Kreißsaal - © iStock/naphtalina

Gebärende Maria in Linz: Von der Geburt und ihrer Würde

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Wenn die Skulptur der gebärenden Maria geköpft wird - wie das Kunstwerk "crowning" im Linzer Mariendom -, ist das nicht nur ein Akt von Vandalismus, sondern ein häretischer Akt. Eine theologische Reflexion.

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Wenn die Skulptur der gebärenden Maria geköpft wird - wie das Kunstwerk "crowning" im Linzer Mariendom -, ist das nicht nur ein Akt von Vandalismus, sondern ein häretischer Akt. Eine theologische Reflexion.

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Zu Jesus Christus, „geboren von der Jungfrau Maria“, bekennen sich Christinnen und Christen, römisch-katholische wie evangelische, allsonntäglich im Gottesdienst. Oft wird das apostolische Glaubensbekenntnis automatisiert dahingemurmelt. Vielen ist es so vertraut, dass ihnen gar nicht bewusst zu sein scheint, was sie da bekennen: Gott ist Mensch geworden. Gott kommt in die Welt, so wie jeder Mensch in die Welt kommt: von einer Frau geboren. Mit allem, was dazugehört, Schleim und Blut, den Schmerzen und Schreien einer Frau.

Navigator - © Die Furche

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Die Radikalität des Bekenntnisses der Menschwerdung Gottes hat dieser Tage die Skulptur "crowning" der Künstlerin Esther Strauß vor Augen geführt, gleichermaßen plastisch wie respektvoll abstrahiert. Sie stellt Maria dar, wie sie den Sohn Gottes zur Welt bringt. Auf einem Felsen sitzend, die Arme hinter dem Köper aufgestützt, den Blick nach oben gerichtet, die Beine gespreizt. Der Kopf des Kindes ist zu sehen. Als crowning wird dieser Moment im Verlauf einer Geburt bezeichnet. Dieser besondere Moment wird anschaulich, jedoch nicht explizit dargestellt, kein Blut, kein Schleim, kein Schamhaar ist zu sehen. Wie die Vulva Mariens den Kopf des Kindes umschließt, erinnert an einen Heiligenschein. Der Betrachter, die Betrachterin wird auch nicht unvermittelt mit diesem Moment konfrontiert, sondern sanft herangeführt. Betritt man den Kunstraum im Linzer Mariendom, anlässlich dessen Hundert-Jahr-Weihejubiläums die Skulptur ausgestellt wurde, sieht man zunächst den Rücken Mariens.

Zum Be- und Ergreifen des Menschlichen gehört die Geburt. Menschen fallen nicht vom Himmel oder sprießen wie Pilze aus dem Boden. Menschen werden geboren. Von einer Frau. In der Theologie wie auch in der christlichen Ikonografie ist der Blick auf die Geburt freilich weitgehend eine Leerstelle.

Theologin Maria Katharina Moser

Am Montag, dem 1. Juli am frühen Vormittag, wurde der Marien-Skulptur der Kopf abgesägt. Stürme der Empörung waren diesem Vandalenakt vorausgegangen, viele Debatten hat er nach sich gezogen. Über die Verletzung religiöser Gefühle. Über die Frage, warum diese Skulptur so verstört. Darüber, was Kunst ist und was sie darf. Doch die Frage geht über das Spannungsfeld von Kunst und Kirche hinaus. Wenn die Skulptur der gebärenden Maria geköpft wird, ist das nicht nur ein Akt von Vandalismus. Es handelt sich nicht einfach um Protest gegen ein Kunstwerk, sondern um einen häretischen Akt. Denn mit dem Kunstwerk wird auch das geschändet, worauf das Kunstwerk verweist: die Inkarnation.

Die zentrale Frage ist: „Was bedeutet: Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria?“ Der Heidelberger Katechismus aus dem Jahr 1563, der 129 Glaubensfragen aus reformatorisch-reformierter Sicht knapp beantwortet und zu den Bekenntnisschriften der evangelischen Kirchen zählt, stellt sie als 35. Frage. Dass Jesus Christus „wahrer und ewiger Gott ist und bleibt“ und „durch Wirkung des Heiligen Geistes wahre menschliche Natur aus dem Fleisch und Blut der Jungfrau Maria angenommen“ hat, „seinen Schwestern und Brüdern (also den Menschen, Anm. Moser) in allem gleich, doch ohne Sünde“, lautet die Antwort. Menschwerdung Gottes also. Aus Fleisch und Blut. Inkarnation (wörtlich Fleischwerdung). Hier liegt der theologische Kern – und nicht etwa in der biologischen Jungfrauenschaft Mariens (sprich der „Beschädigung“ des Hymens durch die Geburt).

