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Friedensrabbi ruft zum Boykott gegen Israel

Er hat seinen Mund beim Check-in am Flughafen München nicht halten können. Darum musste er aus der Reihe der Passagiere für den Flug nach Tel Aviv austreten und wurde einer „Spezialüberprüfung“ unterzogen. Dabei hat Rabbi Jeremy Milgrom gegenüber den israelischen Grenzbeamten nur das wiederholt, wofür er auf seiner kürzlich abgehaltenen Vortragsreise durch Österreich auch geworben hat: ein striktes „BDS“ gegen Israel!

BDS steht für Boycott, Divestment, Sanctions und ist der Aufruf einer palästinensischen Initiative – in Anlehnung an den Kampf gegen das südafrikanische Apartheidregime – Israel auf wirtschaftlicher, kultureller, wissenschaftlicher, sportlicher, militärischer Ebene zu boykottieren. „Jetzt ist die Zeit für Boykott“, sagt Milgrom. Der Rabbi aus Jerusalem weiß, welche Assoziationen er damit in Deutschland und Österreich noch dazu rund um den 9. November auslöst: „Kauft nicht bei Juden!“ – Der nationalsozialistische Schlachtruf aus den 1930er Jahren klingt da in den Ohren. Aber die antisemitische Hetze von damals hat nichts mit einem gewaltfreien Widerstand gegen das israelische Besatzungssystem in den Palästinenser-Gebieten und den illegitimen Mauerbau von heute zu tun, sagt Milgrom. „Wir fordern das ja nicht als Antisemiten, sondern weil wir unser Land und unser Volk lieben.“ – Und: „Die Friedensbewegung auf palästinensischer wie israelischer Seite erwartet sich von Europa ein Signal der Unterstützung und Solidarität.“

1968 ist der amerikanische Jude Milgrom nach Israel gekommen. 15 Jahre war er damals alt und die Reise ins Heilige Land hatte er bei einem Bibelwettbewerb gewonnen. Doch Jeremy Milgrom ist geblieben: „Ich habe gespürt, dass ich in dieses Land gehöre.“ Insofern bezeichnet sich Rabbi Milgrom auch als „Zionist“, denn: „Warum sollten wir als Juden unsere besondere Beziehung zu diesem Land nicht spüren und leben.“ Erst die unheilige Allianz mit dem Nationalismus hat den Zionismus diskreditiert und Israel von Gottes Verheißung an Abraham entfernt, „ein Segen für alle Völker“ zu sein. Denn für den Rabbi geht mit diesem Segen ein moralischer Anspruch einher: „Wenn wir spüren, dass wir in dieses Land gehören, dann müssen wir auch ein Segen sein!“

Jeremy Milgrom tourte mit Zoughbi Zoughbi durch Österreich. Eingeladen vom Internationalen Versöhnungsbund diskutierten der israelische Mitbegründer der Vereinigung „Rabbiner für Menschenrechte“ und der palästinensische Leiter von „Wi’am“, einem Friedenszentrum in Betlehem, über aktive Gewaltfreiheit als Perspektive im Nahostkonflikt.

Israeli und Palästinenser saßen Sessel neben Sessel auf den Podien von Pinkafeld bis Vöcklabruck. Das Bild erinnerte an eine Feststellung, die Milgrom kurz vor dem letzten Irak-Krieg im FURCHE-Interview gemacht hat: „Dialog und Frieden ist eine nette Idee. Aber wenn Sie auf einem Stuhl sitzen, der mit einem Sesselbein auf dem Fuß des Gegenübers steht – dann ist es für dieses Gegenüber nicht akzeptabel, wenn Sie in dieser für ihn schmerzhaften Situation anfangen, von Frieden und Dialog zu sprechen. Zuerst muss das Sesselbein vom Fuß des anderen weg, dann erst kann Dialog beginnen und gelingen.“

Um das israelische Sesselbein vom palästinensischen Fuß zu bringen, hofft Milgrom auf die Kraft eines internationalen Boykotts. Der israelische Grenzbeamte am Flughafen verabschiedete Rabbi Milgrom nach der Kontrolle übrigens mit den Worten: „Don’t give up! – Geben Sie nicht auf!“

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