Gott gibt kein Vollgas

Vom rechten Umgang mit der Zeit: Es muss in diesem Leben mehr als Eile geben.

Zeit ist himmlisch! Jene, die keine Zeit mehr haben, deren Zeit abgelaufen ist, die das Zeitliche gesegnet haben, sehen den Himmel nicht mehr. Sie liegen unter der Erde und müssen ohne den himmlischen Blick auskommen. Nicht in der Zeit ruhen sie, sie ruhen in der Ewigkeit. Sie sind, wenn's gut geht, im Himmel und von dort schauen sie auf jene Zeit, der sie nicht mehr angehören.

Wer sich im christlichen Abendland Gedanken über "Zeit" macht, kommt ohne Bezug zur Gottesvorstellung nicht weit. Gott ist als Schöpfer der Zeit jenseits aller Zeiten. Er herrscht über sie und wird nicht, wie die Menschen, von ihr beherrscht. Alles Irdische, alles Zeitliche, ist vergänglich, Gott ist es nicht.

Der Schöpfer der Zeit

Als Gott die Welt schuf, arbeitete er sechs Tage. Am folgenden siebten Tage ruhte er. Grund dafür war die Schöpfung, nicht Gottes Erschöpfung. Die Schöpfungsgeschichte ist daher zuallererst die Geschichte der Schöpfung des Anfangs und des Endes, von Zeit und deren rhythmischem Verlauf. Davor war das Chaos, die Anfangs-, die End- und die Zeitlosigkeit. Mit der Schöpfung wurde eine Zeitordnung in die Welt gesetzt, die der Menschheit im Handeln und Denken Orientierung verleiht. Die Menschen brauchen Aktivität und Ruhe, Tun und Nichts-Tun, um im Fluss des Geschehens nicht unterzugehen. Ohne solch zeitliche Verortung, ohne Rhythmus "verödet die Zeit zur schlechten Unendlichkeit" (H. Plessner) und die Menschen veröden mit. Im ziellosen Umherirren, in permanenter Desorientierung bestünde ihre Existenz.

Heute mehren sich die Indizien, dass wir uns diesem Zustand immer mehr annähern. Tempo, Mobilität, Flexibilität, heißen die drei Ersatz-Heiligen. Sie herrschen jetzt über jene Zeit, die ehemals in Gottes Besitz war und mit der zu kalkulieren den Menschen früher verboten war.

Ein kurzer Blick auf die Entwicklung des irdischen Umgangs mit der Zeit ist daher sinnvoll, um verstehen zu können, warum die Zeit heute so wichtig geworden ist, dass wir unentwegt über sie reden und schreiben.

Die überaus längste Phase ihrer Existenz hat die Menschheit das, was wir "Zeit" nennen, am Himmel gesucht und auch gefunden. Durch die Beobachtung der phasischen Verläufe von Mond, Sternen und Sonne ist die Ordnung des Vergänglichen in weltliche Zeitordnungen überführt worden. Diese himmelwärts gerichtete Zeitordnung wurde von der Kirche überwacht und kultisch ausdifferenziert. Die geistlichen Stände, die irdischen Repräsentanten des göttlichen Willens, sicherten die gottesfürchtige Zeitordnung ab. Die Christianisierung des Himmels schloss die der Zeit fest mit ein. Den Anfang der Zeit markierte die Schöpfung der Welt, das Ende der Zeit das Jüngste Gericht. Mit der Zeit Handel treiben, also Zinsen nehmen, galt konsequenterweise als schwere Sünde. Eine der fünf großen Versuchungen, denen es zu widerstehen galt, war daher die Ungeduld. Die verpflichtenden Gebetszeiten und Gottesdienstbesuche sowie die kirchlichen Feste und Feiertage "bremsten" den Alltag zeitlich so ab, dass die Versuchung, ungeduldig zu werden, relativ gering war. "Zeit" war in dieser Epoche, die wir heute "Vormoderne" nennen, immer höchste, ja allerhöchste Zeit. Die Zeit war göttlich. Dies blieb sie jedoch nicht.

Mit der Erfindung der Räderuhr nahmen die Menschen - vor etwa 600 Jahren - die Zeit in die eigene Hand. Erst in der Neuzeit, die deshalb auch so heißt, wird die "Zeit" zu einem Alltagsthema. Sie wird plan- und organisierbar und dies zuallererst im Hinblick auf Arbeit. Arbeitszeit wird schließlich an Gelderwerb gekoppelt. "Time is money" lautet die populäre Gleichung. Der Takt der Maschinen, nicht mehr der Rhythmus der von Gott geschaffenen Natur, bestimmt in der Moderne die gesellschaftliche und die individuelle Zeit und deren Ordnung. Wer regelt den Takt, wer bestimmt über die Zeit? Das sind die zentralen Fragen der Moderne. Es sind Fragen, die deshalb gestellt werden müssen, weil die Zeit nicht mehr länger als Gottes Eigentum angesehen wird. Die Menschen herrschen jetzt eigenmächtig über sie. Mit der Folge, dass sie sich permanent um sie kümmern müssen. Nur mehr selten blickt man zwecks zeitlicher Orientierung hoch zum Himmel oder zum Kirchturm. Alle besitzen jetzt eine Uhr. Aber fast alle haben jetzt auch keine Zeit mehr. Die Schlussfolgerung daraus kann nur lauten: In der Uhr ist die Zeit nicht zu finden.

