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Facebook erklärt die Welt durch Nutzer

Soziale Netzwerke besitzen umfangreiche Informationen über das Privatleben ihrer Mitglieder. Das ermöglicht lukrative Werbedeals und - mehr oder weniger - interessante statistische Auswertungen.

Junge Liebe erblüht bevorzugt am Beginn der Woche. Mit dieser Erkenntnis wartet das "Facebook Data Team“ rechtzeitig zum Frühling auf. Diese Abteilung des kalifornischen Unternehmens beschäftigt sich mit Auswertungen des Onlineverhaltens ihrer Mitglieder. Im konkreten Fall analysierten sie Veränderungen, die amerikanische User zwischen 2010 und 2011 an ihrem Beziehungsstatus vorgenommen hatten und die auf eine Trennung oder eine neue Beziehung hinweisen. Also entweder eine Änderung des Statuseintrags von "Single“ oder "geschieden“ zu "in einer Beziehung“ oder "verlobt“ - oder umgekehrt. Damit lässt sich statistische Spielerei betreiben.

Zum Beispiel zeigt sich, dass während der Sommermonate Mai bis August eher Flaute in der Partnersuche angesagt ist. Den höchsten Ausschlag zugunsten neuen Liebesglücks gibt es am Valentinstag und - ein bisschen überraschend - zu Weihnachten. Nach Wochentagen aufgeschlüsselt zeigt sich der Montag als stärkster Liebestag - hier werden am meisten neuen Bande geknüpft. Das nimmt bis zum Donnerstag ab, Freitag und Samstag sind "Trennungstage“. Ab Sonntag geht es wieder bergauf.

Info zieht weite Kreise

Doch das Facebook Data Team hat auch weniger Banales zu bieten. So untersuchten die Forscher etwa, wie sich Neuigkeiten in sozialen Netzwerken ausbreiten. Häufig wird der Vorwurf erhoben, soziale Netzwerke funktionieren wie eine "Echokammer“. Informationen würden lediglich innerhalb einer engen Gruppe Gleichgesinnter kursieren. Dadurch bleibe der inhaltliche Austausch zwischen Freunden auf einige wenige Kernthemen beschränkt, die alle interessieren. Wie die Untersuchung zeigt, trifft dies nicht zu.

Die meisten Nutzer sozialer Netzwerke unterhalten nämlich neben einem engen Freundeskreis auch lose Beziehungen zu Leuten, die sie nur entfernt kennen. Gerade diese "schwachen Bindungen“ erfüllen eine Schlüsselfunktion bei der Verbreitung von Neuigkeiten. Sie liefern mit höherer Wahrscheinlichkeit Informationen, die man innerhalb der eigenen Kerngruppe nicht erhält. Zum Beispiel Links auf Webseiten, Nachrichten oder Produktempfehlungen. Der Clou dabei: erhält ein Facebook-Nutzer solche Informationen von entfernten Bekannten angezeigt, teilt er diese mit höherer Wahrscheinlichkeit innerhalb seines Kreises enger Freunde, als wenn die Information direkt von einem engen Freund kommt. Das für Facebook nicht ganz unschmeichelhafte Ergebnis der Untersuchung läuft also darauf hinaus, dass es eine geeignete Plattform für die Verbreitung von Nachrichten mit echtem Neuigkeitswert ist.

Die empirische Sozialforschung ist höchst interessiert an den gewaltigen Datenmengen, die innerhalb der ständig wachsenden sozialen Netzwerke entstehen. Der 2004 gegründete Platzhirsch Facebook vernetzt mittlerweile knapp 850 Millionen Personen. Sehr wahrscheinlich dürfte in der heurigen zweiten Jahreshälfte die Milliarde geknackt werden. Die Nutzer sozialer Netzwerke sorgen nicht nur für einen enormen Datenverkehr, der mittlerweile sogar jenen von Anfragen an Suchmaschinen übersteigt. Sie liefern Wissenschaftlern gleichzeitig zahlreiche Informationen. Selbst wenn das oft gar nicht beabsichtigt ist.

Wie verräterisch die Selbstdarstellung im Netz zumindest für das geschulte Auge von Fachleuten sein kann, zeigt eine medizinische Studie aus den USA. Die Autoren haben darin untersucht, ob sich aus persönlichen Einträgen der Nutzer in sozialen Netzwerken Rückschlüsse auf deren Trinkverhalten ziehen lassen.

Umfrage zur Daten-Analyse

Zuerst wählten sie per Zufall etwa 300 Facebookseiten von College-Studenten im Alter zwischen 18 und 20 Jahren aus. Diese klassifizierten sie danach, ob die Einträge gar nicht, nur gelegentlich oder über massiven Alkoholkonsum, bzw. starke Trunkenheit berichteten. 216 der Studenten erklärten sich zudem bereit, den AUDIT-Fragebogen (Alcohol Use Disorders Identification Test) auszufüllen. Dieser erlaubt mittels zehn Fragen eine standardisierte Einschätzung über das Risikopotential des Trinkverhaltens. Anschließend verglichen die Forscher das AUDIT-Ergebnis mit den Facebookseiten der Teilnehmer. Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen beiden. Wer etwa auf Facebook über exzessive Alkoholerlebnisse geschrieben hatte, zählt mit höherer Wahrscheinlichkeit zur Risikogruppe gemäß AUDIT-Test. Außerdem liegt sein Testergebnis um durchschnittlich 89 Prozent höher als bei Vertretern jener Gruppe, die im sozialen Netzwerk noch nie über Alkoholerfahrungen berichtet hatten.

Vergleichsweise amüsant mutet demgegenüber eine Beobachtung an, von der Neuroforscher des University College London vergangenen Oktober im Fachjournal Proceedings of the Royal Society berichteten. Demnach besteht ein Zusammenhang zwischen der Anzahl an Freunden, die jemand bei Facebook hat und der Größe bestimmter Hirnregionen. Die betreffenden Regionen sind unter anderem für die Verarbeitung von Emotionen, Erinnerungen und der Wahrnehmung bewegter Objekte verantwortlich.

Wachsender Beliebtheit erfreuen sich derzeit Untersuchungen über den Zusammenhang von Stimmungen und der Nutzung sozialer Netzwerke.

Freude an sich selbst

Italienische und amerikanische Forscher ließen 30 Testpersonen drei Minuten lang ihr eigenes Facebookprofil betrachten. Gleichzeitig haben sie Hautwiderstand, Atemfrequenz, elektrische Hirnaktivität und Pupillenerweiterung gemessen. Das Ergebnis: bei den Probanden stellte sich ein Zustand freudiger Erregung ein. Dieser Effekt könnte eine Ursache für die rasante Verbreitung sozialer Netzwerke sein, vermuten die Wissenschaftler.

Das Facebook Data Team geht weiter. Seit einigen Jahren werten sie Statusmeldungen der User aus, mit denen diese ihren Gefühlszustand zum Ausdruck bringen. Ähnlich wie beim Beziehungsstaus werden positive und negative Gefühlsausdrücke gezählt und anschließend die Differenz gebildet. Daraus bilden die Statistiker für jeden Tag des Jahres einen länderspezifischen Wert - das Bruttonationalglück. Betrachtet man die Spitzenwerte der Kurven, sieht man, wann sich ein Land, bzw. der Facebook nutzende Teil davon, am wohlsten oder unwohlsten fühlt. Österreich verhält sich hierbei recht unspektakulär: am glücklichsten sind wir zu Sylvester.

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