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"Filme sind ein Lebensmittel und kein Pflichtprogramm"

Österreichs Filmszene: Ein Gespräch - post Oscar-festum. Götz Spielmann, Regisseur Qualitätsfilm-Verleiher michael Stejskal ortet gleichfalls weiterhin mangelndes und Produzent, meint, der Oscar könnte das Bewusstein dafür vergrößern, dass Filme ansehen sexy ist. Selbstbewusstsein der heimischen Filmbranche, ruft aber gleichzeitig zu mehr Gelassenheit auf.

Die Furche: Wäre ein Film wie Götz Spielmanns "Revanche" ein dänischer Film, so könnte man locker 250.000 Zuseher erwarten. Zumindest lautet die konkrete Einschätzung eines dänischen Filmexperten so. Wieso ist das in Österreich nicht denkbar?

Michael Stejskal: Österreich ist nicht Dänemark. Denn einerseits sind wir Teil eines großen Sprachraumes, wo regelmäßig synchronisiert wird. Da bei Massenstarts dadurch die Serienkopien wesentlich billiger sind, bedeutet das, dass ein Trend hin zu den großen Filmen verstärkt wird. Kleinere Filme werden damit strukturell benachteiligt. Und wer in Dänemark einen Film in seiner Landessprache sehen will, muss in einen dänischen Film gehen, während bei uns durch die Synchronisation so gut wie alle Filme auf Deutsch angeboten werden. Ein weiterer Faktor ist, dass wir viel monopolistischere Strukturen haben als in anderen Ländern. Wir haben die Programmkinos, die sehr streng auf Filmkunst ausgerichtet sind und die Multiplexe - dazwischen gibt es nicht viel. Aber sogar so "bildungsbürgerliche" Häuser wie die Urania oder das Künstlerhaus-Kino werden zentral in größeren Einheiten programmiert. Eine gewisse Eigenwilligkeit der Programmpflege fällt dadurch weg. Es gibt auch kaum - wie etwa in der Schweiz - Kinobetreiber, die ihr Programm pflegen und sich in die Filmauswahl einbringen.

Die Furche: Welche Zuseherzahl erhoffen Sie sich für "Revanche", der im Mai in die Kinos kommt?

Stejskal: Man soll sich immer ein Ziel vornehmen, an dem man die Kampagne ausrichtet: Wir wollen die Zahl von 20.000 deutlich überschreiten. Wenn man die Kampagne so anlegt, dann macht es keinen großen Unterschied mehr, ob man 25.000 oder 40.000 erreicht. Natürlich gibt es einen Unterschied vom finanziellen Ergebnis her, aber von der Kampagne her selbst, umsetzungstechnisch, ist es nicht viel anders.

Die Furche: Götz Spielmann, wenn Sie die Zuseherzahlen hören: Interessieren Sie die überhaupt?

Götz Spielmann: Natürlich interessiert mich das, weil ich Filme nicht zur Selbstverwirklichung, sondern fürs Publikum mache. Das heißt aber nicht, dass ich mich prostituiere. Aber ich mache Filme, damit sie gesehen werden. Außerdem bin ich auch Mitproduzent, also muss mich die Zuseherzahl interessieren.

Die Furche: Der Film hatte in Berlin seine Weltpremiere und ist dort sehr gut angekommen. Inwiefern hilft dies dem Film bei seinem Start? "Die Fälscher" liefen 2007 auch in Berlin, dennoch waren den Zuseherzahlen, um es nett auszudrücken, mager.

Spielmann: Es gibt Faktoren, die man ändern muss, damit der Film auf dem eigenen Markt besser funktioniert. Das Publikum muss verstärkt erkennen, dass es toll ist, wenn man Filme sieht, wenn man sich mit Filmen auseinandersetzt, mit der eigenen Kultur, mit dem eigenen Umraum, die mit einem selbst mehr zu tun haben als das, was einem importierte Kultur bieten kann. Ich weiß nicht, ob das Burgtheater gut funktionieren würde, wenn es nur zwei Monate im Jahr offen hätte. Das Burgtheater hat eben immer offen, es ist präsent, deshalb ist es auch als kulturelle Institution präsent. Es gibt zu wenig Filme, die diese Präsenz halbwegs durchgehend schaffen. Wir müssen mehr Filme machen, mehr Filme machen können.

Die Furche: Hat der österreichische Film nach wie vor zu wenig Selbstbewusstsein?

Spielmann: Auch da kann man etwas ändern. Denn in diesem Land funktioniert das Selbstbewusstsein nur auf eine sehr altmodische Weise. Wenn sich das ändert, wird auch größere Neugierde, eine größere Forderung da sein nach eigener Kultur, wie das zum Beispiel in der Literatur in letzter Zeit verstärkt stattfindet. Um auf den Vergleich mit Dänemark zurückzukommen: Ich glaube, dass in Dänemark, im Gegensatz zu Österreich, Filme als eine wichtige zeitgenössische Kunstform im Bewusstsein von kulturell interessierten Menschen vorhanden sind. Bei uns hingegen gibt es viele, die glauben, Kulturmenschen zu sein, aber überhaupt kein Problem damit haben, noch nie einen Film von Michael Haneke gesehen zu haben. Das ist nicht Kultur. Das ist versäumte Geistesgegenwart. Wenn sich da etwas ändert, dann wird das Interesse und die Forderung nach qualitativ hochwertigen österreichischen Filmen größer werden.

