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Folgt die Theorie der Praxis?

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„Beichtmütter - warum eigentlich nicht?” Theologen erwarten eine Weiterentwicklung der Amter und Dienste in der katholischen Kirche.

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„Beichtmütter - warum eigentlich nicht?” Theologen erwarten eine Weiterentwicklung der Amter und Dienste in der katholischen Kirche.

Die Theologen unter den Referenten waren sich einig: Gegen eine situationsgerechte Weiterentwicklung der Ämter und Dienste in der katholischen Kirche - etwa in Richtung Weihe von seelsorglich tätigen Laientheologen - gibt es weder seitens der Bibel noch der Dog-matik Einwände. „Amt und Dienst - Umbruch als Chance” lautete das Thema der Österreichischen Pastoraltagung, die vergangene Woche in der Konzilsgedächtniskirche in Wien-Lainz stattfand. Mehr als 500 Teilnehmer aus ganz Österreich und allen Nachbarländern erlebten bei dieser traditionsreichen Veranstaltung vorwärtsdrängende Theologie-

Srofessoren und bremsende Bischöfe, enen freilich der Kurs Roms, etwa beim- Thema Frauenpriestertum, kaum Spielraum läßt:

Der Salzburger Bibelwissenschaftler Wolfgang Beilner verwies in seinem Vortrag auf die erstaunliche Vielfalt an Diensten in den frühen Christengemeinden - von ausgebildeten „Amtern” konnte damals ja noch keine Rede sein. Neben den in der Urkirche zentralen Funktionen des Apostels als Heilszeugen und des geisterfüllten Propheten gab es unter anderem Diakone, Lehrer, Evangelisten, Hirten, Älteste, Bischöfe, Vorsteher. Darunter gab es, wie Beilner hervorhob, „ganz selbstverständlich und in bemerkenswerter Zahl Frauen”. Sogar eine „Apostelin” namens Junia werde bei Paulus erwähnt. Der im Neuen Testament belegte Reichtum an Charismen, verschiedenen Begabungen durch Gott, darf nicht auf einige wenige „enggeführt” werden, meint der Bibelwissenschaftler. Daß sich heute das Weiheamt nur in den hierarchischen Stufen Bischof, Priester und Diakon entfaltet, bedeute nicht, daß nicht wieder eine Ausweitung denkbar sei. „Was einmal in der Kirche rechtens war, muß auch unter anderen Umständen rechtens sein”, argumentiert Beilner.

Auch der Münchner Dogmatiker Peter Neuner hält es für theologisch konsequent, das. katholische Amtsverständnis auszuweiten. Viele „Laien” nähmen mittlerweile Aufgaben wahr, die früher Priestern vorbehalten waren, die traditionelle Zuteilung des geistlichen Bereiches an die Kleriker und des „Weltdienstes” an die Laien stimme längst nicht mehr.

Laientheologen dürfen - in Einklang mit dem geltenden Kirchenrecht - Wortgottesdiensten und Begräbnissen vorstehen, Taufen und Trauungen vornehmen, Kommunion austeilen und predigen, in vielen Diözesen werden sie als Bezugspersonen in den Pfarren eingesetzt. Warum also nicht auch ein abgestuftes Teilhaben am Weiheamt, fragte Neuner.

Für die Kirche sei es ein „Test ihrer Glaubwürdigkeit, den Gemeinden den vollen priesterlichen Dienst zu ermöglichen”. Deshalb erachtet Leo Karrer, Pastoraltheologe in Fri-bourg (Schweiz), die Priesterweihe von Frauen und „viri probati” als sinnvoll. Leider werde ein erweitertes Amtsverständnis in der Kirchenleitung „nicht offen diskutiert”. Änderungen werde es nicht von heute auf morgen geben können, aber, so der Theologe wörtlich: „Ich kann mir beim Reichtum der Traditionen in der Kirche, bei der Kraft des Geistes Gottes und bei der Energie der kirchlich engagierten Frauen und Männer nicht vorstellen, daß hier Sprach- und Denkverbote den theologisch möglichen und pastoral notwendigen Weg hindern könnten.”

Die gewachsene Bedeutung von Laientheologinnen und -theologen im kirchlichen Dienst werde „offiziell nicht ansatzweise ernstgenommen”, bedauerte Karrer; „vielmehr verkrampft man sich gegen diese Frauen und Männer, als ob es um eine charismatische Naturkatastrophe' ginge, deren Schäden es zu begrenzen gilt.” Zahlreiche Diskussionsbeiträge von in Pfarren tätigen Pastoralassistenten schienen diese Stiefkindrolle zu bestätigen: Berufliche Identitätssuche und Bollenunsicherheit kamen klar zum Ausdruck.

Die Bischöfe, die bei der Pastoraltagung das Wort ergriffen, gaben sich betont zurückhaltend, was die Weihe von seelsorglich tätigen Laien betrifft. Das Entscheidende ist doch der'Glaube - egal, welche Ämter oder Dienste ausgeübt werden, betonte der Salzburger Erzbischof Georg Eder in einer Predigt. Ja, es sei eine „Gefahr”, auf Kompetenzen zu pochen und „für alles ein Statut” haben zu wollen. Bischof Joachim Wanke aus Erfurt in der Ex-DDR forderte von den Laientheologen den Mut zur eigenen Profilierung. Sie sollten ”Fachbegleiter” in jenen Bereichen sein, wo die Priester nicht kompetent sind: im Schuldienst etwa, in der Jugend- und Frauen-seelsorge, in der Krankenhaus- und Gefangenenpastoral. Die Priester sieht Wanke ganz traditionell als Spender von Sakramenten und Vorsteher der Eucharistie.

Vollmacht auf Zeit?

Konkret bedeute das, bedauerte ein Laientheologe aus der Spitalsseelsorge, daß Patienten - wenn sie die Beichte ablegen oder die Kranken-Salbung empfangen wollen — auf einen „fremden” Priester zurückgreifen müssen, mit dem sie nicht schon in langen Gesprächen Vertrauen aufgebaut haben. Für solche Fälle hält Beilner ein vom Aufgabenbereich und von der Zeit her begrenztes Amt für opportun.,Dafür gebe es in der Kirchengeschichte Vorbilder. Auch die Laienbeichte hat, so Beilner, eine lange Tradition. „Wenn manche lieber bei einer Frau beichten, warum sollte es dann nicht sinnvollerweise Beichtmütter geben?”

Das derzeit verkrampfte Verhältnis von „Amt” und „Laien” wird sich im Lauf der Zeit von selber geben, meint Beilner. Die Laien sollten sich bei ihrem Seelsorgedienst an den Menschen nicht von scheinbar starren Regelungen einschränken lassen. Die Theorie werde der Praxis letztlich schon folgen. Beilner: „Die normative Kraft des Faktischen gilt auch in der Kirche.”

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