumänischen Hauptstadt gekommen.

Auch bei einem Symposion der Stiftung "Pro Oriente" zum Papstbesuch in Rumänien, das Anfang Oktober in Wien stattfand, kam die positive Atmosphäre zur Sprache, die den ganzen Besuch geprägt hatte. Alle Medienberichte in Rumänien waren positiv, vom Besuch des "slawischen Papstes beim lateinischen Patriarchen" war die Rede. Zitiert wurde auch Metropolit Seraphim, Locum Tenens der rumänisch-orthodoxen Diözese für Westeuropa. Er bezeichnete diesen Besuch als größtes Ereignis seit der Befreiung von der kommunistischen Herrschaft.

Dieser Besuch sei nicht nur unter konfessionellen Gesichtspunkten wichtig, führte Dekan M. Dumitru von der orthodoxen Fakultät in Bukarest aus. Er bilde eine Durchbrechung der Versuche, Europa nach konfessionellen Gesichtspunkten zu teilen. "Die Spaltung Europas begann 1054, die Einigung Europas begann 1999, meinte Dumitru, der im Auftrag von Patriarch Teoctist sprach, optimistisch.

Symbolischer Tausch Unter anderem strich er den prophetischen Charakter des symbolischen Tausches von Kelchen zwischen beiden Kirchenoberhäuptern hervor, der an jener Stelle geschah, an dem die Kathedrale der Nation in Bukarest errichtet werden soll: Dieser Tausch bilde die entgegengesetzte Geste zu jener, des Tausches der Bannbullen in der Hagia Sophia im Jahr 1054. Von nun an wird uns diese Kathedrale immer an die Visite des Bischofs von Rom erinnern.

Als unmittelbare Folge des Besuches bezeichnete der rumänisch-orthodoxe Pfarrer in Wien die Wiederaufnahme von direkten Gesprächen zwischen rumänisch-orthodoxer und griechisch-katholischer Kirche über die strittigen Fragen vor allem des Kircheneigentums im Juni dieses Jahres.

Von 7. bis 9. Mai 1999 hatte Papst Johannes Paul II. Rumänien besucht. Dies war der erste Besuch eines römischen Kirchenoberhauptes seit der Kirchenspaltung 1054. Der Besuch "des slawischen Papstes beim lateinischen Patriarchen" war in Rumänien, aber auch in der Weltöffentlichkeit auf großes Interesse gestoßen.

Der Autor ist Mitarbeiter des Österreichischen Katholischen Bibelwerkes.

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