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Gott auch in der Stadt suchen

Seit 1957 gehört Abt Heinrich dem Benediktinerorden an. Ein Gespräch über Kloster in der Stadt, benediktinische Spiritualität und ein Zuviel der Frömmigkeit.

die furche: Das Schottenstift liegt mitten in einer großen Stadt. Normalerweise verbindet man mit Stiften ländliche Regionen. Was für eine Funktion hat ein Stift in einer Stadt?

abt heinrich ferenczy osb: Ursprünglich lag das Schottenstift in einem Dorf. 1155 war Wien noch keine Stadt. Die Absicht unseres Stifters, Heinrich II. Jasomirgott, war es, hier in diesem neu entstehenden Ort eine Stätte des Gebetes zu haben. Diese Funktion ist auch heute geblieben: Hier können sich die Menschen zu bestimmten Zeiten dem Chorgebet anschließen. Als wir die Kirche restauriert haben, war das ein ganz wichtiger Gedanke, uns mit dem Chorgebet nicht mehr in die Chorkapelle zurückzuziehen, sondern unser gemeinsames Gebet der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Eine zweite Funktion ist durch den Klosterladen deutlich gemacht - nicht so sehr als Laden sondern als eigentliche Pforte nach außen deutlich sichtbar ist: Es ist jetzt wesentlich leichter geworden, den Weg in die Abtei zu finden. Sie haben in diesem Klosterladen gleich einen Ansprechpartner aus unseren Reihen, und es besteht die Möglichkeit, einzelne Mitbrüder zu einem Gespräch zu suchen (auch ich werde da immer wieder angefordert).

Als drittes ist die Seelsorge an sich zu nennen: Das Schottenstift ist mit einer Pfarre verbunden. Wir haben ferner ein Gästehaus, das Benediktushaus, und schon seit einiger Zeit beteiligen wir uns auch kulturellen und wissenschaftlichen leben der Stadt.

Wichtig für uns ist das Schottengymnasium, dessen Wurzeln als eine Lateinschule in der frühen Geschichte unseres Hauses liegen. Das heutige Schottengymnasium wurde 1807 gegründet. Unser Gymnasium ist ein sehr wichtiges Einzugsgebiet für Stift und Pfarre. Das gibt es den Verein der Altschotten, der ehemaligen Schüler, eine große Familie, die mit dem Stift verbunden ist, dem 1.500 bis 1.700 Leute angehören: Auch das ist ein ganz wichtiges Betätigungsfeld.

Und die Nähe zur Wiener Universität legt eine namhafte Beteiligung am wissenschaftlichen Leben nahe. Einzelne Mitbrüder unseres Konvents waren oder sind Professoren an der Universität.

die furche: Was ist Ihrer Ansicht nach notwendig, dass ein Stift oder ein Orden auch in der Stadt seine Funktion bewahrt?

Ferenczy: Ich glaube, drei Dinge sind sehr entscheidend: Im Mittelpunkt muss das stehen, was der heilige Benedikt im 58. Kapitel seiner Ordensregel als "Gottsuche" bezeichnet: Die Menschen müssen an uns spüren, dass es uns ein Anliegen ist, in dieser Welt, in dieser Stadt Gott zu suchen. Das muss im Gottesdienst und an unserem Verhalten erkennbar sein.

Die Menschen müssen aber auch sehen, dass wir um eine herzliche brüderliche Gemeinschaft bemüht sind. Das ist wichtig, da es ja in der heutigen Gesellschaft als großer Mangel bezeichnet wird, dass viel zu wenig miteinander gesprochen wird.

Und die dritte wichtige Aufgabe sehe ich in einem bestimmten Beruf, einer bestimmten Aufgabe, die jeder von uns im Kloster haben soll: Nur beten, nur meditieren, ein bloß zurückgezogenes Leben im Kloster würde dazu führen, dass das geistige Leben zu einer sehr subjektiven und vielleicht krankhaften Frömmigkeit degeneriert. Wenn jemand bei uns ins Kloster eintritt, muss er in irgendeinem Bereich eine abgeschlossene Ausbildung haben oder zumindest anstreben.

die furche: Doch in der katholischen Kirche gibt es ja Orden, die genau das, als ihre Spiritualität ansehen - zum Beispiel nur zu beten, nur zu meditieren: Ist das etwas Schlechtes?

Ferenczy: Schlecht nicht, aber etwas einseitig.

die furche: Sollte es diese Formen der Orden also gar nicht geben?

