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Fruchtbare Gratwanderung

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Evangelisches Pfingsthappening in Wien. Christusbilder in der katholischen Ruprechtskirche: Berührungspunkte zwischen Kunst und Kirche bestehen - auch in einem Spannungsfeld.

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Evangelisches Pfingsthappening in Wien. Christusbilder in der katholischen Ruprechtskirche: Berührungspunkte zwischen Kunst und Kirche bestehen - auch in einem Spannungsfeld.

Kunst ist eine besondere Form der Verkündigung," findet Stefan Schumann, der Künstlerseelsorger der evangelischen Kirche. "Tanz und Tischgemeinschaft" haben für ihn viel gemeinsam. Für die Künstler, die das Pfingstfest in der evangelischen Weinbergkirche in Wien-Döbling gestaltet haben, ist das Gotteshaus als neuer Raum der Begegnung eine willkommene Herausforderung. Berührungsängste mit der Kirche hat keiner von ihnen, jeder hat sich mit der Thematik des Pfingstfestes ernsthaft auseinandergesetzt. Respekt vor dem Religiösen ist deutlich spürbar.

Ist Kunst verständlich?

"Es gibt schon mittelalterliche Darstellungen des Heiligen Geistes, wo er in Flammenzungen spricht. Hundsköpfige, großohrige Menschen, die die Botschaft noch nie gehört haben, verstehen auf einmal," fasziniert den Maler und Autor Bernhard Münzenmayer die Vereinigung, die hier über alle Sprachbarrieren hinweg geschildert wird. Kunst will verständlich machen, verständlich sein, genauso, wie es die Bibel schildert. Auch für Regisseur Martin Scharnhorst ist die gelungene Kommunikation zwischen dem Geist und den Menschen das Interessanteste am Pfingstfest, dem er sehr viel Aktualität abgewinnen kann. In seiner Regiearbeit spürt er Kommunikation und ihren Störfaktoren nach. Er setzt dabei schon sehr früh bei der babylonischen Sprachverwirrung an, die es zu überwinden gilt. Musiker, Schauspieler und Sängerinnen haben ihre verschiedensten Ausdrucksformen in einer Performance aufzulösen und nach einer gemeinsamen Sprache gesucht, um damit das Pfingstgeschehen verständlich machen.

"Ich sehe die Herausforderung, neue Sichtweisen einzubringen, um ein menschliches Grundthema zu behandeln," findet die bildende Künstlerin Isa Stech in der Völkerverständigung des Pfingstfestes ein Bild für die Utopie geglückter Kommunikation. Die Sehnsucht danach lebt auch im heutigen Menschen. Die Gruppe möchte sich nicht als Kirchenkünstler verstanden wissen, sondern den sakralen zu einem offenen Raum machen. Dabei empfinden die modernen Künstler Luthers Skepsis gegenüber allem Bildnerischen positiv.

"Der Protestantismus hat sich eher auf die Musik ausgewirkt, aber gerade weil der evangelische Kirchenraum die künstlerische Gestaltung außer acht gelassen hat, ergibt sich nun eine große Chance", sieht der Wiener Superintendent Werner Horn in den traditionell schmucklosen Kirchen viele Möglichkeiten der Gestaltung. "Es prägt sicher, ob ein Kind in römisch-katholischen oder orthodoxen Kirchen wirkliche Seherlebnisse gehabt hat, oder ob es in hübschen, weißen evangelischen Wänden aufgewachsen ist," möchte der evangelische Theologe Kurt Lüthi die frühkindliche Prägung im Kunstsinn der Religionen nicht unterschätzen. "Im Dialog zwischen bildender Kunst und Kirche sind uns die Katholiken sicher voraus", denkt er an die Dominikaner in Frankreich, die durch den Kirchenbau in Ronchamp einen Meilenstein im fruchtbaren Dialog zwischen moderner Kunst und Religion gelegt haben. Verwirklicht wurde einer der bis heute beeindruckendsten Sakralräume von Le Corbusier, einem Architekten, der sich zu keiner Religion bekannte, sondern im Rahmen seiner Bauaufgabe zu künstlerischer Vollendung strebte. "Kunst ist, was Künstler machen, nicht, was man ihnen vorschreibt," ging schon Otto Mauer, der große katholische Kunstförderer, ganz bewußt ein Wagnis ein. "Die bildnerische Kunst ist ja nicht nur das, was der schöpferische Mensch geschaffen hat, sondern auch das, was der Betrachter daraus macht", weist Kurt Lüthi stark auf den Dialog hin, den jedes Kunstwerk mit dem Betrachter eingeht. Auch darin findet sich die Kunst mit dem Religiösen. "Weder Glauben, noch Kunst haben es in der Hand, daß der Geist kommt, es muß uns etwas überfallen," betont Superintendent Horn in beiden Disziplinen, dem Glaube und der Kunst, die Gemeinsamkeit, sich nicht mit dem Vorhersehbaren zu begnügen, sondern den Menschen zu fordern, aus sich heraus zu gehen. "Wer heute keine Kirche mehr besucht, geht ins Museum," sieht er im "Kunsttempel" den modernen Nachfolger des Gotteshauses.

