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Freie Willenskraft des Gehirns

Manche Hirnforscher sehen im „autonomen Ich“ einen Mythos und im „freien Willen“ bloß ein soziales Konstrukt. Solche Provokationen rufen naturgemäß die Philosophie auf den Plan.

Es ist 1,4 Kilogramm schwer, besteht aus mehr als 100 Milliarden Nervenzellen und gilt verbal kokettierenden Zeitgenossen als das größte Sexualorgan des Menschen – das Gehirn. Es steckt ein wenig Ironie in der Tatsache, dass ausgerechnet unser Superorgan, evolutionäres Meisterwerk und großer Koordinator unseres Handelns und Wirkens, Kronzeuge einer Verhandlung gegen die Grundfesten menschlichen Selbstverständnisses sein soll. Die Ergebnisse der Neurobiologie, so meinen nämlich manche Hirnforscher, zeigen, dass das Bild des Menschen als ein selbstbestimmtes Wesen so nicht haltbar ist. Das autonome Ich ein Mythos und der freie Wille bloß ein soziales Konstrukt.

Die hirnforschenden Aufrührer berufen sich gerne auf die Experimente des Physiologen Benjamin Libet aus den Achtzigerjahren. Bei diesen mussten die Probanden zu einem selbstgewählten Zeitpunkt eine Taste drücken und später anhand einer vor ihnen angebrachten Uhr zu Protokoll geben, wann sie sich zum Tastendruck entschieden hatten. Dabei stellte Libet eine elektrische Aktivität im Gehirn fest, das so genannte Bereitschaftspotenzial. Und zwar jeweils ein paar Hundert Millisekunden bevor die Probanden ihren willentlichen Entschluss zu Drücken getroffen hatten. Der bewusste Willensakt sei demnach nur eine Nebenerscheinung, die eigentliche Entscheidung treffe das Hirn auf Grundlage kausal determinierter Naturgesetze selbst. So lautet die gängige Interpretation dieses Experiments seitens vieler Hirnforscher.

Kein Platz für Selbstentscheidung

„Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“, formuliert etwa Wolfgang Prinz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Auch für seinen Kollegen Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung, einen der wortgewaltigsten Vertreter des neuen Menschenbildes, sind sämtliche kognitiven Vorgänge kausal verursacht von neuronalen Aktivitäten. Für ein selbst entscheidendes Ich bleibt da freilich kein Platz. Das Hirn selbst arbeitet nach evolutionär entstandenen Prinzipien der Selbstorganisation, ein Parallelrechner ohne steuernde Kommandozentrale. Das Gefühl, frei handeln zu können, beruht nach Singer auf der frühkindlichen Erfahrung, dass uns mittels Lob und Tadel suggeriert wird, wir könnten autonome Entscheidungen treffen. Doch weil sich das deklarative Gedächtnis erst später in der Entwicklung herausbildet, können wir uns an diese Lernprozesse nicht mehr erinnern.

Feind der Philosophie

Solche Provokationen rufen naturgemäß die Philosophie auf den Plan, die in der Behandlung schwergewichtiger Themen wie Geist oder Bewusstsein über einiges an Erfahrung verfügt. Sie moniert zu Recht, dass manche Hirnforscher sich ihren Feind willkürlich zurechtbasteln. Natürlich ist der solcherart konstruierte Opponent dann leicht zu besiegen. Descartes’ Bild zweier voneinander unabhängiger, sich aber dennoch gegenseitig beeinflussender Substanzen (Geist und Materie) ist zweifellos obsolet. Schließlich widerspricht es grundsätzlichen physikalischen Einsichten über Informationsübertragung und Energieerhaltung. Den wissenschaftlichen Determinismus zu leugnen, ist ein gangbarer, aber anachronistischer Weg. Und einer, auf dem man sich wohl schnell in Gesellschaft weltfremder Fortschrittsleugner wiederfindet.

