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Gesucht: Zeit und ein offenes Ohr

1945 1960 1980 2000 2020

Die Diözese Eisenstadt hat sich im vergangenen Jahr engagiert am "Dialog für Österreich" beteiligt. Entgegen anderswo geht der Dialog hier weiter, als "Dialog für Burgenland". Damit ist ist insbesondere ein Gesprächs- und Nachdenkprozeß "an der Basis" gemeint - wie das Beispiel einer Eisenstädter Pfarre zeigt.

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Die Diözese Eisenstadt hat sich im vergangenen Jahr engagiert am "Dialog für Österreich" beteiligt. Entgegen anderswo geht der Dialog hier weiter, als "Dialog für Burgenland". Damit ist ist insbesondere ein Gesprächs- und Nachdenkprozeß "an der Basis" gemeint - wie das Beispiel einer Eisenstädter Pfarre zeigt.

Dialog für Burgenland' bedeutet für mich einerseits die Fortsetzung des ,Dialogs für Österreich', und andererseits das Suchen nach einer Antwort auf Erfordernisse der Zeit vom ,Nebeneinander' zu einem ,Miteinander' zu kommen. Im Hinhören auf den/die anderen und im ehrlichen Gespräch sowie im Eingehen auf die gegenseitigen Fragen wollen wir die ,Frohe Botschaft' des Reiches Gottes als Leitlinie für unser Leben erfahrbar machen." So antwortete der Eisenstädter Bischof Paul Iby auf die Frage: "Was bedeutet für mich Dialog?" Iby will damit seine Diözese zu konkreten Schritten ermutigen, damit der Aussage: "Die katholische Kirche paßt in unsere Zeit", wieder stärker geglaubt wird.

Modell Pfarranalyse Als ein Modell, dieses Ziel zu erreichen wurde vom Propstpfarrer in Eisenstadt-Oberberg, Prälat Johann Bauer, für seine Pfarre eine Befragung mit entsprechender Analyse angeregt. Für Bauer bedeutet Dialog einerseits Nachdenken über die in Veränderung befindlichen Strukturen der Kirche und die konkreten Auswirkungen dieser Veränderungen auf die Pfarrgemeinde. Zugleich geht es ihm auch um ein Suchen danach, wie Christen in einer glaubwürdigen Form das Evangelium leben und dabei eine Begleitung durch die Kirche erfahren können.

Für diese Befragung, die im Frühjahr dieses Jahres stattfand, wurde ein vom Pastoraltheologen Paul M. Zulehner entwickelter Fragebogen verwendet. Um die Strukturen der Pfarre genau zu durchleuchten und die Bedürfnisse und Wünsche der in der Pfarre lebenden Menschen zu erheben, wurden 1.090 Fragebögen ausgegeben (im Pfarrgebiet leben rund 1.600 Personen). Die Verteilung der Fragebögen übernahmen Mitarbeiter, um so einen persönlichen Kontakt zwischen Pfarre und Dialogpartnern herzustellen.

63 Prozent der Fragebögen kamen zurück. Dabei zeigte sich, daß zwei Drittel der Befragten Interesse am pfarrlichen Leben haben, ein Sechstel sich zu einem inneren Kreis zählt, wobei der Anteil derer, die für sich in den letzten fünf Jahren eine Annäherung gesehen haben, deutlich größer ist als der Anteil derer, die sich entfernt haben. Ein Viertel der Befragten ist bereit, eine Aufgabe in der Pfarre zu übernehmen oder hat es bereits getan, die Hälfte der Befragten hingegen lehnt dies ab.

Begleitung gefragt Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die Aussage "Die Kirche versorgt ihre Mitglieder mit religiösen Dienstleistungen" von 25 Prozent, die Aussage "Die Kirche als Gemeinschaft ist so stark wie die Mitglieder" jedoch von 60 Prozent bejaht wurde. In den Bereichen "Glaube - Gottesdienst" und "Verkündigung" wird nahezu eine Übereinstimmung von Ist-Zustand und Soll-Zustand gesehen, während in den Bereichen "geschwisterliche Gemeinschaft" und "Dienst an den Benachteiligten, den Armen" der Ist- und der Sollzustand auseinanderklaffen.

