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Fleisch gewordene Traumbilder

In seinem schriftstellerischen Werk setzt sich der deutsche Autor Patrick Roth oft mit biblischen Motiven und Gestalten auseinander. Auch in seinem Roman "Sunrise. Das Buch Joseph“ nimmt er die Erzählungen der Schrift zum Ausgangspunkt seiner literarischen Arbeit und entwirft eine fiktionale Biografie des Joseph, des Ziehvaters Jesu.

DIE FURCHE: Welchen Stellenwert hat das Religiöse in der heutigen Literatur?

Patrick Roth: Ich kann darauf nur subjektiv antworten - und muss zunächst definieren: "Das Religiöse“ in der Literatur wäre für mich ein Bezogensein auf ein Unendliches. Dem gälte es durch einen Prozess persönlicher Bewusstwerdung Ausdruck zu verschaffen im Wort. Und zwar so, dass das mir Widerfahrene - die Spur einer authentischen Begegnung mit dem Numinosum - auch anderen lesbar würde, sie zu Spurenlesern machte. Diese Spur aber führt nach innen, ins Unbewusste, zu den seelischen Bildern - die wir heute mit Füßen treten. Wir stehen auf dem Scherbenhaufen unseres Glaubens - dem "heap of broken shards“, von dem T.S. Eliot in "The Waste Land“ spricht. Da liegen Glaube, Seele, Gefühl: völlig missachtet, un-erhört, wegrationalisiert. Sie fragten nach dem "Stellenwert“. Sehen Sie, so quantifizierend denken wir heute allesamt und immer wieder. Das ist Gift für die Seele, macht sie krank. Das qualitative Denken - das im Menschen das einzigartige Individuum sieht, keine statistische Ziffer - wird uns immer fremder, ist schon so gut wie verschwunden. Als könnten wir es uns nicht mehr "leisten“! Das Denken in Listen, in Statistiken, in Stellenwerten herrscht überall - beherrscht auch Aspekte der Literatur. Als Anfang der 1990er Jahre meine erste Novelle "Riverside“ erschien, wurde sie als "Querschläger“ bezeichnet, der nicht in die Literaturlandschaft passte. Man hielt das Buch - seinem Inhalt und Sprachstil nach - für ein "postmodernes Spiel“, einen "Bibel-Thriller“. Mit den folgenden Büchern dann bemerkten einige, dass es mir mit den Bildern, von denen ich erzähle, ernst ist. Das geht vielen immer noch über die ästhetische Hutschnur. Dass ich prinzipiell keine Trennwand will zwischen Literatur und Religion, zwischen Kunst und Religion, ist vielen nicht verständlich, ist ihnen geradezu unheimlich.

DIE FURCHE: Inwiefern "unheimlich“?

Roth: Letztlich, weil man die Bilder - die inneren Bilder - nicht ernst nimmt. Man glaubt, das Ich sei "Herr“ dieser Bilder, das Ich - der Künstler - habe die Bilder "gemacht“, "erfunden“. Man identifiziert das Ich mit der Quelle der Kreativität. Un-heimlich wird es, wenn ich erkenne, dass es ein zweites Zentrum gibt und das Ich keineswegs Herr ist im "eigenen Haus“. Einer Vertreibung aus dem Paradies kommt das gleich. Denn "Heim“ war uns jener Zustand unbewusst-kindlicher, psychisch inflationierter Alleinregentschaft. Als "unheimlich“ empfindet man dann jedes Anzeichen eines Erwachens, jede Ahnung, dass eine rein ästhetische Einstellung unhaltbar wird und dem Ich - je mehr es die Realität der inneren Bilder anerkennt - notwendig ethische Konsequenzen zugemutet werden. Dann ist das schöne Spiel aus. Jetzt wird es ernst, jetzt wird es verbindlich.

DIE FURCHE: In Ihrer "Christus Trilogie“ und in "SUNRISE. Das Buch Joseph“ beschreiben Sie religiöse Erfahrungen, die auf das Göttliche bzw. eine transzendente Dimension verweisen. Schreiben Sie also "transzendentale Poesie“, wie in einer Rezension Ihres letzten Buches, "Die amerikanische Fahrt“, zu lesen war? Oder anders gefragt: Sind religiöse Erfahrungen Voraussetzung für Sie, um darüber schreiben zu können?

