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Geborensein erinnern

1945 1960 1980 2000 2020

Hannah Arendt weiter gedacht.

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Hannah Arendt weiter gedacht.

Viele Denkerinnen, die sich feministischen Anliegen nahe fühlen, zögern, sich auf Hannah Arendt zu beziehen. Zu wenig, so scheint es, wird "Frausein" in ihren Texten zum Thema. Wird die Frauenbewegung allerdings als transformierende Kraft verstanden, die nicht bei Gleichheitsforderungen stehen bleibt, weitet sich der Blick: was die politische Denkerin in ihrem zentralen Werk Vita activa über ein Menschsein sagt, das sich, statt als "Sein zum Tode", von seinem Geborensein her versteht, wird heute zum Ausgangspunkt postpatriarchalen Nachdenkens über die conditio humana.

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gibt es eine seltsame Leerstelle in der westlichen philosophischen und theologischen Tradition: Wer in einschlägigen Wörterbüchern nach dem Stichwort "Geburt" sucht, findet nahezu nichts. In der "Theologischen Realenzyklopädie" zum Beispiel kann ich 59 Seiten zum Thema "Tod" lesen, aber keine Zeile über das Geborenwerden. Im Nachschlagewerk "Die Religion in Geschichte und Gegenwart" finden sich zwar eineinhalb Spalten zum Stichwort "Geburt", aber sie enthalten keinerlei theologische Reflexion, etwa über das Weihnachtsgeschehen. Sogar in der 1. Auflage des "Wörterbuchs der Feministischen Theologie" haben wir Herausgeberinnen die Geburt vergessen. In der 2. Auflage gibt es dann allerdings einen Artikel zum Stichwort "Geburt/Natalität". Darin steht, das Denken der Geburtlichkeit berge ungeahnte Möglichkeiten, die erst in Ansätzen erkennbar seien. Gemeint ist damit etwa die Möglichkeit, die ganze christliche Theologie von Weihnachten oder die Menschenwürde vom Sohn-und Tochtersein her neu zu verstehen.

Ungedachte Geburt

Der konkrete Anfang, den bis heute alle Menschen ohne Ausnahme durchlebt haben, ist also vorerst ein weitgehend ungedachtes Vorhandensein. Zwar feiern Christinnen und Christen Weihnachten, das Fest des Geborenseins Gottes, mindestens so intensiv wie Karfreitag und Ostern, aber sie denken es kaum. Zwar ist heute, vor allem im Rahmen der so genannten Bioethik, viel von den Problemen um den Lebensbeginn die Rede. Aber dabei geht es meist um kasuistische Argumentationen zu Fragen, die der Ethik von einer Medizin aufgedrängt werden, die den menschlichen Anfang nicht als denkwürdigen Prozess, sondern als technisch manipulierbaren Mechanismus wahrnimmt. Dass sie ihn so wahrnimmt, muss angesichts der nahezu vollständigen, Jahrhunderte andauernden Tabuisierung der menschlichen Anfänglichkeit durch das westliche Denken nicht verwundern. Eine Theologie etwa, die behauptet, die Menschen kämen direkt aus Gottes Hand, sollte nicht erstaunt sein, wenn in der Zeit der Gottverlassenheit selbsternannte Götter die Regie übernehmen.

Was es heißt, geboren zu sein

Hannah Arendt schreibt in Vita activa: "Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen." Für Arendt ist also die Art, wie Menschen in die Welt kommen, paradigmatisch für ihr späteres Dasein in der Welt: Menschen werden nicht ohne Sinn und Zweck in die Welt geworfen, sondern sie haben einen unverwechselbaren Anfang in einem bestimmten Generationengefüge. Geboren werden heißt, als einzigartiger Neuling in die vorhandene Fülle der Welt eintreten und in dieser Welt etwas Neues anfangen: "Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen."

"Der Neuanfang steht stets im Widerspruch zu statistisch erfassbaren Wahrscheinlichkeiten ..., er mutet uns daher ... immer wie ein Wunder an. ... Und diese Begabung für das schlechthin Unvorhersehbare ... beruht ... auf dem alles menschliche Zusammensein begründenden Faktum der Natalität ..., der Gebürtlichkeit, kraft derer jeder Mensch einmal als ein einzigartig Neues in der Welt erschienen ist."

