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Für einen Dialog ohne Vorbehalt

Die Begegnung mit dem Anderen ist immer auch ein sich Ausliefern, so der jüdische Philosoph Lévinas. Das gilt auch für Christen und Muslime.

In einer Zeit, in der der Islam in erster Linie als Bedrohung und Gefahr wahrgenommen wird, sollten wir uns eines Philosophen besinnen, der eine radikale Interpretation des Anderen entwickelt hat, die auch auf das Zusammenleben mit unseren muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern übertragen werden kann.

Der bedeutende jüdische Philosoph Emmanuel Lévinas beschreibt den Anderen nämlich als denjenigen, für den ich unendlich verantwortlich bin. Die Begegnung mit dem Anderen, so schreibt Lévinas, ist immer auch ein sich Ausliefern. Sie bestehe in dem sich Öffnen für den Anderen und damit auch im sich verwundbar und verletzlich Machen. Lévinas ist sich bewusst, dass der Andere in mir selbst Verwirrung und ein Gefühl der Bedrohung hervorrufen kann. Diese weit verbreitete Sichtweise wird aber nun ins Gegenteil gewendet, wenn der Philosoph in der Begegnung mit dem Anderen die Chance erkennt, sein Ich aus dem eigenen Gefängnis zu befreien. Es ist der Andere, der das Ich von Selbstgefälligkeit und Hochmut heilen kann.

Nicht das Bedrohliche sondern die befreiende Komponente sollten wir wahrnehmen, wenn wir dem Anderen begegnen.

Kein einmaliger Ausrutscher

Solche Gedankengänge wirken tatsächlich befreiend angesichts eines verengten dualistischen Weltbildes, in dem nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse existieren.

Hier sind wir und dort die anderen. Wir - das ist alles, was mir vertraut ist: Religion, Volkszugehörigkeit, Heimat; dort - das ist alles, was mir fremd ist. Da wird dann nicht mehr großartig unterschieden, sondern alles in einen Topf geworfen: Ausländer, Kriminelle, Muslime, Terroristen und damit ein monströses Feindbild kreiert.

Die islamfeindlichen Rülpser einer steirischen Provinzpolitikerin waren leider alles andere als ein einmaliger Ausrutscher, sondern ein Ausspruch in einer Tragödie, die in ganz Europa aufgeführt wird. Von den Stammtischen und den Medien, aus politischen Parteien und aus manchen Kirchen, ja sogar aus intellektuellen Kreisen erschallt der Ruf: Stoppt den Islam! Rettet unsere Kultur! Und es formiert sich eine unheilige Allianz, die im Islam das Übel unserer Zeit zu erkennen glaubt und vor einer Islamisierung der westlichen Welt warnt. Da werden diffuse Ängste, Feindseligkeit und in der Folge Gewaltbereitschaft geschürt; aus all dem kann kaum etwas Gutes entstehen.

Wir leben mit Menschen muslimischen Glaubens in Österreich und in Europa, ob uns das gefällt oder nicht. Der Muslim, der fremd aussehen und andere Bräuche haben mag, und der vielleicht auch eine andere Sprache spricht, ist der Andere, den es wahrzunehmen gilt in seiner Eigenart, der uns fordert und herausfordert.

Was nottut, ist das Wahrnehmen des Anderen, die wahrhaftige Begegnung, in der auch ein Austausch, ein Kennenlernen, Respekt für die Kultur und die Werte des Anderen möglich wird. Der Dialog der Glaubensgemeinschaften in Österreich und das gemeinsame Auftreten in wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen ist vorbildhaft und einzigartig in Europa.

Gemeinsamkeiten entdecken

In diesem Prozess lassen sich dann auch Gemeinsamkeiten entdecken. Zum Beispiel verbindet meine evangelisch-reformierte Kirche mit dem Islam das strikte Bilderverbot, hinter dem der Gedanke steht, dass Gott in kein Bild zu fassen ist, und sich letztlich dem menschlichen Denken insgesamt immer wieder entzieht. Kein Mensch und kein irdisches Ding soll sich zwischen Gott und den Menschen stellen.

Wer den Dialog mit dem Anderen ernst nimmt, wird nicht mehr den Wunsch haben, mit ihm in einen Wettstreit zu treten. Dem Anderen begegnen heißt ihn, seine Kultur und Religion ernst nehmen und nicht abzuwerten, ohne den Kern der eigenen Anschauungen und religiösen Überzeugungen aufzugeben. Das Gerede von einer ethnischen oder religiösen Leitkultur entspringt dem, was Jesus als Kleinglauben gegenüber seinen Gesprächspartnern bezeichnet, anstatt eines tiefen Gottvertrauens und kann zu so unheiligen Allianzen führen, auch wenn sie gar nicht beabsichtigt sind.

Aber vielleicht werden andere Allianzen notwendig sein, wenn wir ethisch verantwortlich handeln wollen. In einer Welt, in der trotz drohender Klimakatastrophe und fortschreitender Verarmung eines Großteils der Weltbevölkerung noch immer keine Trendumkehr vom hemmungslosen Profitdenken und einer neoliberalen Wirtschaftsunordnung in Sicht ist, braucht es vielleicht verstärkt die Religionen, die einen anderen Wertekanon haben als eine auf Materialismus ausgerichtete Gesellschaft.

Die Geschichte der Religionen hat es gezeigt: Die Hingabe des Menschen an ein göttliches Wesen, kann zu Fanatismus und Zerstörung, aber auch zum Heil und zu dem führen, was Christinnen und Christen als Reich Gottes bezeichnen. Die Begegnung mit dem Anderen in Gestalt des gläubigen Muslim kann neue Wege eröffnen, wie wir auf Zukunft orientiert verantwortungsvoll mit dieser Welt umgehen und miteinander in Frieden und Gerechtigkeit leben.

Der Autor ist Landessuperintendent der Evangelischen Kirche H.B.

Islam-Debatte

Christliche (Selbst-)Reflexion über den Umgang mit Muslimen: Dazu haben sich, im Gefolge der antiislamischen FP-Äußerungen im Grazer Wahlkampf, letzte Woche in der Furche der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari ("Das Anwachsen des Islam stellt Europa vor eine epochale Herausforderung") und die Islambeauftragte der Diözese Feldkirch, Elisabeth Dörler ("Hochachtung und Verständigung"), geäußert. Die Furche setzt diese Debatte auch in der vorliegenden Ausgabe fort. (Bild: Dialog der "Schleierfrauen" - katholische Ordensschwester und Muslima bei einer christlich-muslimischen Begegnung in Wien.) ofri

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