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Gemeinschaft statt Privatsache

Die Liturgiereform war die am besten vorbereitete Innovation des II. Vatikanums. Liturgische Erneuerung bleibt aber ein immer aktuelles Geschehen.

Kein Konzilsdokument ist so intensiv vorbereitet worden wie die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium. Sie ist ja das Ergebnis der zahlreichen liturgischen Bewegungen des 19. und des 20. Jahrhunderts. Ein Hauptanliegen der konziliaren Liturgieerneuerung ist die "volle, bewusste und tätige Teilnahme" aller an der Liturgie Beteiligten. Am meisten fallen hier natürlich die Aussagen über die Gläubigen auf. Nach einer Jahrhunderte langen Tradition, die einseitig das liturgische Handeln des Klerus hervorhob, war es höchste Zeit, zu versuchen, die Rolle des außer Blick geratenen Volkes und den Gemeinschaftscharakter der Liturgie neu zu betonen, also das Gleichgewicht innerhalb der Kirche wieder herzustellen. Die Liturgie ist keine Privatsache, sondern eine gemeinschaftliche Feier der Kirche, das "Sakrament der Einheit" des Volkes Gottes unter dem Bischof.

Die Teilnahme ist natürlich nicht auf die Menschen beschränkt. Es ist ja Christus selbst, der zelebriert. Die Liturgie ist der Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens, in dem Gott und Mensch auf einander bezogen sind.

Klarere Riten

Die Riten sollen einfacher und klarer werden: Darum muss die Liturgie revidiert werden und es wird die Möglichkeit eröffnet, die Volkssprache auch innerhalb des Gottesdienstes zum Ausdruck zu bringen. Für die Konzilsväter selbst war jedoch die uneingeschränkte Einführung der Volkssprache noch ein Schritt zu weit. Die Erneuerung lag darin, dass die Muttersprache nur bei den Lesungen und Hinweisen sowie einigen Gebeten und Gesängen offiziell erlaubt wurde. Das Konzil betont ebenfalls die Bedeutung der Inkulturation und Variation, also der Anpassungen an die Eigenart unterschiedlicher Orte und Völker.

Die in der Liturgiekonstitution angekündigten Reformschritte sowie die später in den revidierten liturgischen Büchern konkretisierten Veränderungen von Texten und Rubriken waren groß. Während früher der Priester am Hochaltar mit dem Rücken zum Volk gewandt die Messe lateinisch "las", wobei er gut auf die Rubriken, die liturgischen Vorschriften, achtete und das Volk, wenn überhaupt anwesend, sich weit weg vom Altar befand, zusah, zuhörte, Lieder sang, den Rosenkranz betete oder Andachten las, feierte nun der Priester-Vorsteher mit dem Antlitz zum Volk gewandt an einem neu errichteten Volksaltar. Außer ihm gab es nun noch andere liturgische Funktionäre, wie zum Beispiel den Lektor/die Lektorin und die Kommunionausteilenden. Zudem war vor der Reform der Verkündigungsteil der Messe eigentlich nur "Vormesse" und die Teilnahme daran war für das Volk nicht unbedingt erforderlich: Damit die Messe "gültig" war, brauchte man erst ab der Gabenbereitung dabei sein. Nun wurde erheblich mehr aus der Bibel gelesen und auch die Predigt wurde als ein wichtiges liturgisches Element eingestuft. Weiters wurde nun die Rolle des Volkes viel stärker ausgeprägt durch Akklamationen, durch die im tatsächlichen Verlauf der Feier integrierten Gesänge, durch Antworten zu Fürbitten und Gebeten. Die Veränderungen kamen auch in einer neuen Kirchenarchitektur zum Ausdruck. Die Volkssprache verdrängte das Latein fast völlig.

Verschwundenes Latein

Ingesamt wurden die Kernsymbole klarer sichtbar. Bei der Firmung verschwand zum Beispiel der kaum noch verständliche Backenstreich, wodurch es möglich wurde, dass die Salbung und die Handauflegung wieder als die wichtigsten Zeichen erschienen. Durch die Erstellung von zwei separaten Riten der Taufe - ein Ritual der Taufe für Kleinkinder, worin die Situation des kleinen Kindes zentral steht, und ein Initiationsritual von Taufe, Firmung und Eucharistie für Erwachsene - kamen die jeweils unterschiedlichen Lebenssituationen der neuen Mitglieder der Kirche besser zum Ausdruck.

Ängstlichkeit und "Disziplin"

Allerdings muss vieles noch in die Praxis umgesetzt werden und liturgische Bildung bleibt - trotz der Begeisterung und des Einsatzes vieler - erforderlich. Römische Dokumente warnen oft vor einer zu weit durchgeführten Erneuerung, zeigen oft Ängstlichkeit vor liturgischen Missbräuchen und betonen die liturgische Disziplin.

