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Religion

Gib mir die Gabe der Sprache, Gott

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur die Theologin und Dichterin Dorothee Sölle stellt Nähe zwischen Literatur und Religion fest. Psalmisten und Dichter reden von und zu Gott.

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur die Theologin und Dichterin Dorothee Sölle stellt Nähe zwischen Literatur und Religion fest. Psalmisten und Dichter reden von und zu Gott.

Der du die Zeit in Händen hast, / Herr, nimm auch dieses Jahres Last / und wandle sie in Segen. Das Neujahrsgedicht Jochen Kleppers gehört zu den bekanntesten Texten des zeitgenössischen Protestantismus, vielgebetet und -gesungen. Jochen Klepper, evangelischer Pfarrer und Dichter, beging 1942 mit seiner jüdischen Frau und seiner Stieftochter Selbstmord. Seine Gedichte orientieren sich an der religiösen Dichtung par excellence, den Psalmen: Die Sprache der Dichter und die der Psalmen entspringen derselben Wurzel: Psalmisten sind Dichter, und Dichter benennen wie Psalmisten das Unnennbare mit menschlichem Wort.

Im 20. Jahrhundert mußte wie kaum zuvor"Aus der Tiefe" (Psalm 131) gerufen und über Unsagbares und Unsägliches gesprochen und geschrien werden. Die Schoa, die Judenvernichtung im Rücken und das übrige Grauen des Weltkriegs - so sangen und stammelten Psalmisten des Jahrhunderts: Rose Ausländer, Paul Celan, Reinhold Schneider, Nelly Sachs: O die Schornsteine / Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes / Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch / Durch die Luft ...

Psalm - das ist Dichtung und Gebet, eine Form, Verbindung zwischen Mensch und Transzendentem zu schaffen. Darum wurde diese literarische Gattung von allen Dichtern dieses Jahrhunderts in Anspruch genommen, von Thomas Bernhard ebenso wie von Peter Handke oder Christine Lavant. Wie in den biblischen Psalmen ist in den modernen von tiefer Entwurzelung, aber auch von höchstem Lob die Rede. Kein Zufall, daß Ingeborg Bachmann jenes Gedicht mit "Psalm" übertitelt, das so endet: In die Mulde meiner Stummheit / leg ein Wort / und zieh Wälder groß zu beiden Seiten, / daß mein Mund / ganz im Schatten liegt.

Der deutsche Theologe und Literaturwissenschaftler Paul Konrad Kurz hat eine Anthologie von "Psalmen des Jahrhunderts" unter dem Titel "Höre Gott!" zusammengestellt. Beginnend bei Rainer Maria Rilke, Else Lasker-Schüler und Georg Trakl (Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern. / Gottes Schweigen / Trank ich aus dem Brunnen das Hains), endend bei Zeitgenossen wie Friederike Mayröcker , Hans Magnus Enzensberger und Robert Schneider findet man darin Kostbarkeiten religiöser Sprache vereint.

Karl-Josef Kuschel, Theologe in Tübingen, und wie Paul Konrad Kurz einer der Vorreiter im Gespräch zwischen Literatur und Religion, legt zeitgleich eine Monographie "Im Spiegel der Dichter" vor. In drei Kapiteln untersucht er literarische Annäherungen ans Religiöse - erstens an den Menschen, zweitens an Gott, drittens an Jesus. Kuschel kommt zu einem dreifachen "poetischen" Schluß. Poetik des Menschen: "Wir leben und sterben in Rätseln" (Thomas Mann). Poetik in bezug auf Gott: "Die Rede von Gott stammt allemal aus der Rede zu Gott, die Theologie aus der Sprache der Gebete" (Johann Baptist Metz). Und schließlich "Christopoetik": "Jesus ist je ,anders' und je ,mehr' als Menschen sagen und begreifen können". Karl-Josef Kuschel will so eine systematische Theologie im Gespräch mit der Literatur des 20. Jahrhunderts entwickeln.

