Seine Lebensaufgabe: Die Begeisterung fürs Konzil weitertragen.

Bischof Helmut Krätzl zum 75er.

Der Journalist, zumal der mit Religions-und Kirchendingen befasste, wird, wenn er seine Profession ernst nimmt, sich unter den Hierarchen nicht nur Freunde machen. Eine Zeitung, die sich wie die Furche stärker als vergleichbare Medien auf Religionsdinge einlässt und diese offenen Auges darstellt und bewertet, wird mit manchem Hierarchen ihre liebe Not haben - nicht zuletzt, wenn es stimmt (und es stimmt, leider), dass sich die Intellektuellen in der Kirche fremd fühlen, wie jüngst ein ganzes Themenheft der Zeitschrift Quart schlüssig darlegte.

Und doch existieren Berührungspunkte, gibt es zwischen dem Journalisten, Intellektuellen, Medium auf der einen und dem Kirchenmann auf der anderen Seite so etwas wie "Freundschaft in der Sache". Wenn die Furche unter Österreichs Bischöfen einen ersten solchen "Freund in der Sache" hat, dann ist dies zweifelsohne Helmut Krätzl, der am 23. Oktober seinen 75. Geburtstag begeht.

Der furche-Kolumnist

"Auf Furche-Linie", so betitelte die Redaktion das Porträt Krätzls, das letzten Dezember in der 60-Jahr-Jubiläumsausgabe dieser Zeitung abgedruckt war, "Der Bischof, der Kolumnen schrieb" lautete der Untertitel: Längst bevor andere (Erz-)Bischöfe im Lande sich als Kolumnisten betätigten, gewann die Furche Krätzl - 1988-96 gab es alle 14 Tage sein Mutmachen in schwieriger Kirchenzeit. Man darf vermuten, dass dieses Aufbauen durchaus gegenseitig war: 1985, nach der Emeritierung Kardinal Königs, war landauf landab sein engster Mitarbeiter, Helmut Krätzl eben, als Wiener Erzbischof erwartet worden. Doch bekanntlich kam es zu Roms folgenschwerster personeller Fehlentscheidung, die der Kirche des Landes eine lange Durststrecke bescherte und Helmut Krätzl aus der ersten Reihe der Kirchenpolitik katapultierte.

Diese Ereignisse machten Krätzl aber nicht nur zum Furche-Kolumnisten, sondern zum amtskirchlich wenig gehörten, aber steten Rufer um kirchliche Erneuerung in Weiterentwicklung des II. Vatikanums. Ein "christliches" Schicksal: Auch in seiner Kirchenheimat gilt der Prophet wenig.

Anfang 1960 war Helmut Krätzl als Zeremoniär mit Kardinal König in Jugoslawien zum Begräbnis des von Tito geächteten Kardinals Stepinac unterwegs, als es bei Varasdin zu einem folgenschweren Autounfall kam: Der Fahrer des Bischofswagens wurde getötet, König und Krätzl schwer verletzt und mussten lange ins Krankenhaus. "Die Gemeinschaft des Leidens schuf gewissermaßen eine Art Weggemeinschaft": So würdigte Kardinal König 2001, anlässlich Krätzls 70er, in der Furche das persönliche Verhältnis.

König schickte den Rekonvaleszenten zum Weiterstudium nach Rom: Dort begann gerade das II. Vatikanum. Krätzl wohnte mit dem Konzilskardinal Frings und dem Konzilstheologen Joseph Ratzinger unter einem Dach. Er wurde Konzilsstenograf und erlebte so die spannende Kirchenzeit am Pulsschlag des Geschehens mit.

"Das Konzil hat mein priesterliches Leben geprägt", sagt Krätzl bis heute, 2002 charakterisierte er sich in einem großen Furche-Interview als "Konzilssohn" (sozusagen in der Nachfolge der Konzilsväter wie Kardinal König). 1964 ging er als Pfarrer in Laa an der Thaya, bis ihn König wieder an seine Seite holte, 1977 wurde er Weihbischof, 1981 Generalvikar.

Nach Österreichs Kirchen-"Wende" (Hans Hermann Groërs Ernennung zum Wiener Erzbischof 1986) hielt Krätzl gegen zunehmenden Widerstand an seiner durchs Konzil geprägten Linie fest. Er blieb, so lange er glaubte, etwas bewegen zu können, in der Bischofskonferenz für Schulfragen zuständig, bis heute engagiert er sich für Ökumene und - in den letzten Jahren immer wichtiger - für den interreligiösen Dialog.

Ein unbequem wacher Geist

Bischof Krätzl ist kein lauter Reformer, wohl aber ein wacher Geist geblieben, der sich, wenn es sein muss, Klartext redet: "Zu allen Zeiten haben es sich Menschen in der Kirche bequem gemacht. Die aber, die im Geist des Konzils erneuerte Kirche leben wollten, waren solche nicht" schrieb er 1989 in seiner Furche-Kolumne.

1998 verfasste er mit solchem Impetus sein Buch "Im Sprung gehemmt. Was mir nach dem Konzil noch alles fehlt", in dem er scharfsinnig darlegt, warum und wo die Kirche auf der Stelle tritt. Diese Diagnose, wiewohl nun schon vor acht Jahren getätigt, hat leider nichts an Brisanz eingebüßt - im Gegenteil: Die katholische Kirche, besser: die katholische Kirchenleitung Österreichs präsentiert sich anno 2006 konzilsvergessen; Krätzl würde solcher Diagnose wohl widersprechen, wirbt er doch weiter unermüdlich für ein Fortschreiten auf dem Konzilsweg (er hat dies 2005 auch in der Furche als Kommentator einer großen Serie übers Konzil erneut getan).

Wahrscheinlich gibt es Seelenverwandschaft zwischen oben beschriebenen, in der Kirche verloren umherirrenden Intellektuellen und dem Bischof, der dem amtskirchlichen Zeitgeist durch seine Option für ein weltoffenes, freies, eigenverantwortliches, mündiges Christsein widersteht.

Dass Helmut Krätzl in der Furche zu großen und relevanten Themen als journalistisch begabter Autor (bei Bischöfen eine seltene Eigenschaft!) Stellung nimmt, ist Ehre und Verpflichtung zugleich. Und bedarf eines mehr als herzlichen Dankeschöns - für diese "Freundschaft in der Sache". Seit vielen Jahren.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau