Gedankenjahr zum Nachlesen

Die ersten fünf der auf 16 Bände angelegten Serie "Österreich - Zweite Republik" sowie weitere Publikationen zur österreichischen Geschichte aus dem Blickwinkel des Jubiläumsjahrs.

Gab es eine "Stunde Null"? Nein, das sei ein Mythos, sagen jüngere Zeithistoriker. Gerald Stourzh' Antwort hingegen ist Ja. In "1945 und 1955: Schlüsseljahre der Zweiten Republik" erläutert der Historiker, inwieweit die fundamentalen Zäsuren des Jahres 1945 - das Ende des Krieges, das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und die Wiedererrichtung der Republik - den Begriff "Stunde Null" rechtfertigten. Die "Breite eines mentalitätsmäßigen Kontinuums zwischen ns-Zeit und den Anfängen der Zweiten Republik" hält Stourzh für überschätzt. Dumpfheit, Weiterwirken der Nazimentalität - all das habe es zwar gegeben, doch Stourzh berichtet auch von "beglückenden Erlebnissen der Öffnung". Wie Stourzh schreibt, ist die "Stunde Null" aber vor allem eines: ein persönliches Erlebnis. MK

1945 UND 1955: SCHLÜSSELJAHRE DER ZWEITEN REPUBLIK.

Gab es eine Stunde Null?Wie kam es zu Staatsvertrag und Neutralität?

Von Gerald Stourzh. Band 1 der Reihe Österreich. Zweite Republik. Befund, Kritik, Perspektive. Studienverlag,

Innsbruck 2005, 112 Seiten, e 9,90

Hannes Androsch lässt sich nicht auf das ihm zugedachte Thema "Wirtschaft und Gesellschaft" beschränken. Zuerst stellt Androsch das Jubiläumsjahr mit den Leitzahlen 60-50-10 in den Kontext weiterer Jubiläen, öffnet aber auch den Blick darüber hinaus auf Europa- und Weltebene. Wieder zurück in Österreich fängt er bei der Ersten Republik an und hört bei seiner Kritik an der vom Bund Sozialistischer Akademiker im Frühjahr herausgegebenen Studie über die "braunen Flecken" in der spö nicht auf. Interessant, dass Androsch sein Zerwürfnis mit Kreisky auf die von ihm als Finanzminister gegen den Kanzlerwillen durchgesetzte Bindung des Schillings an die d-Mark zurückführt. Doch in diesem nationalen Rahmen bleibt Androsch nur kurz - eu, usa, China ... prägen seine Sicht auf die Welt und dieses Buch. WM

WIRTSCHAFT UND GESELLSCHAFT

Österreich 1945-2005

Von Hannes Androsch

Band 2 der Reihe Österreich.

Zweite Republik. Befund, Kritik, Perspektive.

Studienverlag, Innsbruck 2005,

88 Seiten, geb., e 9,90

Vom Siegeszug zum Rückzug" hat Emmerich Tálos seinen kritischen Blick auf den österreichischen Sozialstaat der letzten 60 Jahre überschrieben. Statt des seit den 1980er Jahren einsetzenden Rückzugs plädiert der Wiener Politikwissenschafter für einen Umzug: "Es ist unstrittig, dass ein Sozialstaat mit den im 19 Jahrhundert grundgelegten Grundprinzipien und der damals festgelegten Finanzierungsstruktur im 21. Jahrhundert des Umbaues bedarf. Der Punkt ist nicht das "Dass", sondern das "Wie". Das derzeitige, von Tálos kritisierte "Wie" läuft auf die Umpolung des Sozialstaates zu einem "Sozialhilfestaat" hinaus. Tálos' "Wie" hingegen zeigt in eine andere Richtung: Verstärkung der Grundsicherung und eine Erweiterung der Finanzierungsbasis über den Indikator Lohnsumme hinaus. WM

VOM SIEGESZUG ZUM RÜCKZUG

Sozialstaat Österreich

1945-2005

Von Emmerich Tálos

Band 3 der Reihe Österreich. Zweite Republik. Befund, Kritik, Perspektive. Studienverlag, Innsbruck 2005,