Die Furche: Was bedeutet der Oscar für "Die Fälscher"?

Stejskal: Es ist eine Mär, dass "Die Fälscher" so schlecht gelaufen ist. Das war der am zweitbesten besuchte österreichische Film im letzten Jahr. Der Oscar ist jetzt natürlich ein unschlagbares Wertepool. Dem Film kommt jetzt natürlich auch in einem besonderen Maß zugute, dass er ein schwieriges Thema in einer für das Publikum sehr zugänglichen Weise gestaltet. Als Film selber wird er ja um nichts besser oder schlechter, weil er den Oscar bekommen hat.

Spielmann: Aber vielleicht ändert sich etwas dadurch, und wenn es nur eine Veränderung der Grundhaltung ist. Du bist immer so ein Realist, das macht mich manchmal narrisch, denn der Realismus ist immer so nahe am Pessimismus. Und der Realismus hat so wenig an Veränderungsenergie: Ich halte es durchaus für möglich, dass dieser Oscar das Bewusstsein dafür vergrößert, dass es sexy ist, diese Filme anzusehen, dass Kunst sexy ist, dass Film klass ist, dass das etwas Intensives, Spannendes, Schönes ist. Wenn ich von Kunst rede, dann meine ich ja nicht, dass man sich eine Mühe mehr im Leben aufhalst. Kunst ist ein Energiespender, eine Kraftquelle. Wir brauchen mehr Publikum, weil es gut ist für die Leute, wenn sie gute Filme sehen!

Stejskal: Du siehst das auch ein wenig falsch. Teil meines Jobs ist es, mich im Rahmen der Gegebenheiten in einer Weise zu bewegen, dass ich das Maximale für die Filme heraushole. Aber ich muss die Gegebenheiten nehmen, wie sie sind! Wir verändern permanent im Kleinen, es ginge ja auch nicht anders, weil Stillstand sowieso der Tod ist. Man muss die Frage stellen: Wie positioniert man einen Film im Rahmen der Gegebenheiten, um ihm überhaupt eine Chance zu geben? Ich glaube durchaus, dass mit diesem Oscar etwas bewegt werden kann - längerfristig. Die letzten beiden Jahre waren grauslich, weil es mit den Besucherzahlen steil bergab gegangen ist. Ich bin mir sicher, dass wir aus aus diesem Wellental herauskommen. Natürlich wäre man diesen Schwankungen nicht so ausgesetzt, wenn es größeres Produktsvolumen gäbe. Und dadurch würde es uns in schlechten Jahren auch nicht so schicksalhaft durchbeuteln, weil es grundsätzlich mehr Akzeptanz für die Wertigkeit dieses Kunstzweiges gäbe.

Spielmann: Wichtig ist mir, festzuhalten, dass es - als Reaktion auf die Problematik - völlig falsch wäre, die Filme jetzt zu banalisieren, zu trivialisieren, damit man irgendwie mehr Zuseher erreicht. Man muss selbstbewusst bleiben.

Die Furche: Also Kunst mit Quote?

Spielmann: Man muss die künstlerische Qualität vertiefen, verschärfen und das Publikum dafür finden. Und nicht das Filmschaffen banalisieren.

Die Furche: Also Radikalisieren statt Banalisieren?

Spielmann: Wenn man das Wort ganz ursprünglich versteht, also zur Wurzel vordringen, dann ja. Radikalität ist ja etwas anderes als Extremismus. Es gibt dagegen die Tendenz, zu sagen: Die Kinosituation ist schwierig, also machen wir doch Filme, die die Leute anschauen wollen. Das führt zur Trivialisierung und ist nur mittel- oder kurzfristig eine Verbesserung.

Stejskal: Da widerspreche ich, weil ich finde, dass wir schon einmal weiter waren. Denn wir brauchen nicht nur mehr Selbstbewusstsein, da gebe ich dir völlig recht, wir brauchen auch mehr Gelassenheit. Diese neurotische, emotionale Aufladung, die bestimmte Fragen in den letzten zwei Jahren erfahren haben, zeigt aber genau das Gegenteil. Das ist weder gelassen noch selbstbewusst. Eigentlich dachte ich, wir sind darüber hinweg, das eine Segment gegen das andere auszuspielen, die "Kunst" gegen den "Kommerz", den "anspruchsvollen Film" gegen den "Publikumsfilm". Es ist Mumpitz zu sagen, man darf nur Filme machen, die wirklich gehen: Wenn das so einfach wäre, gäbe es keine Flops im Kino. Das ist also ein absurdes Rezept …

Spielmann: … das scheitert, wie man in Hollywood sieht.

