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Glaube und Aufklärung

Die Geschichte von Leiden und Auferstehung ließe sich in Zeiten wie diesen leicht auf die Kirche projizieren. Doch das wäre zu kurz gegriffen: Die Kirche ist nicht Gegenstand ihrer Botschaft und Verkündigung.

Das Bild von einem „Karfreitag der Kirche“ mag in diesen Tagen so manchem in den Sinn kommen. Und doch tut die Kirche gut daran, sich nicht primär als Opfer einer feindseligen Welt zu sehen, sondern offenen Geistes und – wörtlich genommen – einfühlsamen Herzens sich der Situation zu stellen. Der Grat, den sie hierbei zu beschreiten hat, ist denkbar schmal: Er führt zwischen Wehleidigkeit und Selbstmitleid auf der einen Seite und übertriebener Selbstbezichtigung auf der anderen.

Weder Larmoyanz noch Flagellantentum helfen weiter. Beide sind freilich auch bewährte Entlastungsstrategien, weswegen die Versuchung, in die eine oder andere Richtung auszuweichen, und somit die Gefahr eines Absturzes stets gegeben ist.

Gelegenheit zur Abrechnung

Klaren Blick und entschlossenes Handeln braucht es also – nach innen, aber auch nach außen. Wenig überraschend dient vielen die gegenwärtige Misere als willkommene Gelegenheit zu einer Art Generalabrechnung. Nicht selten kommt diese freilich im Gewand tiefer Besorgnis einher: Was es doch für ein Verlust wäre, wenn die Kirche ihre Funktion als Stütze der Gesellschaft, zumal im Sozialen, nicht mehr wahrnehmen könnte … Da ist es ehrlicher, was die Journalistin Waltraud Prothmann unlängst in der ORF-Sendung im Zentrum sagte: Sie wandte sich vehement dagegen, dass die Kirche immer mit Verweis auf Caritas & Co. verteidigt werde – es gebe hier kein Monopol konfessioneller Einrichtungen.

Worum es aber im Kern geht, machte kürzlich Armin Thurnher im Falter deutlich: Die Kirche, so schrieb er, „war und ist der Gegenpol der Aufklärung“. Hier sind wir tatsächlich am Punkt: Wie verhalten sich Christentum, Kirche und Moderne zueinander? Wahr ist zunächst, dass die jüdisch-christliche Tradition einen der Quellflüsse bildet, aus denen sich die Aufklärung ganz wesentlich speist. Dabei geht es nicht nur um die unveräußerliche Würde des Menschen, um seine Rechte und Pflichten, seine Verantwortung für Mitmensch und -welt. Hier kommt auch, jawohl, die Säkularisierung ins Spiel, verstanden als Anerkennung der Welt in ihrer Eigenständigkeit (Autonomie). Diese Sicht der Dinge aber ist konstitutiv für die moderne Welt.

Wahr ist dann aber auch, dass sich solche Erkenntnisse und Einsichten wie überhaupt die Ideale der Aufklärung historisch gegen das real in Gestalt der römisch-katholischen Kirche existierende Christentum durchsetzen mussten.

Wahr ist zu guter Letzt dennoch nicht weniger, dass die Kirche die Hüterin des genannten „aufklärerischen“ Erbes ist, wie unvollkommen auch immer. Dieses Auftrags kann sie sich nicht einfach entledigen, er gehört zu ihrem genetischen Programm. Sie kann daran scheitern und ist daran immer wieder gescheitert; sie muss an diesem Auftrag aber festhalten – und sich am damit verbundenen Anspruch auch messen lassen. Dazu nachgerade im Widerspruch stünde es, wollte die Kirche sich als „Gegenpol der Aufklärung“ begreifen. Was ihr allerdings fremd ist und sein muss, ist jegliche Form von Aufklärungs- oder Fortschrittseuphorie. Das aber haben mittlerweile auch geläuterte Achtundsechziger begriffen.

Das der Kirche von ihrem Gründungsauftrag und ihrem Erbe her angemessene Welt- und Menschenbild ließe sich daher vielleicht als humanistischer Realismus oder auch realistischer Humanismus beschreiben.

Hoffnung für die Welt

Gut möglich aber, dass solche Vorläufigkeit, die immer mit dem Unvollkommenen, dem nicht Perfektionierbaren rechnet, in jenem größeren Horizont, den der Glaube eröffnet, besser theoretisch zu begründen, vor allem aber leichter durchzuhalten und zu leben ist.

Auch Ostern sollte die Kirche – ebenso wenig wie den Karfreitag – nicht kurzschlüssig auf die eigene Misere projizieren, im Sinne eines „Alles wird gut“. Die Kirche ist nicht selbst das Objekt ihrer Botschaft. Vielmehr müsste sie – gerade jetzt, so schwierig das sein mag – von jener Hoffnung künden, die „der Stadt und dem Erdkreis“ in aller Bedrängnis fortwährend gilt.

* rudolf.mitloehner@furche.at

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