Hier integriert Arendt die Tatsache des Geborenseins auf prägnante Weise ins Nachdenken über Anthropologie und Ethik. Und sie erfindet dabei den Begriff der Freiheit neu. Jenseits der seltsam irrealen Idee, Freiheit bedeute größtmögliche Unabhängigkeit von anderen und realisiere sich in einem quasi bedürfnislosen Reich der "Autonomie", jenseits aber auch der pessimistischen Antithese von der Determiniertheit des Handelns, wie sie heute von der Hirnforschung wieder aufgewärmt wird, begreift Arendt Freiheit als die Möglichkeit und Bestimmung, unverwechselbare Handlungen wie Fäden von einzigartiger Farbe und Konsistenz ins Gewebe Welt zu schlagen.

Als Denkerin, die sich der Kritik an der patriarchalen Trivialisierung des Weiblichen stellt, knüpfe ich hier an: Geborensein bedeutet, in Form einer Beziehung zu einem bestimmten Menschen der vorangegangenen Generation in die Welt eingetreten zu sein: einer Beziehung, die am Anfang so eng war, dass die beiden aufeinander Bezogenen sich in ein-und demselben Körper befanden. Die gängige Identitätslogik kann den Zustand der Schwangerschaft, der jeder Geburt voraus geht, kaum angemessen erfassen. Sie stellt seit langem den erwachsenen männlichen Menschen als Modell ins Zentrum. Von ihm leitet sie alles weitere ab.

Die evangelische Theologin Christiane Kohler-Weiss, Autorin einer wichtigen Untersuchung über die Ethik der Schwangerschaft, resigniert vorerst vor dem Nichtdenkenkönnen unserer Anfänglichkeit. Sie schreibt: "Das Lebensverhältnis Schwangerschaft lässt sich kaum auf einen philosophischen Begriff bringen." (Kohler-Weiss, Schutz der Menschwerdung, Gütersloh 2003). Wirklich nicht? Hier will ich ihr nicht folgen. Zwar ist es richtig, dass Schwangerschaft undenkbar ist, solange ich die kanonisierte philosophische Tradition zum Maßstab des Denkens erhebe. Aber diese Tradition hört auf, Maßstab zu sein, sobald ich erkenne, dass sie auf revisionsbedürftigen Grundlagen beruht. Andererseits: seit jeher ist es Ziel und Ideal eben dieser Tradition, die Wirklichkeit, so wie sie ist, in Worte zu fassen. Warum sollte sich ausgerechnet unser aller biologisch-kulturelles Herkommen dem Wunsch, die Wahrheit zu sagen, entziehen?

Geburtliches Denken

Hannah Arendt hat ihren anthropologischen Neuansatz im Rahmen einer Theorie menschlichen Tätigseins entwickelt. Mit der Vita activa ist der notwendige Prozess des Neusagens der conditio humana aber erst angestoßen. Die Enttabuisierung unseres Anfangs weist in ein insgesamt erneuertes Denken: Sie kann die christliche Theologie inspirieren, vom Geborensein Jesu Christi her das Heilsgeschehen neu zu verstehen. Sie kann die Ethik von dem eingeschlagenen Weg, gutes Handeln als korrekte Normerfüllung zu missverstehen, heilsam ablenken. Und dem aktuellen Gespräch über die Menschenwürde, das in Gefahr ist, in die Sackgasse eines unfruchtbaren Dogmenstreits zu geraten, gibt sie neue Impulse: Könnten wir einander vielleicht deshalb respektieren, weil wir alle Teil desselben Bezugsgewebes sind, abhängig zuerst vom Ja unverwechselbarer Personen, die wir unsere Mütter nennen, und dann abhängig von Erde, Luft, Wasser und allem, was sie hervorbringen, von Traditionen und von einem sorgenden globalen Gemeinwesen? Weil wir alle vor nicht allzu langer Zeit als zappelnde, schreiende, blutige Säuglinge aus einem anderen Menschen heraus gekommen und bis heute abhängig von der Zuwendung Anderer sind?

Die Autorin ist protestantische Theologin und lebt in der Schweiz.

Zitierte Texte:

Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen Leben, München 1981 (orig. 1958)

Christiane Kohler-Weiss, Schutz der Menschwerdung. Schwangerschaft und Schwangerschaftskonflikt als Themen evangelischer Ethik, Gütersloh 2003

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