Dalai Lama getroffen - Dalai Lama und Heinrich Harrer: Schüler und Lehrer und Freunde fürs Leben – das soll schlecht gewesen sein? - © DPA/Boris Roessler
Religion

Gerald Lehner über Bergsteiger-Idol Heinrich Harrer: "Zwischen Hitler und Himalaya"

1945 1960 1980 2000 2020

Gerald Lehner hat 1997 Heinrich Harrer als Nazi enttarnt. Jetzt reicht ihm das nicht mehr: Jetzt knöpft er sich den Dalai Lama vor. Ein Vorwurf steht im Raum: Harrer habe Tibet verspielt.

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Gerald Lehner hat 1997 Heinrich Harrer als Nazi enttarnt. Jetzt reicht ihm das nicht mehr: Jetzt knöpft er sich den Dalai Lama vor. Ein Vorwurf steht im Raum: Harrer habe Tibet verspielt.

Heinrich Harrer war nicht nur ein Bergsteigeridol und eine Forscherlegende - Heinrich Harrer war auch ein Nazi: seit 1933 als "Illegaler" und SA-Mitglied; von 1938 an als NSDAP-Mitglied und SS-Oberscharführer; Ende 1938 suchte er um eine Heiratsgenehmigung an, beabsichtigte "auf ausdrücklichen Wunsch des Reichsführers-SS" noch am 24. Dezember 1938 Lotte Wegener, die Tochter des berühmten Polarforschers Alfred Wegener zu heiraten.

Eile war geboten, da der bis zu Hitler hinauf gefeierte Erstbesteiger der Eiger-Nordwand schon wenige Monate später mit der deutschen Nanga-Parbat-Expedition "unter der Obhut des Reichsportführers" in den Himalaya aufbrechen sollte.

Heinrich Harrer war nicht nur ein Bergsteigeridol und eine Forscherlegende - Heinrich Harrer war auch ein Nazi: seit 1933 als "Illegaler" und SA-Mitglied; von 1938 an als NSDAP-Mitglied und SS-Oberscharführer; Ende 1938 suchte er um eine Heiratsgenehmigung an, beabsichtigte "auf ausdrücklichen Wunsch des Reichsführers-SS" noch am 24. Dezember 1938 Lotte Wegener, die Tochter des berühmten Polarforschers Alfred Wegener zu heiraten.

Eile war geboten, da der bis zu Hitler hinauf gefeierte Erstbesteiger der Eiger-Nordwand schon wenige Monate später mit der deutschen Nanga-Parbat-Expedition "unter der Obhut des Reichsportführers" in den Himalaya aufbrechen sollte.

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Nach ersten Erkundungen wurden die Teilnehmer dieser Expedition bei Kriegsausbruch am 1. September 1939 von britischen Truppen in Indien interniert. 1944 gelang Harrer mit seinem Tiroler Gefährten Peter Aufschnaiter (Eintritt in die NSDAP am 22. April 1933!) die Flucht nach Tibet - wo er schließlich Freund und Lehrer des Dalai Lama wurde und mit seinen "Sieben Jahren in Tibet" den Grundstein zur "Legende Harrer" legte.

Sand ins Legenden-Getriebe

Der Salzburger ORF-Redakteur, Filmemacher, Autor und Alpinist Gerald Lehner hat 1997 diese "braunen Flecken" an der Legende Harrer aufgedeckt. Knapp zehn Jahre später beschreibt Lehner in seinem Buch "Zwischen Hitler und Himalaya", warum er sich so in "eines der wenigen Idole" seiner Jugend verbissen hat: Lehner wollte "erstmals Sand ins Getriebe dieser Industrie streuen"- in die Harrer-Legenden-Industrie, in die Traumfabrik-Hollywood-Industrie, die gerade dabei war, mit dem Film "Seven Years in Tibet" und Brad Pitt in der Hauptrolle, am Harrer-Mythos weiterzustricken; und Lehner wollte und will nach wie vor Sand ins Getriebe der Tibet-Esoterik-Industrie streuen, "einer gigantischen Geschäftemacherei mit Tourismus, Sehnsüchten und Klischees fernab politischer und sozialer Realitäten der Himalaya Region".

Den letzten Teil seines neuen Buches widmet Lehner dieser Tibet-und Dalai Lama-Anklage; zuvor lässt er die Causa Harrer Revue passieren; daran anschließend beschreibt er die Geschichte einer SS-Expedition, die für "Rassenforschungen" Jahre vor Harrer nach Tibet gereist ist und deren Exponate nach wie vor unkommentiert - ein wirklicher Skandal - im Salzburger "Haus der Natur" ausgestellt werden.

Lehner unterstellt dem politischen Oberhaupt der Tibeter vielmehr, dass er mit diesen "alten Nazis" und ihren Einstellungen und ihrer Weltsicht sympathisiere - und er führt das nicht zuletzt auf die Erziehung zurück, die der Dalai Lama unter Harrer genossen haben soll.

Aber nicht nur das: Ein Mitglied dieser SS-Expedition ist gemeinsam mit Harrer und dem Dalai Lama auf einem Foto abgebildet, mit dem die tibetische Exilregierung im Internet Stimmung gegen die chinesische Besatzung macht - Harrer und der frühere SS-Rassenforscher bestätigen dabei als Zeitzeugen die frühere Unabhängigkeit Tibets. Für Lehner sind diese Kontakte des Dalai Lama mit ehemaligen Nationalsozialisten jedoch viel mehr als bloß alte Freundschaft oder politische Naivität. Lehner unterstellt dem politischen Oberhaupt der Tibeter vielmehr, dass er mit diesen "alten Nazis" und ihren Einstellungen und ihrer Weltsicht sympathisiere - und er führt das nicht zuletzt auf die Erziehung zurück, die der Dalai Lama unter Harrer genossen haben soll.

Dalai Lama und alte Nazis?

"Beriet Harrer den jungen ,Gottkönig' schon im alten Tibet mit dem Weitblick eines Kosmopoliten und Humanisten? Wie hätte ein ehemaliger SS-, SA-und NSDAP-Mann, der einige Jahre zuvor noch bei Hitlers Sturmabteilung in Graz war, das tun können?"

Den größten Vorwurf an den Lehrer Harrer lässt Lehner aber eine andere Bergsteigerlegende sagen - Reinhold Messner: "Tibet könnte heute ein freies Land sein, wenn der junge Dalai Lama 1949, 1950 und 1951 einen weisen Lehrer und Berater gehabt hätte." - "Es kann kaum härtere Kritik geben", kommentiert Lehner. Ob der Vorwurf überhaupt stimmen kann, dass Tibets Freiheit letztlich auf Kosten Harrers geht, diese Frage stellt Lehner nicht. Deswegen befragt die FURCHE dazu die Wiener Tibetologen-Instanz Ernst Steinkellner.

Für den Uni-Professor, der den Dalai Lama seit Anfang der 1970er-Jahre persönlich kennt, ist dieser Vorwurf eine "sehr boshafte Überzeichnung von Harrers Lehrerrolle". Sollte Harrer "überhaupt Ideen, die im NS-Kontext standen", mit nach Tibet gebracht haben - "wie hätte er sie an den Dalai Lama verkaufen können?" Das Dalai Lama-Kind war unter strenger Beobachtung seines Hofstaats, erklärt Steinkellner, "eine maßgebliche Beeinflussung seiner Ideenwelt durch Harrer ist unvorstellbar."

Im "kalten Bürgerkrieg"

Lehners Kritik an Harrer geht aber noch weiter: Sein schlechter Einfluss auf den Dalai Lama soll bis in die heutige tibetische Exilpolitik nachwirken - und "ein düsteres Bild" ergeben. Denn der Schein vom immer freundlichen und netten Dalai Lama entspricht, laut Lehner, nicht der Realität. Vielmehr herrsche ein "kalter Bürgerkrieg" unter Exil-Tibetern - der Anlass: Der Dalai Lama habe die Verehrung des tibetischen Schutzpatron Dorje Shugden verboten. Seither herrsche Aufruhr unter den Tibetern, vor Jahren soll es sogar zu Toten bei Kämpfen zwischen Shugden-Anhängern und -Gegnern gekommen sein.

Für Tseten Zöchbauer, Präsidentin der "Tibetergemeinschaft Österreich", stehen bei diesem internen religiösen Problem "90 Prozent der Tibeter hinter dem Dalai Lama". Der Dalai Lama habe empfohlen, nicht befohlen, so Zöchbauer, die sektiererische Shugden-Praxis nicht auszuüben, weil die Exil-Tibeter nicht die gleichen Fehler wie im alten Tibet wiederholen sollen, wo die Orden untereinander zerstritten waren. Die Schutzgottheit Dorje Shugden stehe außerdem für Geld und Macht - und wer Shugden zuviel praktiziere, so die Warnung des Dalai Lama, vergesse darüber die Lehren Buddhas "und verkaufe seine Seele" - tolle Einsicht, sie passt halt nur so gar nicht zu Gerald Lehners Dalai Lama-Bild.

Buch

Zwischen Hitler und Himalaya

Die Gedächtnislücken des Heinrich Harrer,
Von Gerald Lehner,
Cernin, Wien 2006,
geb., 303 Seiten, Euro 24,40.

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