Europas Seele verstehen

Mitteleuropäischer Katholikentag: In Prag dachten katholische Intellektuelle und Theologen aus (Ost-)Mitteleuropa über die Aufgaben der abrahamitischen Religionen für Europa nach.

Im jüdischen Viertel von Prag, nahe der Synagoge Altneuschul, steht ein beeindruckendes Denkmal: Die Bronzeskulptur von FrantiÇsek Bílek zeigt Moses, vom Berg Sinai herabgekommen und des Volkes Tanz ums goldene Kalb sehend: In sich zusammengesunken stellte der tschechische Bildhauer den Führer Israels dar. Mitten im ehemaligen Ghetto, das auch in Prag mehr von jüdischer Geschichte erzählt als eine jüdische Gegenwart aufweisen kann, ist die Statue ein beklemmendes Zeichen.

Arrogantes Seelen-Klischee

Der Moses von Bílek konnte auch als Zeichen für etwa 70 katholische Teilnehmer eines Symposiums aus (Ost-)Mitteleuropa gelten, die nach Prag gekommen waren, um über das "Abrahamitische Erbe als geschichtlicher Auftrag" nachzudenken: Die Gestalt des Moses - und seine Verzweiflung über Israel - ist ein Erbe, das Juden, Christen und Muslime miteinander teilen.

Das Prager Symposium wurde im Rahmen des Mitteleuropäischen Katholikentags von der "Kontaktstelle für Weltreligionen der Österreichischen Bischofskonferenz" veranstaltet: Die "Seele Europas" bedürfe "des gesamten Leibes der Völker", so Petrus Bsteh, der Leiter der Kontaktstelle: Das betreffe die "katholischen Kirchenkulturen", den "ökumenischen Überlieferungsreichtum christlicher Lebensformen" sowie die Partnerschaft mit den "uns zunächst verwandten Weltreligionen".

Der Prager Theologe und Soziologe TomáÇs Halík bezeichnete den von vielen Christen benutzten Slogan, Europa eine Seele geben zu wollen, als "arrogantes Klischee": "Weder braucht Europa von uns noch erwartet es von uns, dass wir ihm eine Seele geben', aber wir Europäer von heute müssen dringend lernen, seine Seele zu verstehen und zu nähren." Halík bezeichnete die Dynamik Europas als Idee des Auf-dem-Weg-Seins und meinte damit das Verständnis des Lebens als eine "Antwort auf den Ruf Gottes", wie es die Geschichte von Abraham, den alle großen Glaubensfamilien als Heiligen verehrten, symbolisiere.

Jüdisch-christliche Vorreiter

Gerade dazu ist das Gespräch der abrahamitischen Religionen notwendig, und darum drehten sich die Referate und Diskussionen in Prag. Der Wiener Doyen der Judaistik Kurt Schubert trug dabei aus der Erfahrung seiner langjährigen Studien über das Judentum bei, und der Krakauer Jesuit und Professor für Kulturphilosophie Stanislaw Obirek analysierte den Stand des christlich-jüdischen Gesprächs. Obirek würdigte dabei die Vorreiterrolle des jüdischen Gelehrten Abraham Joshua Heschel, der wesentlich zur Judenerklärung "Nostra Aetate" des II. Vatikanums beitrug. Obirek zitierte Heschel auch in einem fürs christlich-jüdische Verhältnis vitalen Punkt: "Jedes Gespräch zwischen einem Christen und einem Juden, das in der Hoffnung geführt wird, der andere würde seinen Glauben aufgeben, ist ein Affront gegen die religiöse und menschliche Würde des Partners."

Gleichzeitig beleuchtete Obirek den Beitrag von Papst Johannes Paul II. - nicht zuletzt im Jahr 2000 mit seinem Schuldbekanntnis sowie seinem Besuch der Klagemauer und von Yad Vashem. Obirek interpretierte auch den Papst im Lichte Heschels: "Wir, Juden und Christen, müssen ein gemeinsames Ziel bewahren, was Heschel das religiöse Pathos' nannte, anders gesagt: die Not und die Furcht vor Entfremdung von Gott, die Juden und Christen gemeinsam schreien lässt."

Reziprozität des Herzens

Die Diskussion über den Islam war beim katholischen Symposium in Prag lebhafter, nicht zuletzt weil durch die Anschläge des 11. September und die Migration nach Europa das Thema unter den Nägeln brennt. Der Budapester Islamwissenschafter Miklós Maróth arbeitete die kulturgeschichtliche Wirkung des Islam in Europa heraus. Maróth wies auch auf den politischen Einfluss der Philosophie des Aristoteles hin, die - über mittelalterliche islamische Denker - im lateinischen (West-) Europa bestimmend war, während das "byzantinische Europa" - inklusive der Orthodoxie und des Islam - politisch von Platon geprägt wäre: eine Unterscheidung, die heute noch für die Differenzen zwischen Orient und Okzident plausibel scheint.

Der Prager Orientalist LuboÇs KropáÇcek plädierte für den intensiven Dialog zwischen Muslimen und Christen in Europa. KropáÇcek ging aber auch auf Europas Verantwortung für christliche Minderheiten in den islamischen Ländern ein, wobei er dem oft zitierten Prinzip der "Reziprozität" ("Moscheen in Europa nur dann, wenn auch Kirchen in Saudiarabien erlaubt werden") nur bedingt nahetrat: Es gehe, so KropáÇcek, um eine "Reziprozität des Geistes und des Herzens": "Wenn christliche Minderheiten in mehrheitlich muslimischen Ländern Not leiden, dann sollten die in Europa lebenden Muslime dafür weder verantwortlich gemacht noch genauso behandelt werden."

Krätzl und Fitzgerald

Schließlich kam auch in Prag die Frage eines Gottesbezugs in der EU-Verfassung aufs Tapet. Der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl meinte, wichtiger als die Nennung des Gottesnamens sei es, dass die Kirchen und Religionen ihre Werte in der EU sichtbar machen und auch ihre Rechtsstellung sichern könnten. Ähnlich äußerte sich der ebenfalls anwesende Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, Erzbischof Michael L. Fitzgerald: Es sei zu spät, für die Aufnahme des Gottesbezugs in die EU-Verfassung in den Kampf zu ziehen. Wichtiger wäre es, so der oberste vatikanische Religionsexperte, dass sich Europas Weg an den Spuren Abrahams orientiere.

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