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Glückliche, wichtige Sisyphos-Arbeit

Zur Sicherstellung der Würde des Menschen bedarf es neben Ethik und Moral auch entsprechender materieller Grundlagen.

Der Text der Bergpredigt scheint in einem vollkommenen Gegensatz zu unserer Welt zu stehen. Gleichzeitig ist er aber endgültiger Ausdruck dessen, wie sie sein soll. Diese Spannung erklärt wohl auch, warum die Faszination der Bergpredigt ungebrochen ist und alle Versuche gescheitert sind, sie zu domestizieren oder gar für obsolet zu erklären. Die Widersprüche halten den Text vielmehr offen und bewahren seine visionäre Kraft.

Die Hinterfragung der Botschaft der Bergpredigt basiert heute vor allem auf dem mittlerweile weltweit zum politischen Allgemeingut gewordenen Verständnis von der allgemeinen Würde und den allgemeinen Rechten des Menschen. Das damit verbundene Verständnis lässt sich in entscheidender Weise auf das Christentum und das Vernunftsrecht sowie in weiterer Folge die Thematisierung der sozialen Frage zurückführen.

Die Zielsetzung der Sicherstellung der Würde des Menschen geht allerdings über ethische und moralische Ansprüche hinaus. Zu ihrer Umsetzung bedarf es vielmehr auch der entsprechenden materiellen Grundlagen. Wie hat doch Bert Brecht gemeint: "Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral." Und mit Friedrich Schiller gesprochen: "Die Würde des Menschen - Nichts mehr davon, ich bitt' euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst."

Die Folgen des 11. September 2001 haben vielen Menschen noch bewusster werden lassen, was schon vorher deutlich war: die enorme wirtschaftliche und soziale Ungleichheit in der Welt. Der Kampf gegen Armut und Not und die damit verbundene Verpflichtung zur Solidarität mit den Schwachen und Marginalisierten wird ebenso wie die Bemühungen um Frieden zu einer der wichtigsten politischen Gestaltungsaufgabe des 21. Jahrhunderts werden.

In Abwandlung einer Formel von Tony Blair sollte die Maxime lauten: Streng gegen den Terrorismus, streng gegen die Ursachen des Terrorismus. Die Umsetzung wird ebenso schwierig, kosten- und zeitaufwändig wie beschwerlich sein. Sie wird ebenso Entschlossenheit, Härte als auch Augenmaß und Gelassenheit erfordern, soll nicht das Gegenteil herauskommen: statt Bekämpfung und Eindämmung des Terrorismus, ein Kampf der Zivilisationen und Kulturen sowie die Vernichtung von westlichen Wertevorstellungen entsprechenden Freiheitsräumen.

Zu den grundlegenden Voraussetzungen für eine gedeihliche und friedliche weltpolitische Entwicklung zählt zweifelsohne eine prosperierende wirtschaftliche Entwicklung. Gerade am westlichen Europa der Nachkriegszeit lässt sich exemplarisch verdeutlichen, wie sehr eine gedeihliche politische und wirtschaftliche Entwicklung einander bedingen.

Die weitverbreitete Skepsis gegenüber der Globalisierung bis hin zur militanten Ablehnung beruht in den meisten Fällen auf der Angst vor dem Ungewissen. Internationalisierung und Umstrukturierungen waren schon immer Begleiterscheinungen des wirtschaftlichen Wachstums. Dieses hat in Verbindung mit dem mit der Industrialisierung einhergehenden Fortschritt eine ungemeine Steigerung des Wohlstandes in den entwickelten Industrieländern ermöglicht. In diesen lebt, wie Eric Hobsbawm aufgezeigt hat, ein Durchschnittsbürger heute besser als vor 200 Jahren ein Monarch.

Die industrielle Entwicklung hat die Situation der Menschen in den Schwellenländern, aber auch in zahlreichen Entwicklungsländern deutlich verbessert. Dennoch leben noch mehr als 1,3 Milliarden Menschen in unvorstellbarer Armut, insbesondere in Afrika. Allerdings kann letztere Entwicklung nicht alleine der westlichen Welt angelastet werden. Viele dieser Länder leiden an Misswirtschaft und Korruption, Klientelismus und Selbstbereicherung der einheimischen Eliten. Es steht aber außer Zweifel, dass der Welthandel gerechter gestaltet werden muss und den so genannten Schwellen- und Entwicklungsländern eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht werden muss.

Die Globalisierung erfordert die Ausarbeitung adäquater politischer und wirtschaftlicher Regelmechanismen und Vorgaben. Diese müssen als Zielsetzung die Generierung von Wohlstand, Wohlfahrt und Lebensqualität ebenso einschließen wie die Sicherstellung von Demokratie, Freiheit, humanitärer Solidarität, Sicherheit und Frieden. Letztlich geht es im christlichen Verständnis darum, die in Erinnerung an Paulus festgeschriebene Verpflichtung zur Leistung: "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen!" in Rückbezug auf die Bergpredigt durch das Gebot der ethischen Verantwortung zu ergänzen, also um menschliche Solidarität und um soziale Balance, also eine gerechte Umverteilung.

Das Bemühen um eine bessere irdische Welt ist eine universelle Aufgabe der Menschheit, die der Arbeit des Sisyphos zu gleichen scheint. Im Unterschied zur griechischen Mythologie hat Albert Camus Sisyphos aber als glücklichen Menschen interpretiert, da der Kampf gegen Gipfel ein Menschenherz auszufüllen vermag, weil er eine nie endende Aufgabe darstellt.

Der Autor ist Industrieller.

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