Stejskal: Man scheitert mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dort wie da, das ist unserem Geschäft immanent. Ich halte es für fundamental, dass man auch triviale Filme hat, die vielleicht den Oberkritikern nicht gefallen, die nicht den Ehrgeiz haben, die Goldene Palme von Cannes zu gewinnen, die das heimische Publikum erreichen und die gut besucht sind. Im Grunde genommen brauchst du immer beides, wenn es einem nationalen Filmschaffen gut gehen soll. Man braucht Filme, die das heimische Publikum liebt, egal weswegen, und man braucht Filme, die die Kunst vorantreiben, die innovativ sind, die radikal sind, die auf Festivals Resonanz finden …

Die Furche: … und die keine Quote machen?

Stejskal: Kein Regisseur wünscht sich, dass seine Filme nur von wenigen gesehen werden! Das ist ein polemisches Missverständnis. Es wäre ganz wichtig, eine Form von Selbstbewusstsein zu haben, dass man sich hier klar positionieren kann, aber dass man neben der eigenen Wahrheit auch andere Wahrheiten anerkennt. Das ist das eine. Das andere ist die Gelassenheit zu ertragen, dass Filme auch schiefgehen können - im künstlerischen Sektor wie im so genannten publikumswirksamen Sektor. Manchmal nimmt man sich was vor - und es geht daneben.

Spielmann: Die Durchschnittsqualität beim österreichischen Film ist im internationalen Vergleich erstaunlich hoch. Wir sehen ja nicht die 110 spanischen Filme und deren durchschnittliche Qualität. Wir sehen einen Almodóvar, und dann jedes zweites Jahr noch einen, der, weil er so gelungen ist, den Weg über die Grenzen schafft.

Stejskal: Das Scheitern kann unterschiedliche Gründe haben. Es kann ja sein, dass der Film wirklich nicht gut ist, was bei Gott keine Schande ist. Würden wir hier in Österreich nie scheitern, wären wir das einzige Land weltweit, wo nur Meisterwerke entstehen. In diesem Kontext muss man auch sehen, dass auch mehr als 50 Prozent der US-amerikanischen Filme gar nicht ins Kino kommen, sondern gleich in die Sekundärverwertung gehen. Wieso soll das bei uns anders sein? Der Film kann aber auch großartig sein, aber man scheitert, weil er das Publikum nicht erreicht, aus welchen Gründen auch immer.

Spielmann: Das ist kein Scheitern!

Stejskal: Oh ja, ich glaube schon, dass das eine Form des Scheiterns ist …

Die Furche: … das Scheitern an der Kinokasse.

Spielmann: Das ist kein Scheitern! Im Kosmos geht nichts verloren.

Die Furche: Themenwechsel: Was muss sich in der österreichischen Politik in Bezug auf Film ändern?

Spielmann: Ich glaube, hauptsächlich das Bewusstsein dem Film gegenüber. Ein wirkliches Wissen, warum es gut, richtig, eine Chance für das Land ist, wenn es ein vitales Filmschaffen hat. Würde dieses Bewusstsein kulturpolitisch wirklich vorhanden sein, dann erfordert es Maßnahmen, die man ergreifen muss, und das, was man ändern muss, ergibt sich dann von selbst.

Stejskal: Ich sehe das ähnlich. Und da will ich zur Politik und deren Repräsentanten zurückkehren. Denn den Politikern kommt eine besondere Verantwortung zu, eine gewisse Haltung zu entwickeln. Die ist aber nicht da: Solange Politiker denken, auf dem Fussballplatz mehr Stimmen gewinnen zu können als bei einer Filmpremiere oder einem Kinobesuch, werden sie auf den Fussballplatz gehen. Worüber ich mich wundere ist, dass auch bei sonst aufgeschlossenen und kulturbewussten Politikern das persönliche Interesse nicht da ist, sich den einen oder anderen Film anzusehen, unabhängig davon, dass man sich dort zeigen kann, um ein paar Wählerstimmen zu ergattern.

Spielmann: Ich will eigentlich keine Politiker bei meiner Premiere dabei haben, die dies als Pflichterfüllung oder Vortäuschen von kulturellem Interesse sehen - wir armen Menschen, wir haben eine so furchtbare Arbeit, und dann müssen wir den Abend auch noch unangenehm verbringen … Das ist ja gegen meine Ehre! Ich mache Filme, damit man Freude hat, dass man Kraft gewinnt, dass man Fragen präzisiert. Es ist ein Lebensmittel und kein Pflichtprogramm!

Das Gespräch führten Otto Friedrich und Matthias Greuling.

Götz Spielmann, Jahrgang 1961, gehört zu wichtigsten Autorenfilmern in Österreich. Sein jüngster Film "Revanche" erhielt heuer bei der Berlinale den C.I.C.A.E. Preis. Der Film wird auch auf der Diagonale gezeigt, in den Kinos läuft er im Mai an.

Michael Stejskal ist Geschäftsführer des Wiener Votivkinos und des Verleihs "Filmladen", der Filme aus dem gehobenen Qualitätssektor in die heimischen Kinos bringt. Auch Oscar-Preisträger "Die Fälscher" ist in seinem Verleihprogramm zu finden.

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