Heute gibt es viele neue Herausforderungen. Bekanntlich hat in Westeuropa während der 40 Jahre nach dem Konzil die Teilnahme an kirchlichen Gottesdiensten erheblich abgenommen. Dies trifft vor allem für den Sonntag und die Feste im Lauf des Kirchenjahres zu. Die meisten Katholiken sind "Festchristen" geworden, das heißt: Sie besuchen die Kirche nur noch anlässlich bestimmter Feste oder Lebensrituale. Für immer mehr Westeuropäer sind Religiosität und Kirchenzugehörigkeit zwei unterschiedliche Dinge. Religiöse Rituale außerhalb der Kirche blühen. Die Kirche verliert immer mehr das Monopol auf die Gestaltung religiöser Ritualität. Sie wird nur eine der Anbieterinnen auf dem Ritenmarkt und muss mit starker Konkurrenz rechnen. Viele Leute möchten sich nicht binden. Dies alles ist ein Symptom der heutigen Individualisierung, Pluralisierung und Detraditionalisierung. Gleichzeitig gibt es Klagen über die so genannte "abgehobene", "zeitlose", "nicht-inklusive" und "überholte" Liturgiesprache. Die Gottesdienste werden nicht selten als "fad" empfunden.

Laien, Frauen, Jugend ...

Einige weitere Umbruchspunkte seit dem Konzil sind der geänderte Stellenwert der Laien. Beispielsweise seien die Pastoralassistent(inn)en genannt. Es handelt sich hier um hoch ausgebildete Funktionäre, deren Position in der Liturgie jedoch oft unklar und umstritten ist. Man denke bloß an die "Laienpredigt". Auch die Position der Frauen hat sich sehr verändert, aber die Folgerungen davon für die Liturgie sind noch kaum gezogen worden.

Weiters wollen zahlreiche Jugendliche mit der Kirche nichts mehr zu tun haben. Das Sakrament der Firmung dient für viele leider gleichzeitig als der feierliche Abschied von der Kirche statt einer weiteren Initiierung in die christliche Religion. "Jugendgottesdienste" vermögen dieses Problem nur teilweise zu lösen.

Liturgieerneuerung ist notwendig, damit das Licht Christi klar strahlt.

Der Autor ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Graz.

Nächste Woche:

Konzil und Medien

Hans-Joachim Sander, Systematischer Theologe in Salzburg, über den medialen Aufbruch der Kirche und das Medien-Dokument des II. Vatikanums "Inter mirifica".

Chronologie

Mitte 19. Jahrhundert: In verschiedenen Ländern entsteht die "Liturgische Bewegung", die sich um ein neues Verständnis der seit dem Konzil von Trient starren Riten bemüht. Im deutschen Sprachraum verbreitet sich die nach dem Benediktiner Anselm Schott benannte Messbuch-Ausgabe, in dem Laien in deutscher Übersetzung die lateinische Messe mitverfolgen.

1. Hälfte 20. Jahrhundert: Rund um Jugendbewegungen (Quickborn, Bund Neudeutschland, in Österreich: Bund Neuland) erreicht die Liturgische Bewegung ihren Höhepunkt und fordert Neuerungen (Volkssprache, Gemeinschaftsmesse); Vordenker der Bewegung sind u.a. Romano Guardini in Deutschland und Pius Parsch in Klosterneuburg. Rom führt erste Reformen durch (z.B. Osternachtfeier, 1951)

1960 - 1962: Aufgrund der zahlreichen Eingaben aus aller Welt zu den Themen des Konzils errichtet Johannes xxiii. eine Vorbereitungskommission zum Thema Liturgie, die einen Text erarbeitet, der dem Konzil vorgelegt wird. Sekretär dieser Kommission ist der Liturgiereformer Annibale Bugnini.

Herbst 1962: Diskussion des Liturgietextes in der ersten Session des Konzils, trotz starken Widerstands einer konservativen Minderheit von Bischöfen, wird die Vorlage vom Konzilsplenum als Grundtext zur Weiterarbeit gebilligt.

Herbst 1963: Nach dem Tod Johannes' xxiii. wird die Debatte in der zweiten Konzilssession fortgesetzt, nach vielen Änderungsvorschlägen wird die Liturgiekonstitution "Sacrosanctum Concilium" mit 2158 gegen 19 Stimmen angenommen.

4. Dez. 1963: Am 400. Jahrestag des Konzils-Endes von Trient promulgiert Paul vi. mit der Liturgiekonstitution das erste Dokument des II. Vatikanums. ofri

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