Gebärende Maria im Linzer Dom von Esther Strauß - ©  Foto: Siljarosa Schletterer

Gebärende Maria: "Keine falsche Scham"

19451960198020002020

Trotz legitimer Vorbehalte gegen das Kunstwerk "crowning" - die gebärende Maria - im Linzer Dom ist der grauenhafte Akt der Köpfung der Maria durch nichts zu rechtfertigen. Er lässt auf eine bösartige Energie schließen, die bedrohlich wirkt - Eine Analyse von Bischof Hermann Glettler

19451960198020002020

Trotz legitimer Vorbehalte gegen das Kunstwerk "crowning" - die gebärende Maria - im Linzer Dom ist der grauenhafte Akt der Köpfung der Maria durch nichts zu rechtfertigen. Er lässt auf eine bösartige Energie schließen, die bedrohlich wirkt - Eine Analyse von Bischof Hermann Glettler

Werbung
Werbung
Werbung

Die Holzskulptur von Esther Strauß im Linzer Dom irritiert. Sie zeigt überraschend naturalistisch eine Gebärende unmittelbar vor der Entbindung. Mit Recht fragen viele nach der Intention dieser offensichtlichen Zurschaustellung. Möchte doch kaum eine Frau derartige Bilder von sich veröffentlicht wissen. Ist nicht der Vorgang der Geburt ein Moment größter Lebensbekundung und zugleich ein Moment schmerzvoller Ohnmacht? Liegt nicht in dieser Spannung etwas Heiliges? Eine Zurückhaltung in der Darstellung hat zumindest nichts mit falscher Scham zu tun, ebenso wenig mit der Dominanz patriarchaler Strukturen oder anderen Einschränkungen von Freiheit. Das Leben in seinen stärksten und zugleich verletzlichsten Momenten verlangt nach einer behutsamen Wahrnehmung. Nicht alles muss gezeigt werden.

Trotz dieser legitimen Vorbehalte hat mich der barbarische Anschlag auf die „gebärende Maria“ der Tiroler Künstlerin zutiefst erschüttert. Der Figur, die nicht an einem expliziten Andachtsort, sondern in der sonst ungenützten, durch zwei Glastüren erreichbaren Turmkammer aufgestellt war, wurde von einem unbekannten Täter schlichtweg der Kopf abgesägt. Abartig! Auch wenn tatsächlich religiöse Gefühle von Gläubigen verletzt worden sein mögen, ist dieser grauenhafte Akt durch nichts zu rechtfertigen. Er lässt auf eine bösartige Energie schließen, die bedrohlich wirkt. Ist nicht der Schritt von der mutwilligen Zerstörung einer menschlichen Skulptur bis hin zur realen Gewaltanwendung - in diesem Fall gegenüber Frauen – relativ klein? Faktum ist, dass dieser Vorfall Auskunft gibt über die Diskursunfähigkeit unserer Zeit. Es muss scheinbar vernichtet werden, was nicht der eigenen Vorstellung entspricht, was stört oder einfach anders ist. Das ist bedenklich.

Esther Strauß hat als Ergänzung zu zwei Marienfiguren aus der Linzer Domkrippe (1913) eine dritte Maria entworfen – ebenso aus Lindenholz geschnitzt, gleich groß und ähnlich bekleidet. Die erste Figur kniet am Heiligabend vor dem Neugeborenen, die zweite, die zu Dreikönig aufgestellt wird, sitzt auf einem Felsen. Auf ihrem Schoß thront der kleine Jesus als König. Die Künstlerin fragt mit Recht nach der offensichtlichen Fehlstelle: Warum wurde das zentrale Geheimnis der Geburt bisher nicht dargestellt? Weil Mann (!) es nicht wollte? Ihre Gebärende ist ihr persönlicher Versuch einer Antwort. Auf einem Felsen sitzend, mit muskulösen Armen und Beinen ausgestattet, richtet sie einen leidenschaftlichen Blick nach oben. Auf Gott hin? Freude über ihr Frausein und der Schmerz der einsetzenden Wehen spiegeln sich darin. Nach hinten gestützt – und vom Betrachter abgewandt – öffnet sie ihre angehockten Beine. Der erdkugelrund angeschwollene Bauch und das entblößte Geschlecht sind sichtbar. Es ist stilisiert kreisförmig dargestellt – ein Kraftzentrum, das seine Energie freigibt. Ist das wirklich so schockierend? Oder theologisch bedenklich?

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung