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Genug der Beschwichtigungen

Eine Blamage folgt der anderen: Die Pensionskommission ist dazu berufen, konkrete Vorschläge für die Sicherung der Pensionen auszuarbeiten - allein, es will ihr nicht gelingen. Bereits im vorigen Jahr wurde sie wegen eines für untauglich gehaltenen Papiers zurück an den Start geschickt. Diese Woche wollte sie über die Ziellinie kommen, doch es ist wiederum nicht gelungen: Es gibt keine neuen, von dem 34 Mitglieder zählenden, sozialpartnerschaftliche zusammengesetzten Gremium erstellten Vorschläge. Das ist hart. Denn der Politik, insbesondere jedoch den nächsten Generationen an Menschen im Ruhestand, läuft die Zeit davon.

Arbeit an sich macht nicht krank

Gute Gründe für die außerordentliche Dringlichkeit von Reformen im Pensionswesen legte, einmal mehr, die OECD mit einer Studie vor. Hinsichtlich der Erwerbsquote sind wir Österreicher Schlusslicht im deutschsprachigen Raum, vorletzter unter den EU-Staaten. Nur in Luxemburg gehen die Herren früher in den Ruhestand, nämlich mit 57,2 Jahren (Österreich: 58,9). In allen anderen EU-Staaten arbeiten die Männer länger. Und nur in der Slowakei gehen Frauen früher in Pension als hier, nämlich mit 56,2 Jahren (Österreich: 57,5). In allen anderen EU-Staaten arbeiten Frauen länger. Das ist teuer, zu teuer.

Die Erklärungen, welche die hiesige Sozialpolitik dafür zu bieten hat, sind in sich nicht schlüssig, lassen einen Mangel an Realitätssinn erkennen, verfehlen zugleich die intendierte Wirkung der Beschwichtigung. Sie sind nur geeignet, Ärgernis oder Abwendung von der Politik auszulösen.

Der häufige frühe Ruhestand kann nicht mit angeblich krank machenden Bedingungen zu tun haben, außer man gesteht das völlige Versagen von Sozial- und Gesundheitspolitik, insbesondere von Arbeitsmedizin ein. Wozu die Untersuchungen? Die Experten? Die Inspektoren? Die Betriebsärzte? Die Vorsorge? Die vielen Kuren? Gibt es keine Aufklärung über gesunde Ernährung, notwendige Bewegung, richtige Körperhaltung am Arbeitsplatz? Lassen sich Diskriminierung oder Mobbing nicht mit Gleichbehandlungsanwälten und Betriebsräten beheben? Haben wir denn nicht einen Wust etwa an Regeln zur Einhaltung und Kontrolle von Arbeitszeiten? Wozu dient dann der Aufwand an Medizin, Bürokratie und Kosten, in den Unternehmen und in der Sozialversicherung? Nein, nein, das ist nicht schlüssig. Man möge uns mit Erklärungen, Arbeit mache einfach krank, verschonen. Es stimmt nicht. Es gibt Unfälle, das ist etwas anderes. Und es gibt Regelwidrigkeiten und Widerwärtigkeiten unter den Menschen. Aber es ist nicht die Arbeit an sich, die krank macht. Es ist, unter anderem, die falsche Einstellung zur ihr, welche frühe Pension so attraktiv erscheinen lässt.

Anpassungen sind erforderlich

Die Wirklichkeit der Arbeitswelt bräuchte dennoch einiges an Änderungen, um attraktiv zu sein und zu bleiben. Ein menschengerechtes Tempo etwa, dazu mehr Flexibilität in den zeitlichen Gestaltungen, um auf individuelle Bedürfnisse eingehen zu können. Und vielleicht etwas mehr an profundem Personalwesen, an kundigem und engagiertem Management personeller Ressourcen, um mit der Abwechslung und steten Fortbildung mehr Talente zur Entfaltung zu bringen, ehe diese für die Frühpension angestrebt wird.

Dieser frühe Pensionsantritt in Österreich ist als Problem erkannt. Die Zeiträume aktiven Erwerbslebens werden schmäler, jene des Ruhestandes hingegen länger. Das geht nicht zusammen. Deswegen steigen die Kosten zulasten nächster Generationen. Eine Pensionskommission, die ihre Aufgabe nicht erfüllt, ist zu reformieren - oder aufzulösen. Wenn sich die Sozialpartner nicht auf Wirtschaftsdaten einigen können, dann sind die dafür ungeeignet. Die Ausgaben für Frühpensionen wachsen unterdessen weiter an - bis zur nächsten Blamage einer Kommission, die ihre Aufgabe nicht erfüllt.

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