96 Seiten, geb., e 9,90

Erst waren die Parteien, dann kam die Republik: Darin sieht Anton Pelinka den Grund, warum die österreichischen Parteien ab 1945 Aufgaben übernahmen, die weit darüber hinausgehen, was in anderen Demokratien zu den Kernfunktionen von Parteien gehört. In "Vom Glanz und Ende der Parteien" zeichnet Pelinka die Entwicklung der österreichischen Parteien nach: Wie sich övp und spö, die alle Führungspositionen des Landes im Proporz unter sich aufteilten, von Organisationen mit der Aura politischer Allmacht zu ganz normalen westlichen Parteien entwickelten. Mit dem Ergebnis, dass sich die Menschen heute von den Parteien abwenden, weil sie nicht mehr als "Art nicht-territorialer Heimat", als "Ersatzkirche" ausreichend politisches Heimatgefühl vermitteln. Das gilt übrigens auch für die fpö. MK

VOM GLANZ UND ELEND DER

PARTEIEN. Struktur- und Funktionswandel des österreichischen Parteiensystems. Von Anton Pelinka

Band 6 der Reihe Österreich. Zweite

Republik. Befund, Kritik, Perspektive.

Studienverlag, Innsbruck 2005,

104 Seiten, geb., e 9,90

Wer sich in das Thema Enteignung und Restitution jüdischen Eigentums einlesen will, dem ist der Band "Vermögensentzug - Rückstellung - Entschädigung" von Brigitte Bailer-Galanda und Eva Blimlinger empfohlen. Es werden zusammenfassend die Ergebnisse der Historikerkommission zum Thema Vermögensentzug dargestellt, die Rückstellungen und Entschädigungen der Nachkriegszeit sowie der 1970er Jahre beschrieben. Das zwiespältige Resümee: Die Republik habe auf dem Gebiet der Rückstellung einiges geleistet, doch auf Jahrzehnte und Einzelleistungen verteilt und fast nie aus eigenem Antrieb, so dass der Eindruck entstanden sei, Österreich weise jede Verantwortung von sich. Ein knappe und präzise Einführung, in der das Thema Zwangsarbeit aus Platzgründen zum Teil ausgeklammert ist. MK

VERMÖGENSENTZUG -

RÜCKSTELLUNG - ENTSCHÄDIGUNG

Österreich 1938/1945-2005

Von Brigitte Bailer-Galanda und Eva Blimlinger. Band 7 der Reihe Österreich. Zweite Republik. Befund, Kritik,

Perspektive Studienverlag, Innsbruck 2005, 94 Seiten, geb., e 9,90

Das beharrliche Schweigen ihren Kindern gegenüber machte aus der Kriegsgeneration im Laufe der Zeit eine "Tätergeneration". Diese Pauschalisierung verhinderte lange die Beschäftigung mit den Mitläufern des Nationalsozialismus - "ein weites Feld", wie Gerhard Botz in dem von ihm herausgegebenen Band "Schweigen und Reden einer Generation" formuliert, in dem 14 Erinnerungsgespräche mit Opfern, Tätern und Mitläufern gesammelt sind. Am Ende stellt sich die Frage, wer schlimmer ist: Der Wehrmachtssoldat, der an Massakern beteiligt war, aber zum Nazi-Gegner wurde, oder jene, die kein Blut an den Händen haben, aber noch heute meinen: "Angefangen hab ich erst richtig, ein Mensch zu werden, wie der Hitler 'kommen ist". Eine schwierige Kartografie, die durch sehr persönliche Zugänge nicht einfacher wird. MK

SCHWEIGEN UND REDEN EINER

GENERATION. Erinnerungsgespräche mit Opfern, Tätern und Mitläufern des Nationalsozialismus

Hg. von Gerhard Botz, Mandelbaum Verlag, Wien 2005, 164 S., e 19,90

Die katholische Kirche wurde 1960 für den Vermögensentzug durch das Dritte Reich von der Republik Österreich großzügig entschädigt. Warum dieser Akt der Wiedergutmachung nicht in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung, ja nicht einmal in das Bewusstsein der Geschichtsforschung eingegangen ist, so dass Wiedergutmachung lange als rein jüdische Thematik angesehen wurde, ist in "Die Republik und das ns-Erbe" nachzulesen. Es ist dies der erste von Verena Pawlowsky und Harald Wendelin herausgegebene Band der Reihe "Raub und Rückgabe - Österreich von 1938 bis heute", die einen Überblick über den Stand der Diskussion zum komplexen Thema von Raub und Restitution geben will. Der Staat und seine oft fragwürdige Entschädigungspraxis stehen im Zentrum des ersten Bandes. MK