In der Umfrage geäußerte Bedürfnisse sind: * Begleitung der Menschen auf dem Lebensweg, * Zeit und ein offenes Ohr für die Probleme der Menschen, * Einsatz für Schwache und Benachteiligte, * gute religiöse Erwachsenenbildung.

Zwei Zugänge, mit dieser Analyse weiterzuarbeiten, scheinen möglich. Zunächst soll der Dialog in Gang gehalten werden, gleichzeitig müssen Vorschlägen in die Praxis umgesetzt werden. Das bedeutet ein Wechselspiel von Reden und Hören als Grundlage für das Tun: Gilt Reden als aktive Verhaltensweise und wird Hören eher zu den passiven gezählt, so erfordert doch gerade Hören - Zuhören - Hinhören höchste Aktivität. Es ist ein Konzentrieren auf den anderen, es sucht ihn dort auf, wo er sich mit seinen Einstellungen und Grundhaltungen befindet, und beschäftigt sich nicht mit den eigenen, vermeintlich besseren Antworten.

Aktives Zuhören Dieses Zuhören impliziert meist auch ein gemeinsames Suchen nach offenstehenden Möglichkeiten, geht weg vom bloßen Vorhalten eines Spiegels, läßt Raum für Kritik. Es ist erlaubt, sich zu identifizieren, ohne entlarvt zu sein. Ein Annehmen von Widerspruch, Widerstand wird möglich. Der Verzicht auf Druck ist hier kein Risiko, sondern Chance. "Die Beziehung zum Du ist unmittelbar, alles wirkliche Leben ist Begegnung ... Der Mensch wird am Du zum Ich." Diese Worte Martin Bubers sollten eine der grundlegenden Richtlinien für das gemeinsame Weiterentwickeln sein.

Die Pfarre ist aber auch als "System" zu sehen - mit Untersystemen und verschiedenen Umwelten. Hier gilt es, im Spannungsfeld von Bewahren und Verändern zu agieren und den einzelnen oder Gruppen in der jeweiligen Eigenverantwortung wahrzunehmen. Es entsteht, wie in jeder Organisation, ein Widerspruch zwischen Vergangenheits- und Zukunftsorientierung sowie ein Widerspruch zwischen ineffizienten "formalen" und mächtigen "informellen" Strukturen.

Bilder von "Pfarre" Entwicklungsmaßnahmen hängen davon ab, inwiefern es gelingt, sich sowohl der formalen als auch der informellen Strukturen zu bedienen, und die Nähe und Distanz des einzelnen und verschiedener Gruppen zu nutzen. Die Schwierigkeit, gemeinsam an einer Gemeinde zu bauen, ist in den vielen verschiedenen Bildern von Pfarrgemeinde grundgelegt. Jeder einzelne hat sein eigenes Bild, und kein Bild gleicht dem anderen. Aber ließe sich nicht aus dem Nachdenken über Tradition und eigene Praxis, aus bewältigten Konflikten im Sinne einer "lernenden" Organisation ein Leitbild entwickeln, dem alle zustimmen können? Die Pfarrgemeinde: Kirche als ein System, das Ideen entwickelt und nicht nur auf die Umwelt reagiert. Eine einladende Gemeinde, in der sich keine Gruppe abschließt, die keine Gruppe ausschließt, die offen ist für alle Lebenskonzepte. Ein System mit großem Engagement innerhalb, das durch die Öffnung die Kraft dieser inneren Struktur auch nach außen wirken läßt und so vieles in Bewegung bringt.

Die Pfarrbefragung ist jetzt sorgfältig zu diskutieren, um daraus jene Ziele zu entwickeln, die in einer nächsten Phase verwirklicht werden.

Die Autorin ist Religionspädagogin in Eisenstadt.

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