Prophetische Christen - © Illustration:  Rainer Messerklinger
Religion

Früher als andere: Prophetisches Christsein heute

1945 1960 1980 2000 2020

Propheten sind oft gar nicht einfache Zeitgenossen, deren Vordenken wiederholt in tiefe Konflikte mit dem jeweils zeitgenössischen Mainstream geführt hat. Das Zeugnis des Dietrich Bonhoeffer ist beispielhaft dafür.

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Propheten sind oft gar nicht einfache Zeitgenossen, deren Vordenken wiederholt in tiefe Konflikte mit dem jeweils zeitgenössischen Mainstream geführt hat. Das Zeugnis des Dietrich Bonhoeffer ist beispielhaft dafür.

Es gibt Menschen, die früher, viel früher als andere spüren, dass nichts mehr ist, wie es war, dass Neues beginnt, ja schon begonnen hat, und dass im Untergrund der Kultur tektonische Verschiebungen stattgefunden haben, die irgendwann, ja bald alles erschüttern werden. Friedrich Nietzsche war solch ein Mensch, oder auch Karl Marx. An beiden erkennt man aber auch, wo ihr Problem liegt: Sie sind umstritten, stehen allein oder mit wenigen Getreuen in harten Konflikten und ihre Diagnosen sind oft weit besser als ihre Therapievorschläge. Vor allem aber legen sie sich mit den herrschenden Mächten an und werden dabei bisweilen selbst hart oder zumindest ein wenig wunderlich. Jedenfalls gehen sie ein hohes Risiko ein.

Dietrich Bonhoeffer (1906–45) war auch solch ein Mensch. Die harten Konflikte, die er einging, kosteten ihn das Leben. Man soll sich auch nicht täuschen: Zeitgenössisch waren auch seine Analysen und mehr noch seine Vorschläge ziemlich wunderlich. Genau genommen sind sie es für das kontinuitätsfixierte und auto­zentrierte Christentum unserer Breiten, das noch nicht einmal die nachholende Entwicklung zu den menschenrechtlichen Standards der spätmodernen Gesellschaft hinbekommt, bis heute. Unserem ganzen bisherigen „Christentum“ wird das Fundament entzogen, und es sind nur noch einige „letzte Ritter“ oder ein paar intellektuell Unredliche, bei denen wir „religiös“ landen können. Was Bonhoeffer da schreibt, traut sich auch heute, viele Jahrzehnte später, noch kaum jemand offen zuzugeben. Und wer möchte gar Bonhoeffers Frage hören: Sollen wir uns eifernd, piquiert und entrüstet ausgerechnet auf diese zweifelhafte Gruppe von Menschen stürzen, um unsere Ware bei ihnen abzusetzen?

„Gewand“ der Religion passt nicht mehr

Bonhoeffer hat der Verdacht, ja schließlich die Gewissheit umgetrieben, dass das Gewand der Religion, wie er es nennt, in das sich das Christentum gehüllt habe, hinten und vorne nicht mehr passt und die Christusbotschaft mehr verbirgt als präsentiert. Er ist sich zunehmend sicher, dass dieses Gewand der Religion die zentrale christliche Frage, die ihn selbst unablässig bewegt(e), und die uns als Christen ja tatsächlich bewegen sollte, wer Christus heute für uns eigentlich ist, eher verschleiert und versteckt. Denn: Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben. Schließlich rufe Jesus nicht zu einer neuen Religion, sondern zum Leben.

Bonhoeffer hat – in einer Zelle der Nationalsozialisten – zwei Dinge realisiert, die bis heute gerne verdrängt werden: dass es an den kulturellen Basiserfahrungen und -mechanismen einer spezifischen Gegenwart vorbei keine Realisation des Christlichen gibt und dass konkret unsere gesamte 1900-jährige christliche Verkündigung und Theologie auf einem religiösen Apriori aufbaut, das nicht mehr existiert. Dieser Situation „glaubensfeste“ Behauptungsdiskurse oder geschlossene Selbstvergewisserungsräume, gespeist und formatiert aus der eigenen Tradition, entgegenzustellen, führt zu nicht viel, wird jedenfalls nur die erreichen, die bereit sind, in solchen Räumen zu wohnen und zu leben. Das aber sind immer weniger Menschen.

Für alle anderen gilt: Man muss nach Ereignissen suchen, die als überraschende Schritte in unsicherem und ungewissem Gelände potenzielle Realisationsorte des Evangeliums sein können. Das aber definiert eine klassisch prophetische Situation, wenn denn „Prophetie“, wie die Exegeten Ulrike Bechmann und Joachim Kügler schreiben, genau dann notwendig ist, wenn „sich aus einer Sprachlosigkeit der Glaubenstradition im Hinblick auf ein bestimmtes Problem praktische Konsequenzen ergeben, die der Glaubenstradition widersprechen“. Prophetie bricht diese Sprachlosigkeit auf und „schließt die Lücke, die das Kerygma lässt, um eine neue, aber glaubensgemäße Praxis zu ermöglichen.“ Prophetie bringt die Botschaft neu, überraschend, umstritten und prekär zur Geltung. Sie stellt sich gegen die alten Institutionen des Glaubens, insofern diese die Tradition hinsichtlich spezifischer Herausforderungen nicht mehr wirklich vergegenwärtigen, aber sie stellt sich auch gegen jene, die diese Vergegenwärtigung nicht mehr für möglich halten.