Geisterglaube und Leichen, die noch leben

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Erst 1999 fand in Japan eine legale Transplantation von Organen eines Gehirntoten statt: Der Tod in Japan ist anders als im Westen.

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Erst 1999 fand in Japan eine legale Transplantation von Organen eines Gehirntoten statt: Der Tod in Japan ist anders als im Westen.

Der Berg Osore-San auf der Shimokita-Halbinsel im Norden der japanischen Hauptinsel ist ein unheimlicher Ort. Eine schroffe Felslandschaft, auf der kaum etwas wächst, in einer Umgebung sattgrüner Wälder. Starker Schwefelgeruch hängt in der Luft. Die Erde ist gelb, rötlich, bläulich verfärbt. Dampf steigt auf. Krächzend kreisen sattschwarze Raben über dem Berg. Am Eingangstor zum Entsuji-Tempel rollen die beiden überlebensgroßen Tempelwächter wütend die Augen und schwingen ihre Schwerter.

Der Weg zum "Seelenberg" ist gesäumt von kleinen Steinfiguren mit roten Lätzchen und Mützchen. Die Löcher, aus denen der Schwefeldampf steigt, tragen Namen von Höllen. Davor sind blau-grün verfärbte Münzen aufgeschichtet. Im Tempelinneren biegen sich zwei lange Kleiderstangen unter der Last von Anzügen, Schuluniformen und anderen Kleidungsstücken Verstorbener. Osore bedeutet Furcht und der Berg ist eine Pilgerstätte für alle, die den Kontakt zu Verstorbenen suchen. Blinde Frauen, Medien, die sich in schamanistischen Ritualen in Trance versetzen, um die Seelen der Verstorbenen anzurufen, helfen ihnen dabei. Reisen in Japan liefern viele Beispiele für populäre Jenseitsvorstellungen im heutigen Japan.

Obwohl Japan dem Klischee nach als ein Land gilt, das stark diesseitig ausgerichtet ist, in dem sich die Menschen kaum darum kümmern, was außerhalb des jetzigen Lebens stattfindet. Dabei haben die Japaner im Laufe der Geschichte sehr viele Visionen über das Leben nach dem Tod entwickelt, weiß die Japanologin Sabine Formanek vom Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bei einem von der Akademie veranstalteten Symposium in Wien, das sich mit Jenseitsvorstellungen in Japan auseinandersetzte. Diese Vorstellungen, so Formanek, stünden in engem Zusammenhang zu gesellschaftlichen Entwicklungen.

Ein aktuelles Beispiel dafür, welche Rolle Religiosität und Jenseitsvorstellungen im heutigen Japan spielen, zeigt etwa die Diskussion über Organtransplantationen von Gehirntoten. 1968 hatte die erste Organtransplantation in der Geschichte Japans für große Unruhe in der Bevölkerung gesorgt. Die Diskussionen über Ethik und Moral eines solchen Eingriffs sind seither nicht mehr abgerissen.

Tod und Leben Erst im Februar 1999 wurde erstmals legal eine Organtransplantation eines Gehirntoten durchgeführt. Der Konfuzianismus lehre einen äußerst respektvollen Umgang mit den Toten, werde doch der Körper als Geschenk von Eltern und Vorfahren verstanden, erklärt William La Fleur, Professor für Japanese Studies an der Universität Pennsylvania, der derzeit in Kyoto an einem Buch zu diesem Thema arbeitet. Im Shintoismus wiederum gelte die Vorstellung, einem toten Körper ein Organ zu entnehmen und einem lebenden einzupflanzen, als Vermischung von Tod und Leben, der etwas Unreines anhafte.

Der Gehirntod als Definition für den Tod, wie er 1968 von einer Harvard Commission ausgearbeitet worden ist, ist für viele in Japan eine sehr westliche Ansicht des Todes. Geht sie doch auf Descartes und die christliche Überzeugung einer Trennung von Körper und Seele zurück und ist keine klassisch buddhistische oder japanische Ansicht des Todes. Japanische Ärzte, die einen solchen Eingriff ablehnen, sehen keinen eindeutigen Beweis dafür, daß ein Gehirntoter wirklich tot ist. Der Zeitpunkt des Todes ist für viele Japaner mit großer Unklarheit verbunden. Nach weitverbreiteter Auffassung hat der Leichnam noch irgendeine Form von Leben in sich - ein Hauptargument für die Ablehnung. Die Gegner berufen sich dabei auf die medizinische Tatsache, daß der Körper nicht plötzlich, sondern in einem allmählichen Prozeß stirbt. Daß etwa die Zellen von Haaren und Nägeln noch wenige Tage, nachdem jemand für tot erklärt worden ist, weiterwachsen können.