Eine der "Psalmistinnen", deren Gedichte in die Anthologie von Paul Konrad Kurz Eingang gefunden haben, ist die Hamburgerin Theologin und Dichterin Dorothee Sölle. Auch sie macht sich Gedanken über Literatur und Glauben, einerseits durch ihre Gedichte selbst (Gib mir die gabe der tränen gott / gib mir die gabe der sprache / gib mir das wasser des lebens), andererseits auch auch im Nachdenken über Sprache und Gott. Daß Literatur und Religion einander nahe sind, spricht Sölle im Gespräch mit dem Salzburger Theologen Josef Mautner aus, das unter dem Buchtitel "Himmelsleitern" erschienen ist: "Ich glaube, wir sollten eher auf die Bedrohung beider Sprachwelten, der der Literatur und der der Religion, durch eine geschäftstüchtige Welt sehen! Es gibt so viel Nähe zwischen beiden - allein durch die absolute Bedeutungslosogkeit von Literatur und Religion für eine breitere Öffentlichkeit."

Von und zu Gott sprechen ist also schwierig - und oft unkonventionell. Wer würde dem bayrischen Liedermacher Konstantin Wecker das Prädikat "Psalmist" zuerkennen? Aber wenn Wecker betet: Das hab ich nämlich schon lange rausgekriegt: / Ihr Götter könnt nicht weinen / und müßt durch unsere Tränen stark werden. / Laß mich nicht fallen, / lieber Gott - klingen da nicht Sehnsüchte von Jahrtausenden durch, die eben im Heute ausgesprochen und niedergeschrieben wurden?

HÖRE GOTT! Psalmen des Jahrhunderts Hg. von Paul Konrad Kurz. Benziger Verlag, Zürich 1997. 288 S., geb., öS 277, IM SPIEGEL DER DICHTER Mensch, Gott und Jesus in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Von Karl-Josef Kuschel. Patmos Verlag, Düsseldorf 1997, 464 S.., geb., öS 364, HIMMELSLEITERN Ein Gespräch über Literatur und Religion. Von Dorothee Sölle und Josef P. Mautner. Mit Bildern von Herbert Falken. Verlag Anton Pustet, Salzburg 1996, 104 S., geb., öS 168,

Der du die Zeit in Händen hast, / Herr, nimm auch dieses Jahres Last / und wandle sie in Segen. Das Neujahrsgedicht Jochen Kleppers gehört zu den bekanntesten Texten des zeitgenössischen Protestantismus, vielgebetet und -gesungen. Jochen Klepper, evangelischer Pfarrer und Dichter, beging 1942 mit seiner jüdischen Frau und seiner Stieftochter Selbstmord. Seine Gedichte orientieren sich an der religiösen Dichtung par excellence, den Psalmen: Die Sprache der Dichter und die der Psalmen entspringen derselben Wurzel: Psalmisten sind Dichter, und Dichter benennen wie Psalmisten das Unnennbare mit menschlichem Wort.

Im 20. Jahrhundert mußte wie kaum zuvor"Aus der Tiefe" (Psalm 131) gerufen und über Unsagbares und Unsägliches gesprochen und geschrien werden. Die Schoa, die Judenvernichtung im Rücken und das übrige Grauen des Weltkriegs - so sangen und stammelten Psalmisten des Jahrhunderts: Rose Ausländer, Paul Celan, Reinhold Schneider, Nelly Sachs: O die Schornsteine / Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes / Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch / Durch die Luft ...

Psalm - das ist Dichtung und Gebet, eine Form, Verbindung zwischen Mensch und Transzendentem zu schaffen. Darum wurde diese literarische Gattung von allen Dichtern dieses Jahrhunderts in Anspruch genommen, von Thomas Bernhard ebenso wie von Peter Handke oder Christine Lavant. Wie in den biblischen Psalmen ist in den modernen von tiefer Entwurzelung, aber auch von höchstem Lob die Rede. Kein Zufall, daß Ingeborg Bachmann jenes Gedicht mit "Psalm" übertitelt, das so endet: In die Mulde meiner Stummheit / leg ein Wort / und zieh Wälder groß zu beiden Seiten, / daß mein Mund / ganz im Schatten liegt.