Zwang und Anstoß

Viel interessanter ist es dagegen, die Frage nach der Willensfreiheit neu zu stellen: (wie) sind freie Handlungen in einer von Naturgesetzen determinierten Welt möglich? Die Antwort auf diese Frage entblößt, welchen Freiheitsbegriff man seiner Argumentation zugrunde legt. Hirnforscher gehen oft relativ unhinterfragt davon aus, dass Willensfreiheit und Determinismus nicht miteinander vereinbar sind. Der Philosoph Michael Pauen von der Berliner Humboldt-Universität weist darauf hin, dass dies selbst eine philosophische These sei, die der Begründung bedarf. Er plädiert demgegenüber für ein Verständnis von Freiheit, das durchaus kompatibel mit naturgesetzlicher Determination ist. Niemand wird leugnen, dass menschliche Handlungen eines äußeren oder inneren Anstoßes bedürfen. Zwischen zwei verschiedenen Berufen zu wählen, setzt den „Zwang“ voraus, arbeiten zu müssen. Für welchen Beruf man sich entscheidet, kann aber dennoch eine freie Entscheidung sein. Und zwar dann, wenn man über Handlungsalternativen verfügt. Man wägt dann ab, führt Gründe für oder gegen die Optionen ins Feld. Dass man dabei von persönlichen Vorlieben, Dispositionen und Erfahrungen bestimmt wird, tut der Freiheit, zwischen Alternativen wählen zu können keinen Abbruch. Plausibel wird diese Betrachtung durch die Tatsache, dass das Gegenteil einer determinierten Handlung nicht eine freie Handlung, sondern eine zufällige Handlung ist. Das Fehlen jeglicher Determination, naturwissenschaftlich-kausaler oder persönlich-präferierender Art, ließe Handlungen völlig unverursacht im begründungstheoretisch leeren Raum hängen – ein philosophisches Unding. Eine im beschriebenen Sinne als Selbstbestimmung verstandene Freiheit stünde hingegen nicht im Widerspruch zur kausalen Lückenlosigkeit der Natur.

Solche Überlegungen weisen darauf hin, dass Philosophen und Hirnforscher womöglich nicht vom selben sprechen, wenn sie „freier Wille“ sagen. In diesem Sinne läge eine Scheindebatte vor. Sinnlos ist sie deswegen nicht. Interdisziplinäre Meinungsverschiedenheiten haben nun einmal ihre Tücken. Die Gefahr ist groß, dass man aneinander vorbeiredet, ohne es zu merken. Dennoch ist es gesund, solche Dispute auszutragen.

Gewinnen oder Verlieren

Die Partizipanten sind aufgerufen, ihr argumentatives Arsenal in der Auseinandersetzung auf neuesten Stand zu bringen, sich mit anderen Ansätzen jenseits des Tellerrandes zu beschäftigen. Und dadurch vielleicht die Konturen ihrer eigenen Disziplin zu schärfen. Speziell für die Philosophie bietet die Diskussion um den freien Willen noch einmal eine Chance, ihre Welterklärungskompetenz unter Beweis zu stellen. Leicht hat sie es dabei nicht. Denn in der breiten Öffentlichkeit überzeugen bunte Bilder computertomografischer Hirnschnitte wohl eher als subtile begriffliche Akkuratesse. Gelingt es der Philosophie nicht, sich mit relevanten Beiträgen einzubringen, sinkt sie im Bild der Öffentlichkeit vielleicht vollends auf das Niveau feuilletonistischen Zeitgeist-Smalltalks herab. Der Streit um die Willensfreiheit ist deshalb auch einer um Erklärungsmonopole und Weltsichten. Wird die Debatte konstruktiv und sauber geführt, was in zunehmendem Ausmaß der Fall ist, geht es nicht mehr um Gewinnen oder Verlieren. Der Sieger wäre dann in jedem Fall die Vernunft.

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