Geläut aus Österreich

Im südbosnischen Kupres machte der Mitteleuropäische Katholikentag Station: Ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen eines immer noch wunden Landes. Das Geläut hat den Grazer Bischof Egon Kapellari am meisten beeindruckt: "In den Steinschluchten der Städte sind die Glocken der Kirchen eingesperrt, im Freien werden sie hörbarer..." Die Glocken, von denen Kapellari da sprach, waren letzten Sonntag zum zweiten Mal erklungen - auf 1200 Meter Seehöhe, in Kupres, einem Dorf in Südbosnien. Das erste Läute-Mal hatte ein Jahr zuvor stattgefunden, beim Mitteleuropäischen Katholikentag in Mariazell: ein Geschenk von Österreichs Katholiken an die bosnische Kirche, die acht Glocken symbolisieren die Teilnehmerländer beim Katholikentag. Sie haben nun den Weg an ihren Bestimmungsort gefunden - allerdings sind die beiden Glockentürme der neuen Kirche nicht fertig geworden, daher hängt das Geläute - wie auch in Mariazell 2004 - auf zwei Holzgestellen.

Land im "kalten Frieden"

Tausende Gläubige sind gekommen - vor allem aus Bosnien-Herzegowina und dem nahen Dalmatien, mit ihnen hunderte Priester sowie Dutzende Bischöfe aus sieben der acht Länder des Mitteleuropäischen Katholikentags - nur die Polen fehlen; an der Spitze die Kardinäle Vinko Pulji´c (Sarajewo), Josip Bozani´c (Zagreb) und Wiens Christoph Schönborn. Sie alle feiern hier Eucharistie - ein weiterer "mitteleuropäischer" Katholikentag, kleiner zwar als Mariazell 2004, aber vielleicht genauso wichtig, denn, resümiert Bischof Kapellari, nicht nur die Gebäude in Bosnien-Herzegowina wurden verwüstet, sondern auch die Seelen: Es herrsche "kalter Friede" hier, und es sei wichtig, wieder Aufmerksamkeit zu wecken für dieses Land.

Die neue Kirche, für den Ort Kupres allein viel zu groß dimensioniert, steht neben dem alten Gotteshaus zur Heiligen Familie: 1992 hatten serbische Tschetniks sie dem Erdboden gleichgemacht, die Trümmer davon liegen noch immer neben dem Neubau. Weiter auf die Berge zu findet sich auch eine kleine, nagelneue Moschee. Der Ruf des Muezzins klingt neben den wuchtigen Tönen der neuen Glocken bescheiden leise.

Zu Beginn des Gottesdienstes ist Kardinal Schönborn in Mitra und Messgewand auf Leitern zu jeder Glocke hinaufgeklettert: Jede einzelne Glocke salbt er viermal mit Chrisam, besprengt sie mit Wasser und beräuchert sie - dann beginnen sie zu läuten, zuerst die kleinste, zum Schluss die größte - still hört die versammelte Gemeinde zu, während sich der achtfache Klang über die Hochebene ausbreitet.

Die tiefe Wunde der Teilung

Bischof Kapellari ist mit österreichischen Journalisten drei Tage durch Bosnien-Herzegowina unterwegs - nicht nur beim Vorbeifahren sind die Kriegswunden immer noch zu sehen, auch in diesen Tagen gibt es neue Probleme im Land: Paddy Ashdown, der mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet als Hoher Repräsentant das Land regiert, hat Dragan ´Covi´c, das kroatische Mitglied des dreiköpfigen Staatspräsidiums, wegen Korruptionsvorwürfen ohne Federlesens oder demokratische Kontrolle abgesetzt. In der Republika Srpska, der serbischen "Entität", hat eine Armeeeinheit den Eid auf den bosnischen Gesamtstaat verweigert, obwohl die Armee von der internationalen Gemeinschaft nur als gemeinsame Armee anerkannt wird, und eine Polizeireform, die die Aufteilung der Polizei in serbische und muslimisch-kroatische Einheiten aufheben soll, ist in Banja Luka, der Hauptstadt der Republika Srpska, am wütenden Widerstand der Serben gescheitert.

Franjo Komarica, der katholische Bischof Banja Luka, nimmt sich vor den österreichischen Journalisten kein Blatt vor den Mund: Vor 10 Jahren ist Bosnien-Herzegowina durch das Abkommen von Dayton de facto in zwei ethnische Teile gespalten worden - die Republika Srpska und die muslimisch-kroatische Föderation. Von den 220.000 Katholiken, die 1990 in der heutigen Republika Srpska lebten, sind 2004 nur 12.500 geblieben - kaum jemand kehrte zurück, so Komarica bitter. Er klagt die internationale Gemeinschaft an, die ethnischen Säuberungen zu sanktionieren, die Katholiken seien, so nicht nur Komarica, die Verlierer des Krieges: "Wo sind die Christen in den politischen Reihen Europas?" klagt Komarica, der den Krieg hindurch in Banja Luka ausgeharrt hat, und der bis heute mit seiner Caritas vielen Menschen - ohne Ansehen der Ethnie oder Religion - Hilfe angedeihen lässt.

