Globaler Abgrund des Dschihadismus

1945 1960 1980 2000 2020

Beklemmung "Islamischer Staat" und ähnliche islamisch legitimierte Brutalität: Rüdiger Lohlker seziert die Theologie der Gewalt, Abdel Bari Atwan analysiert dessen (digitales) Erfolgsmodell. Die iranische Anwältin Shirin Ebadi bleibt Hoffnungsschimmer.

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Beklemmung "Islamischer Staat" und ähnliche islamisch legitimierte Brutalität: Rüdiger Lohlker seziert die Theologie der Gewalt, Abdel Bari Atwan analysiert dessen (digitales) Erfolgsmodell. Die iranische Anwältin Shirin Ebadi bleibt Hoffnungsschimmer.

Natürlich kann einem schon bei oberflächlicher Auseinandersetzung mit dem Islamischen Staat angst und bang werden. Das wird nicht besser, wenn man sich in Neuerscheinungen zum Thema vertieft, die auch hierzulande die Ideologie, Theologie und Funktionsweise jener politischen Religion, die das Gewaltherrschaftsmodell "Islamischer Staat" ausmacht, zumindest ein wenig nahebringen.

Dabei ist es wichtig, nicht auf der Ebene eindimensionaler Schuldzuweisungen an die Religion ("Der Islam an sich ist gewalttätig"), sondern sich mit den Vorgängen auseinanderzusetzen sowie mit den Argumentationslinien und -hintergründen, mit denen der IS und seine Protagonisten ihre Aktivitäten begründen. Das mag angesichts der Brutalität und der Gewaltexzesse, denen sich der IS befleißigt, schwierig sein. Andererseits ist es genau das organisierte und institutionelle Blutbad, das der IS zu einem "Markenzeichen" stilisiert und mit dem er - erfolgreich! - seine globale Propagandastrategie fährt. Ob es einem passt oder nicht: Man kann nicht umhin, sich diese Mechanismen zu vergegenwärtigen und sie offenzulegen. Die Grenzen zwischen Religion und Politik sind dabei oft nicht auszumachen.

Die "Religion" des Islamischen Staates

Dem an der Universität Wien lehrenden Islamwissenschafter Rüdiger Lohlker ist mit "Theologie der Gewalt" eine aufschlussund kenntnisreiche Kompilation der "Religion" des IS gelungen. Lohlker stellt anhand von Propagandamaterialien des IS - nicht zuletzt aus dem Internet, das auch die brutalen Videos des IS bis in den hintersten Winkel der Welt verbreitet, - die Denkweise der Gotteskrieger dar. Dabei gelingt es ihm einerseits, sowohl die selektive Wahrnehmung islamischer Quellen in den Aussagen des IS darzustellen als auch die Fundierung dieser in Koran und Sunna festzumachen. Dabei hält sich Lohlker nicht mit der historisch-politischen Analyse des IS auf, sondern beleuchtet in 18 "Durchgängen" die grundlegenden Anschauungen, die dem IS und seinen Aktivitäten und Brutalitäten zugrunde liegen. Vier davon widmen sich Grundlagen der IS-Ideologie - religiöse Ausbildung, Trainingslager, Handlungen und Rituale sowie "Miktat al-Himmel". Letzterer ist eine Art Verlag des IS, der in Flyern und Broschüren wesentliche Glaubensgrundsätze in leichtfassliche Kurzform gebracht hat.

Die 14 weiteren "Durchgänge" im Buch beleuchten daraus abgeleitete Themen. Man erfährt dabei, dass der IS die Sklaverei ebenso wiedereingeführt hat wie das Kalifat, und wie er das aus der Tradition begründet. Die religiösen Grundlagen des Finanzwesens wie der Bürokratie, derer sich das Terror-Regime bedient, zeigt Lohlker auf. Auch die Art der Exegese religiöser Texte oder die Stellung von Frau und Mann sind prominente Themen: Lohlker legt frappierend dar, wie sich der IS die religiöse Tradition für seine Zwecke zunutze macht. Natürlich ist dessen Auswahl der Koranstellen und Prophetenworte samt deren Auslegungstradition selektiv, aber man kann nicht behaupten, das wird bei der Lektüre der Beispiele klar, dass das alles nichts mit dem Islam zu tun hat. Der IS - und mit ihm die gesamte dschihadistische und salafistische Bewegung - rekurriert auf einen reinen Ur-Islam, aber wie bei anderen Ideologien stößt die Argumentation dabei doch an logische Grenzen.

Lohlker arbeitet gerade das heraus. So zeigt er etwa, dass trotz aller Bemühungen, Selbstmordattentate aus dem Koran zu rechtfertigen, die Schwierigkeit zu bewältigen ist, dass es zur Zeit Muhammads ja keine Sprengstoffe gab, Sprengstoffanschläge also in der Argumentationslinie, den wahren Ur-Islam zu propagieren, eigentlich nicht zu rechtfertigen wären. Die gewalttätige Ideologie ersetzt hier die reine Lehre durch einen Zweck, der viele, mitunter alle Mittel heiligt.