„Gott in Fleisch und Blut“

„Fleisch“ steht für die ganze Wirklichkeit des Menschen. „Gott in Fleisch und Blut“, so überschreibt Karl Rahner, um einen katholischen Theologen zu zitieren, einen Aufsatz aus dem Jahr 1955. Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus meint nicht eine „Art Verkleidung“ Gottes als Mensch, keine Theophanie im Menschenkostüm. Menschwerdung heißt: Gott ist „wirklich, wo wir sind, da“, so Rahner. „Gott ist Mensch, das sagt wirklich etwas über Gott selber aus, … so daß man in aller Wahrheit von Gott selbst etwas begriffen und ergriffen hat, wenn man dieses Menschliche ergreift.“

Zum Be- und Ergreifen des Menschlichen gehört die Geburt. Menschen fallen nicht vom Himmel oder sprießen wie Pilze aus dem Boden. Menschen werden geboren. Von einer Frau. In der Theologie wie auch in der christlichen Ikonografie ist der Blick auf die Geburt freilich weitgehend eine Leerstelle. Auch Rahner reflektiert das Geboren-Sein des Sohnes Gottes, obschon er eine Weihnachtstheologie schreibt, nicht explizit. Das tut erst die feministische Theologie im ausgehenden 20. Jahrhundert. Feministische Theologinnen wie Elisabeth Moltmann-Wendel, Ina Praetorius, Hanna Strack oder Karin Ulrich-Eschemann haben an einer Theologie der Geburt gearbeitet.

Hintergrund aus dem FURCHE-Navigator

Geborensein - © FURCHE
© FURCHE

Im Rahmen eines FURCHE-Schwerpunkts über Hannah Arendt hat sich die evangelische Schweizer Theologin Ina Praetorius am 12. Oktober 2006 mit der Geburtlichkeit (Natalität) des Menschen beschäftigt. Hier ist ihr Text von damals nachzulesen.

Die rettende Stund‘ schlägt uns in Christi Geburt. Das Heil, das Gott für uns Menschen will, ist nicht erst von Jesu Leiden und Tod „für uns“, sondern von der Geburt Jesu her zu verstehen. „Euch ist heute der Heiland geboren“, verkündet der Engel den Hirten auf dem Felde (Lk 2,10f). Ein Kind wird geboren. Ein neuer Mensch kommt in die Welt. Jede Geburt ist ein Neuanfang. So auch die Geburt des göttlichen Kindes. In der Geburt seines Sohnes schenkt Gott den Menschen einen neuen Anfang. „Er ist den Menschen gleich geworden, damit sie ihm gleich seien. In der Menschwerdung Christi empfängt die ganze Menschheit die Würde der Gottebenbildlichkeit zurück“, schreibt der evangelische Theologe und Märtyrer Dietrich Bonhoeffer.

Wenn die Statue im Mariendom durch rohe Gewalt zerstört wird, wird auch die Würde des gebärenden Frauenkörpers verletzt.

Theologin Maria Katharina Moser

Christ ist geboren. Gott kommt in Form einer Beziehung zur Welt – und macht sich abhängig vom „Mir geschehe, wie du gesagt hast“ (Lk 1,23) der Maria. Karin Ulrich-Eschemann hält fest: „Die Menschwerdung Gottes ist in Kooperation mit Maria geschehen.“ Eine Kooperation, die von Maria vollen körperlichen Einsatz verlangt. Feministische Theologinnen haben die leibliche Dimension des Inkarnationsgeschehens betont: das Werden Gottes im weiblichen Fleisch, das dem Frauenkörper besondere Würde verleiht. Wenn die Statue im Mariendom durch rohe Gewalt zerstört wird, wird auch die Würde des gebärenden Frauenkörpers verletzt.

Der Akt der Zerstörung ist sprechend. Mit dem Kopf wurde der Maria der Heiligenschein, der tief über ihrem Haupt sitzt, geraubt. Die Kraft seiner theologischen Botschaft kann der Valdalenakt dem Kunstwerk „crowning“ nicht nehmen. Esther Strauß hat die Glaubensaussage „Geboren von der Jungfrau Maria“ ins Bild gebracht.

Die Autorin ist evangelische Pfarrerin und Direktorin der Diakonie Österreich. Dieser Text gibt ihre persönliche theologische Reflexion wieder.

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