DIE REPUBLIK UND DAS NS-ERBE Raub und Rückgabe - Österreich von 1938 bis heute, Band 1

Hg. von Verena Pawlowsky und Harald Wendelin, Mandelbaum Verlag, Wien 2005, 240 Seiten, geb., e 17,80

Die Wirtschaft des deutschen Reiches baute essenziell auf der systematischen Enteignung der jüdischen Bevölkerung auf. Der zweite Band der von Verena Pawlowsky und Harald Wendelin herausgegebenen Reihe "Raub und Rückgabe" hat es sich zum Ziel gesetzt, die diesbezüglichen Forschungsergebnisse der Österreichischen Historikerkommission einem größeren Publikum nahe zu bringen. "Arisierte Wirtschaft" verschafft einen Einblick, wie umfassend der Raubzug an jüdischem Eigentum war, der sowohl auf Antisemitismus, als auch auf gesamtwirtschaftlichen Überlegungen basierte. Das Ziel war mitunter weniger die Verschiebung von Vermögenswerten, denn die nachhaltige Zerstörung von Lebensgrundlagen, wie ein Beitrag über "Arisierungen" im Burgenland deutlich macht. MK

ARISIERTE WIRTSCHAFT

Raub und Rückgabe - Österreich von 1938 bis heute, Band 2

Hg. von Verena Pawlowsky und Harald Wendelin, Mandelbaum Verlag, Wien 2005, 240 Seiten, geb., e 17,80

Dass gerade die schwarz-blaue Regierung Schüssel I das jahrzehntelange Ringen um eine Entschädigung für Zwangsarbeiter einem guten Ende zugeführt hat, wird in gleicher Weise als Verdienst wie auch als zu seltene positive Ironie der Geschichte in Erinnerung bleiben. Wie es zu dieser Einigung gekommen ist, warum frühere Regierungen gescheitert sind und generell, in welchen Dimensionen Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs zum wirtschaftlichen Aufstieg nach dem Krieg beigetragen hat - das beschreibt furche-Kolumnist Hubert Feichtlbauer in seinem Buch "Zwangsarbeit in Österreich 1938-1945". Lesenswert macht das Buch, dass der Autor neben hoher Politik und Diplomatie eines nie außer Auge verliert: Bei jedem "Fall" geht es um das Schicksal eines Menschen. WM

ZWANGSARBEIT IN ÖSTERREICH

1938-1945

Von Hubert Feichtlbauer, Hg. vom Österreichischen Versöhnungsfonds, www.versoehnungsfonds.at, Wien 2005, 335 Seiten, geb., e 19,90

Einen kleinen Beitrag zur Beantwortung der Frage: Wie konnte es soweit kommen?" wollte Franz Schausberger mit seinem Buch "Alle an den Galgen!" leisten. Und der Untertitel zeigt, dass sich der Historiker und frühere Salzburger Landeshauptmann mit einem doch recht regionalen Thema beschäftigt hat: mit den Salzburger Gemeinderatswahlen 1931. Doch die Lektüre zeigt sehr schnell, dass gerade ausgehend vom Regionalen die großen Leitlinien und Erfolgsrezepte der "Hitlerbewegung offensichtlich werden: moderner, dröhnender Wahlkampf, Verunglimpfung der "Bonzen"-Politik und Aggression gegen Juden. Und man ließ auch keine Zweifel darüber, was die Hitlerbewegung vorhat, wenn sie an die Macht kommt: Alle Vertreter des verhassten Regimes an den Galgen! WM

ALLE AN DEN GALGEN!

Der politische "Takeoff" der

"Hitlerbewegung" bei den Salzburger Gemeindewahlen 1931

Von Franz Schausberger, Böhlau,

Wien 2005, 278 Seiten, geb., e 29,90

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