Der deutsche Theologe und Literaturwissenschaftler Paul Konrad Kurz hat eine Anthologie von "Psalmen des Jahrhunderts" unter dem Titel "Höre Gott!" zusammengestellt. Beginnend bei Rainer Maria Rilke, Else Lasker-Schüler und Georg Trakl (Ein Schatten bin ich ferne finsteren Dörfern. / Gottes Schweigen / Trank ich aus dem Brunnen das Hains), endend bei Zeitgenossen wie Friederike Mayröcker , Hans Magnus Enzensberger und Robert Schneider findet man darin Kostbarkeiten religiöser Sprache vereint.

Karl-Josef Kuschel, Theologe in Tübingen, und wie Paul Konrad Kurz einer der Vorreiter im Gespräch zwischen Literatur und Religion, legt zeitgleich eine Monographie "Im Spiegel der Dichter" vor. In drei Kapiteln untersucht er literarische Annäherungen ans Religiöse - erstens an den Menschen, zweitens an Gott, drittens an Jesus. Kuschel kommt zu einem dreifachen "poetischen" Schluß. Poetik des Menschen: "Wir leben und sterben in Rätseln" (Thomas Mann). Poetik in bezug auf Gott: "Die Rede von Gott stammt allemal aus der Rede zu Gott, die Theologie aus der Sprache der Gebete" (Johann Baptist Metz). Und schließlich "Christopoetik": "Jesus ist je ,anders' und je ,mehr' als Menschen sagen und begreifen können". Karl-Josef Kuschel will so eine systematische Theologie im Gespräch mit der Literatur des 20. Jahrhunderts entwickeln.

Eine der "Psalmistinnen", deren Gedichte in die Anthologie von Paul Konrad Kurz Eingang gefunden haben, ist die Hamburgerin Theologin und Dichterin Dorothee Sölle. Auch sie macht sich Gedanken über Literatur und Glauben, einerseits durch ihre Gedichte selbst (Gib mir die gabe der tränen gott / gib mir die gabe der sprache / gib mir das wasser des lebens), andererseits auch auch im Nachdenken über Sprache und Gott. Daß Literatur und Religion einander nahe sind, spricht Sölle im Gespräch mit dem Salzburger Theologen Josef Mautner aus, das unter dem Buchtitel "Himmelsleitern" erschienen ist: "Ich glaube, wir sollten eher auf die Bedrohung beider Sprachwelten, der der Literatur und der der Religion, durch eine geschäftstüchtige Welt sehen! Es gibt so viel Nähe zwischen beiden - allein durch die absolute Bedeutungslosogkeit von Literatur und Religion für eine breitere Öffentlichkeit."

Von und zu Gott sprechen ist also schwierig - und oft unkonventionell. Wer würde dem bayrischen Liedermacher Konstantin Wecker das Prädikat "Psalmist" zuerkennen? Aber wenn Wecker betet: Das hab ich nämlich schon lange rausgekriegt: / Ihr Götter könnt nicht weinen / und müßt durch unsere Tränen stark werden. / Laß mich nicht fallen, / lieber Gott - klingen da nicht Sehnsüchte von Jahrtausenden durch, die eben im Heute ausgesprochen und niedergeschrieben wurden?

HÖRE GOTT! Psalmen des Jahrhunderts Hg. von Paul Konrad Kurz. Benziger Verlag, Zürich 1997. 288 S., geb., öS 277, IM SPIEGEL DER DICHTER Mensch, Gott und Jesus in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Von Karl-Josef Kuschel. Patmos Verlag, Düsseldorf 1997, 464 S.., geb., öS 364, HIMMELSLEITERN Ein Gespräch über Literatur und Religion. Von Dorothee Sölle und Josef P. Mautner. Mit Bildern von Herbert Falken. Verlag Anton Pustet, Salzburg 1996, 104 S., geb., öS 168,