Ferenczy: Ich glaube kaum, dass es das wirklich in reiner Form gibt. Ich kenne einige dieser Gemeinschaften: Auch dort gibt es Gäste, die einige im Kloster verbringen, um innerlich "aufzutanken" und gehen dann "in die Welt hinaus". Auch das ist eine apostolische Aufgabe, die nicht auf die Gemeinschaft allein bezogen ist. Eine andere Gefahr sehe ich darin, dass durch die Verbindung des Mönchtums mit Aufgaben als Priester die Verpflichtungen dermaßen zunehmen, dass für den klösterlichen Bereich nur mehr wenig Zeit und Kraft übrig bleiben.

die furche: Verstehe ich Sie richtig, dass die immer geringere Anzahl von Weltpriestern auch für die Orden ein Problem darstellt: Weil so viele Priester in der Seelsorge gebraucht werden, ist es immer schwieriger, die Gemeinschaft in einem Kloster aufrechtzuerhalten?

Ferenczy: Dieses Problem gehört ganz bestimmt zu den ganz großen Problemen der Kirche. In Österreich war von Anfang an mit der Gründung des Klosters auch die Betreuung von Pfarren gegeben gewesen (auch das Schottenstift betreut zwölf Pfarren). Die kontemplativen Klöster zum Beispiel in Frankreich betreuen kaum Pfarren. Ich möchte gar nicht sagen, dass unsere Situation von vornherein ein Nachteil wäre. Eine viel schwierigere Frage trifft die Bischöfe (aber das ist nicht mein Aufgabengebiet), aber manche Bischöfe sagen das selbst ganz unverfroren: Man wird neue Wege zum Priestertum suchen müssen, da es ein Unding ist, dass ein Pfarrer drei, vier und mehr Pfarren betreuen muss. Das kann keine echte Pfarrpastoral mehr sein. Das ist ein Manager, der von einer Pfarre zur anderen eilen muss. Ich habe etwa von einem Pfarrer gehört, der an einem Wochenende bis zu sieben Messen feiern muss: Man kann sich vorstellen, dass das für den Betroffenen selber auf Dauer nicht durchzuhalten ist.

Um dieses Problem einer Lösung näher zu führen, werden nicht nur unsere Gebete, sondern auch schöpferische Phantasie - eine Gabe des Heiligen Geistes! - nötig sein. Vielleicht ist die Situation, in der wir uns befinden, ohnehin eine Situation, die uns zum Nachdenken anregen soll. Ich habe immer wieder die Äußerungen des im vergangenen Jahr verstorbenen Wiener Bischofsvikars Anton Berger im Ohr, der oft derlei Gedanken geäußert hat. Wenn zahlreiche Pfarren ist nicht mehr besetzt werden können, so muss man von einer echten Notsituation sprechen. Ein Kloster wiederum, in dem keine betende Gemeinschaft da ist, ist keines mehr.

die furche: Was wäre dann die Aufgabe der Klöster in dieser Lage?

Ferenczy: Eine wichtige Funktion des Klosters, die auch für den heiligen Benedikt wichtig war, ist, "Stadt auf dem Berg" zu sein. Die Menschen sollen sehen: Aha, da ist eine Stätte, wo Gott gesucht und verherrlicht wird, da kann ich Zuflucht finden.

die furche: Die Stadt ist heute eine stark säkularisierte Gesellschaft: Ist ein monastisches Element, eine religiöse Gemeinschaft da nicht ein Anachronismus?

Ferenczy: Ich zitiere da gerne den Psychologen Wilfried Daim, der gesagt hat: "Wer nicht Gott hat, schafft sich einen Götzen." Und so ist es eine ganz wichtige Aufgabe, die Menschen auch der heutigen Zeit sensibel zu machen für solche Bereiche ihrer Existenz, die ohnehin innen verborgen liegen. Wie könnte man sich sonst Phänomene wie New Age erklären oder diese unglaubliche Sehnsucht nach verschiedenen asiatischen Meditationsformen?

die furche: Man spricht von einer "ignatianischen" Spiritualität der Jesuiten oder von einer dominikanischen Spiritualität: Gibt es auch eine "benediktinische" Spiritualität?

Ferenczy: Vor kurzem ist ein neuer Regelkommentar erschienen, wo die benediktinische Spiritualität wieder in drei Grundhaltungen und Aufgaben hervorgehoben wird: Ora, labora et lege. Also: Bete, arbeite und lies - deine geistliche Lesung! Das sind die drei Säulen, auf denen das benediktinische Leben beruht. Ich würde es so sagen: Der große Unterschied der Benediktiner zu anderen Klöstern besteht darin, dass es für diesen Orden keine spezielle Aufgabenstellung gibt. Wir sind völlig offen, und unser Buch schlechthin sind die Evangelien und eine "Übersetzung" der Evangelien für unser alltägliches Leben.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

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