In Sarajewo klingt Kardinal Pulji´c, der Erzbischof, ähnlich: Die Internationalen gehen auch nach seinen Worten mit den Kroaten - katholisch ist hier gleichbedeutend mit Kroate sein - ungerecht um. Dennoch gibt es für Pulji´c keine Alternative zum Dialog mit den anderen Religionen im Land: "Der Krieg war kein Glaubensskrieg!"

Pulji´c steht turnusmäßig auch dem Interreligiösen Rat von Bosnien-Herzegowina vor, Vertreter des Rates sind zu den österreichischen Journalisten in Sarajewo gekommen: Alle vier Religionen - Katholiken, Serbisch-Orthodoxe, Muslime und Juden bemühen sich, ein Gesetz über Religionsfreiheit zu initiieren und den schulischen Religionsunterricht für jede Konfession bei den internationalen Behörden durchzusetzen. Das serbisch-orthodoxe Ratsmitglied, der Priester Jerej Jovanovi´c, betont das gemeinsame Ziel, die staatliche Anerkennung der Religion zu erreichen, und der muslimische Theologe NedÇzad Gradusa weist darauf hin, wie sehr die Angehörigen der unterschiedlichen Religionen im Land viel zu wenig voneinander wissen - auch dieses Defizit will der Interreligiöse Rat überwinden helfen.

Keine bosnische Flagge

Dass Bosnien-Herzegowina ein kaum definierbares Gebilde, aber - noch? - keinen Staat darstellt, ist auch am folgenden Tag, als der Katholikentags-Gottesdienst in Kupres stattfindet, evident: Viele Fahnen ragen aus der Menge empor - ausschließlich kroatische; eine bosnische Flagge sucht man da vergebens. Vor dem Gottesdienst spielt eine Militärkapelle, am Arm-Emblem als der muslimisch-kroatischen Teilarmee zugehörig, kenntlich, einen kroatischen Militärmarsch ("Wir sind die kroatischen Garden"). Die Predigt beim Festgottesdienst hält der Zagreber Kardinal Bozani´c - und auch er spricht in seinen langen Ausführungen vor allem das eigene Volk an. Als er die "lieben Kroatinnen und Kroaten" sowohl Bosniens als auch Kroatiens bittet: "Lassen Sie niemanden und nichts Ihre gemeinsamen Leiden, Ihre Gemeinschaft beschädigen", braust Applaus auf.

Dennoch ist viel von Frieden und Versöhnung die Rede. Kardinal Schönborn ruft den Feiernden zu: "Euer Glaube hat sich im Krieg, im Leid, in der Not bewährt. Christus ist der Auferstandene, er gibt euch die Kraft zu vergeben, neu anzufangen!" Diese Kraft zur Versöhnung ist einer der stärksten Wünsche an die bosnischen Katholiken. Und dass Bischöfe aus sieben Ländern gekommen sind, aus Österreich unter anderem auch die Bischöfe von Eisenstadt, St. Pölten und Innsbruck, zeugt ebenfalls von Solidarität.

Gotovina und Boff

An kleinen Zeichen wird sichtbar, wie viel aber noch zu tun ist: Dass im als Pressezentrum dienenden Café ein Porträt von Ante Gotovina an der Wand hängt, irritiert bloß die österreichischen Journalisten. Der als Kriegsverbrecher gesuchte Kroaten-General ist hier weiter eine Heldengestalt.

Draußen rund um die Kirche und im Ort hat derweil das Volksfest mit Ringelspiel, Marktstandeln und unzähligen Hammeln am Holzkohlengrill begonnen. Auf einem frommen Schriftenstand liegt neben dem neuesten Buch von Kardinal Pulji´c (Titel: "Mein erstes Konklave") ein Werk Johannes Pauls II., und daneben entdeckt der erstaunte Österreicher die Franziskus-Biografie von Leonardo Boff: Dass der verstorbene Papst sich da publizistisch mit dem verketzerten Befreiungstheologen in einer Reihe wiederfindet - vielleicht ist ja auch das ein Zeichen, wie sich Gegensätze doch vertragen können...

Bischof Kapellari resümiert bei der vielstündigen Heimfahrt nach Wien: In Kupres habe sich gezeigt, das der Mitteleuropäische Katholikentag, der 2004 in Mariazell den ersten Höhepunkt hatte, als "Wanderprojekt" weiterlebe. Auch wenn noch nichts Definitives für die Zukunft entschieden sei, so Kapellari: "Ich hoffe, dass es weitergeht!"

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