Roth: Ich kann nur sagen, dass ich erfahren haben muss, worüber ich schreibe. Solche Erfahrungen können oft nicht eins-zu-eins weitergegeben werden. Das ist auch gar nicht meine Absicht. Dem Leser oder Zuhörer eine Passage zu schaffen, das wäre mein Ziel. Eine Passage zur Erfahrung dessen, was bis dahin un-erhört war in ihm oder ihr.

DIE FURCHE: In Ihren Büchern mit biblischen Bezügen benutzen Sie oft eine Sprache, die an frühe Bibelübersetzungen von Martin Luther erinnert. Inwieweit braucht es eine Sprache, die befremdet und irritiert?

Roth: In der "Christustrilogie“ und in "SUNRISE. Das Buch Joseph“ arbeite ich mit einer Sprache, die sowohl die Ratio als auch das Unbewusste des Lesers aktiviert. Es werden Bilder aus einiger Tiefe heraufgerufen, mit denen die Ratio, die Alltagsratio - das Ich, das in "SUNRISE“ etwa durch Joseph verkörpert wird - in Konflikt gerät, sich auseinandersetzen muss. Das heißt: die Sprache wird zur Mitte, einer Schicht, in der sich die Gegensätze - hier das Unbewusste und Halbbewusste, dort die Ratio und unser Bewusstsein - nicht länger nur abstoßen oder begraben, sondern ständig hervorrufen, einander ansichtig werden. Dadurch kommt es sprachlich-inhaltlich zu einem dynamischen Dritten: einer Vermählung der Gegensätze. Das eine sieht jetzt das andere. Das wäre Voraussetzung für eine Bewusstwerdung - die sich beim Leser ereignen kann. Kann, nicht "muss“. Mit einer rein rational erzählenden Sprache wäre das so nicht möglich. Ich kann, um ein Beispiel zu geben, erzählen, wie Joseph einst über die Mauer eines Gartens stieg, um einen gefesselten ägyptischen Sklaven vom Baum zu schneiden. Ich erzähle, dass es sich hier "in gewisser Weise“ um den Paradiesgarten handelte - aber erfahrbar wäre dieser Inhalt auch nicht annähernd. Die Sprache in SUNRISE zielt aber auf eine Erfahrung. Eine Erfahrung des Nicht-Alltäglichen. Und kommt daher auch nicht "licht und klar“ daher, sondern bringt das Dunkel des Unbewussten mit. Denn auch das will abgebildet, will ansichtig werden. Wie Neith, die Erzählerin von SUNRISE, selbst sagt: "Nicht wissen sollt ihr’s, ihr sollt es erfahren. Denn ihr wißt es bereits, aber ohne Erfahrung.“

DIE FURCHE: Wieso sind es gerade biblische Figuren wie Jesus, Joseph von Nazareth, Maria Magdalena oder Thomas, die Sie in Ihren Werken beschreiben? Was fasziniert Sie an biblischen Figuren?

Roth: Der persönliche Zugang zur Bibel und ihren Bildern, ihren Figuren kam erst in der Isolation, während der ersten zehn, 15 Jahre in Los Angeles zustande. Über Träume, die ich hatte - deren Bildmuster ich unter anderem in Büchern der Bibel wiedererkannte. Damit setzte die allmähliche Wende ein, die ich in "Die amerikanische Fahrt“ beschreibe - eine Wende vom äußeren Bild, dem Filmbild, das mich faszinierte, hin zum inneren, dem zeitlosen Bild, das dem äußeren Bild das Feuer-der-Faszination nur leiht, ihm immer zugrunde liegt. Die Figur des Joseph z.B. ist - ihrem archetypischen Wesen nach - notwendig zeitlos. Nicht umsonst hieß ihr Vorläufer im Alten Testament ebenfalls "Joseph, Sohn Jakobs“. Aber sie ist auch höchst aktuell. Joseph hat die richtige Einstellung zu den Träumen und damit zum Unbewussten. Er vertraut - und fürchtet zugleich. Und - das ist das Entscheidende - er lässt den Traum Fleisch werden, indem seinen Widerspruch aushält, ihn deutet, ihm statt gibt, das heißt: Wirklichkeit verschafft in unserer alltäglichen dreidimensionalen Realität. Er handelt - verantwortet damit den Traum. Hier ist die ethische Dimension, von der ich vorhin sprach. Das Traumbild wird nicht nur bestaunt, sondern ernst genommen: Joseph antwortet dem empfangenen Bild - als sein Partner. Dabei beharrt er auf seinen Grenzen, auf seinem Menschsein. Joseph, so sehe ich ihn, ist der Archetyp eines neuen, zunehmend tag- und traum-bewussten Menschen.

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