Ein anderes Beispiel ist ein Prophetenwort, das Frauen in einer bestimmten Situation untersagt, ihr Gesicht und ihre Finger zu bedecken. Die Ideologen des IS schließen daraus, dass in allen anderen Fällen die Frau voll verschleiert zu sein und Handschuhe zu tragen habe. Keine Frage, dass derartige Argumentation - gelinde gesagt - fragwürdig ist. Aber um die Mechanismen des IS zu verstehen, ist es wichtig, derartige Auslegungsmuster zu kennen.

Pflichtlektüre - auch für Laien

Am beklemmendsten wird es dort, wo Lohlker die IS-Sichtweise des Dschihads als absolute und unbedingte militärische Forderung darlegt. Auch wenn global eine Mehrheit von Muslimen den Dschihad nicht als eine bloß militärische Option versteht, so hilft dies wenig, um den hermetischen und selbstreferenziellen Diskurs im Milieu des IS, wie er eben auch weltweit verbreitet ist, zu desavouieren. Die Lektüre von "Theologie der Gewalt" ist deswegen deprimierend, weil das Buch kaum Auswege aus der Gewalt und Brutalität des IS referiert. Lohlker hat zuletzt mehrfach in Interviews darauf hingewiesen, wie wichtig ein Gegen-Diskurs gegen die IS-Argumentationslinien ist, der einen friedlichen, nichtkriegerischen Islam aus den Quellen herleitet. Lohlker nennt da den Islam Indonesiens, der traditionell ganz anders ist als der nun ins Brutale gewendete, im IS in letzter Pervertierung sichtbare Salafismus arabisch-nahöstlicher Prägung.

"Theologie der Gewalt" stellt auch für den Laien eine Pflichtlektüre dar, um zumindest ein wenig mitreden zu können und die religiösen Zusammenhänge zu erahnen. Um dies auf die politische und mediale Analyse auszuweiten, ist Abdel Bari Atwans Buch "Das digitale Kalifat" ebenso dringlich ans Herz zu legen, wobei die deprimierenden Erkenntnisse noch mehr mitnehmender sind. Atwan, in London lebender palästinensisch-britischer Journalist ist einer der besten Kenner der Vorgänge rund um dschihadistische und salafistische politische Bewegungen. Am Ende seines Buches zitiert er einen US-Geheimdienstchef, dass der IS gekommen sei, um zu bleiben. Mit diesen Worten bringt Atwan seine Ernüchterung auf den Punkt: Nach der Darlegung des Autors ist der IS eine höchst effektive Entität, die ihre Legitimität aus der Gewalt und Brutalität herleitet, mit der sie propagandistisch und real agiert (von den Videos mit der Ermordung von Gefangenen bis zur unermesslichen Gewalt in den beherrschten Gebieten).

Die Popularität des Islamischen Staates

Atwan zeigt aber auch auf, wie populär und identitätstiftend der Erfolg des IS in der muslimischen Welt ist, und dass der Westen bislang keine effektive Strategie gegen den IS entwickeln konnte. Insbesondere weist der Autor auf die Online- und Social Media-Kompetenz des IS hin - deswegen spricht er vom "digitalen Kalifat", das mit dem Rest der (freien) Welt Katz und Maus spielt und bislang von niemanden auch nur annähernd in die Schranke zu weisen war. Gleichzeitig stellt er die Entwicklungen in der Region dar, aufgrund derer der IS so stark werden konnte. Dabei nimmt sich Atwan kein Blatt vor den Mund, wenn er den Westen einerseits großer Bigotterie gegenüber den muslimischen Gesellschaften zeiht, und andererseits eine Reihe katastrophaler politischer, militärischer und strategischer Fehler, die zum Zerfall des Irak und von Syrien sowie anderen politischen Entitäten in der Region geführt haben, vorwirft.

Auch dieses Buch ist nicht dazu angetan, die Ruhe des westlichen Lesers zu befördern. Aber es nützt nichts: Der Zeitgenosse ist gehalten, sich mit den politischen und militärischen Entwicklungen rund um den IS gründlich auseinanderzusetzen.

Da ist das schmale Büchlein rund um die - mittlerweile exilierte - iranische Muslima und Friedensnobelspreisträgerin Shirin Ebadi "Das hat der Prophet nicht gemeint" fast ein Hoffnungsbuch gegen die religiöse, politische und militärische Katastrophen-Analyse der beiden anderen Neuerscheinungen. Neben einem kurzen Appell der Menschenrechtsanwältin Ebadi ist die biografische Skizze über sie aus der Feder der Islam- und Arabien-Expertin des Standard, Gudrun Harrer, hervorzuheben.

Theologie der Gewalt

Das Beispiel IS.

Von Rüdiger Lohlker.

Facultas 2016 (UTB 4648) 206 Seiten, kt., € 19,40

Das digitale Kalifat

Die geheime Macht des Islamischen Staates.

Von Abdel Bari Atwan.

C.H. Beck 2016.304 Seiten, brosch., € 17,50

Das hat der Prophet nicht gemeint

Ein Appell von Shirin Ebadi an die Welt.

Mit Gudrun Harrer.

Benevento Publishing 2016.48 Seiten, geb. € 7,-

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