Christusbild am Ende?

Die Musik im Dienst der Religion hat freilich schon lange Tradition, daß die Bilder in die evangelischen Kirchenräume einziehen, ist neu. Das protestantische Bilderverbot läßt in den Augen Kurt Lüthis nur abstrakte Kunst zu. "Im Islam, der Religion des Bilderverbots, hat sich die Abstraktion als Öffnung zur Transzendenz erwiesen," schwärmt er vom ästhetischen Genuß des Ornaments. "Kunst soll zur Meditation führen", hält es Lüthi mit der Armut des Franz von Assisi, die sich künstlerisch durch die Moderne mit ihrer formalen Selbstbeschränkung umsetzen ließe. Doch trotz aller puritanischen Vorlieben bleibt das oberste Gebot im Dialog zwischen Kunst und Kirche die Freiheit des Künstlers. "Der Kunst kann man keine Grenzen ziehen," fordert Lüthi tapfer, "auch wenn sie einen immer wieder überrascht."

Lüthi hat schon vor Jahren das Ende des Christusbildes ausgerufen, die Realität der Künstler hat ihn überholt. Auf die anspruchsvolle Leere der Moderne folgte die Postmoderne, die keine Angst vor plattem Realismus kennt.

Und das Christusbild ist so leicht nicht umzubringen. Bester Beweis dafür ist die Arbeit des 58jährigen Wiener Malers Gottfried Hula, der mittlerweile an die 300 Darstellungen des Antlitz Christi geschaffen hat. "Diese Zahl ist mit Sicherheit nicht zu hoch gegriffen," meint Hula, für den sich in den letzten zwanzig Jahren seines Schaffens das Interesse immer mehr zu einem zentralen Thema verdichtet hat. "Wie hat er ausgesehen?" sucht Hula mit Farbe und Pinsel der Gestalt nahezukommen, die ihn am meisten fesselt und nicht mehr losläßt: Jesus Christus. In der Wiener Ruprechtskirche war unter anderem ein Kreuz von ihm zu sehen, montiert aus 13 Antlitzen. Gräulichweiß, mit schwarzen Linien strukturiert, sehen elf Christusköpfe im Halbprofil mit höhlenhaften Augen dem Leidensweg entgegen, während einer in der Mitte in Rot und Schwarz die Aufmerksamkeit fesselt. Krönend darüber das einzige Gesicht, das den Betrachter direkt ansieht: auf weißem Grund, mit klarem Strich gefaßt. Sinnbild der Auferstehung. Kurt Lüthi würde es nicht als abstrakt bezeichnen, und trotzdem ist es Hulas eigener Ausdruck, der in jahrelanger Auseinandersetzung gereift ist. Mit der Abstraktion der strengen Moderne hat das wenig zu tun, mit der Vergangenheit noch weniger.

In die Nachbarschaft des mächtigen Kreuzes in der romanischen Ruprechtskirche fügt sich das Werk gut ein: der zugrundeliegende Ausdruck des Leidens ist in der alten genauso wie in den neuen Arbeiten zu finden. Kunst ist es sicherlich, und sie schlägt Brücken: Gottfried Hula wird Variationen zu seinen "Gleichnissen zum Antlitz Christi" ab 13. Juli im Künstlerhaus Graz ausstellen, zehn Bilder von ihm schmücken seit zwei Jahren die evangelische Kirche in der Lindengasse. Kunst und Künstler lassen sich von Kirchen nicht vereinnahmen, sie streben, egal wo, zum Dialog mit dem Betrachter. In diesem Wunsch, zu berühren, sind sie im besten Sinne religiös. Verbindend, wie das Pfingsfest.

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