Aktuelle Gesellschaftsprobleme zeigen auch die Rituale der sogenannten Neuen Religionen auf, die in den letzten Jahren einen starken Zulauf erleben und einen starken Geisterglauben revitalisieren. 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung hängen diesen Religionen an. "Ich möchte nicht von Sekten sprechen, weil das so ein christlicher Kampfbegriff ist", sagt die Religionswissenschafterin und Japanologin Inken Prohl von der Universität Berlin und spricht statt dessen von religiösen Bewegungen, die nicht anrüchig seien und nichts mit Ausbeutung zu tun hätten. Stark kommerzialisiert sind sie allemal.

Klischee Harmonie Diese Religionen machen die Rache von Totengeistern für die Probleme der Menschen verantwortlich. Frauen, die noch nicht den richtigen Mann gefunden haben, können dies auf einen rächenden Totengeist zurückführen. Darin zeigt sich der große gesellschaftliche Druck auf Frauen zu heiraten. Beziehungsprobleme werden zu lösen versucht, indem die Totengeister besänftigt werden.

Enttarnt wird auch das Klischee von der Harmonie in Japans Gesellschaft. Denn so toll klappe es nicht immer mit den Beziehungen in Familie und Arbeit, analysiert Prohl: "Bei einem Problem mit einem Arbeitskollegen kann eine Art religiöses Anti-Mobbing - Management mit Hilfe der Totengeister betrieben werden". Den herumirrenden Geistern der Toten, die nicht in ein Jenseits einkehren können, werden Opfer dargebracht. Etwa Hölzchen, die um rund 10 Schilling gekauft werden. Tausend Tage lang müssen jeden Tag zwei dieser Hölzer beschriftet werden. Eines mit dem Namen des Totengeists, das andere mit dem eigenen Namen oder dem Problem, das man hat. Dann werden die Hölzer bei einer großen Zeremonie, bei der Sutren rezitiert werden, rituell verbrannt. Der kommerzielle Wert für die Religionsgemeinschaften liegt auf der Hand.

Religionen in Japan 216 Millionen Mitglieder religiöser Organisationen vermerkt das japanische Religionsjahrbuch - und das sind etwa doppelt so viele Menschen, wie die Gesamtbevölkerung des Landes. Denn die wenigsten Japaner haben ein Problem damit, die Zeremonien verschiedener Religionsgemeinschaften zu praktizieren. Für verschiedene Zwecke werden verschiedene Religionen benutzt. Für alles, was mit freudigen Ereignissen zu tun hat wie Geburt oder Heirat, gilt der Shintoismus als "zuständig", während der Buddhismus stärker mit Tod assoziiert wird.

Vereinfacht gesagt kann der Shintoismus als Naturreligion definiert werden, die aus dem Alltagsleben der Japaner in der Frühzeit entstand und später durch die Einflüsse von buddhistischem und konfuzianischem Gedankengut weiterentwickelt wurde. Berge, Bäume und Flüsse oder Tiere werden beseelt und zu Objekten der Verehrung, zu kami - Göttern oder Geistern. Der Buddhismus gelangte über Korea nach Japan und wurde zunächst zur Religion der herrschenden Klasse.

Im 13. Jahrhundert entstanden eigenständige buddhistische Sekten in Japan. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das Christentum nach Japan gebracht, konnte sich aber nie wirklich durchsetzen. Im 17. Jahrhundert wurden die japanischen Christen brutal verfolgt. Sie mußten unter Folter dem Glauben abschwören, wurden hingerichtet, indem sie öffentlich ans Kreuz genagelt wurden. Heute sind weniger als ein Prozent der Bevölkerung Christen.

Die Autorin ist Preisträgerin des Concordia-Preises für publizistische Leistungen in bezug auf Menschenrechte, der ihr am 3. Mai, dem Tag der Pressefreiheit, überreicht wird.

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