Das Geschäft mit der Zeit

Mit viel Ungeduld macht die Menschheit in der Moderne die Zeit zum Geschäft und verhält sich geschäftlich in ihr und zu ihr. Die Beschleunigung und das Zeitmanagement werden zum Religionsersatz und zur Heilserwartung. Die Fiktion, wir könnten Zeit immerzu "gewinnen", wurde zur lebensbestimmenden Alltags-Realität. Zeitwohlstand hingegen existiert in einer Gesellschaft, in der sogar die Nasen mit Tempo geputzt werden, nur mehr als profitabel verwertbare Sehnsucht.

Ludwig Thoma hat in seiner Parodie Ein Münchner im Himmel auf den totalitären Anspruch der menschgerechten Uhrzeit-Ordnung, die bei ihm schließlich auch den Himmel erobert, aufmerksam gemacht: Von morgens acht Uhr bis mittags zwölf Uhr "Frohlocken"; von mittags zwölf Uhr bis acht Uhr abends "Hosiannah-Singen ..."

Nun, auch diese Zeiten gehen zu Ende. Am Beginn des 21. Jahrhunderts erfahren wir, dass sich Gesellschaften, die sich mithilfe der Uhrzeiten stetig darum bemühen, alles, speziell alles Vergängliche unter Kontrolle zu bringen, in ihren Handlungsmöglichkeiten massiv einschränken. Die Ordnung der Uhrzeit ist nämlich die Logik des "Eins nach dem anderen" und nicht die Gleichzeitigkeit des Vielen, das, was wir Flexibilität nennen. Heute wird daher die uhrzeitfixierte Pünktlichkeitsmoral von der handygestützten Flexibilitätsmoral abgelöst: "postmoderne Zeiten". Heute tun wir nicht mehr eins nach dem anderen, wir wollen alles gleichzeitig und das sofort. Ob uns dies das ersehnte Glück und die erhoffte Zeitfreiheit bringt, darf bezweifelt werden. Der Doktor Faust ist bereits daran gescheitert. Alles, und zwar sofort, das wollte Faust, der Prototypus des Dringlichkeitsdynamikers. Liebe will er schnell, wissenschaftliche Erkenntnisse rasch, Geld und Pretiosen sowieso und dazu noch die notwendige Dosis Metaphysik. Von wem bekommt er das? Vom Teufel. Dieser spielt dabei die Rolle der Fernbedienung für die eilige Wunscherfüllung. Heute haben wir das Modell Faust rationalisiert und demokratisiert. Fernbedienungen, die Zepter der eiligen Wunscherfüllung, gehören zur Grundausstattung jedes Haushaltes. Der Teufel muss nicht mehr persönlich als Beschleuniger vorbeikommen, er sitzt - und das sprichwörtlich - im technischen Detail. Faust müsste heute nur auf einen Knopf drücken, und schon hätte er das, was er sich wünscht. Aber hat er sich das gewünscht?

Und nutzt der Teufel nicht auch heute noch die Hast, die Hetze und die Eile, die er anzubieten hat, ausschließlich zu seinem eigenen Vorteil? Diese teuflisch-beschleunigten Zeiten kommentierte Goethe selbst (1825): Man verspeist im nächsten Augenblick den vorhergehenden und so springts von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil. Alles verloziferisch. - Nein, Faust wird nicht der Herr der Zeit, er wird ihr Opfer. Wie all die vielen Menschen heute, die schnelle Wunscherfüllung anstreben.

Mit der Zeit in Frieden leben

Täglich jedoch werden wir eines Besseren belehrt. Nicht die Herren der Zeit wurden wir, zu ihren Sklaven sind wir geworden. Ausnahmslos alle, die bisher versucht haben, die Zeit zu beherrschen, mussten oder müssen noch das Zeitliche segnen. Wer in Frieden mit der Zeit leben will, muss sie nicht beherrschen sondern heiligen. Die Befreiung von Raum und Zeit wird als irdisches Projekt nicht gelingen, auch wenn uns dies die Verkäufer der Hochgeschwindigkeitstechnologien lauthals versprechen.

Das wissen viele Menschen inzwischen - und noch mehr ahnen es. Immer häufiger suchen Fußgänger in den eiligen Einkaufspassagen unserer von Hektik gezeichneten Städte die Stille und die Ruhe kirchlicher Orte auf. Für einige wenige Augenblicke stellen sie ihre Einkaufstüten ab um im sakralen Raum sich für einen Moment wieder selbst zu begegnen. Dort wird der Zeit wieder Zeit gegeben. In den Kirchen und Klöstern ist die Zeit zuhause, während vor ihren Türen und Toren Eile und Hetze herrschen. Gotteshäuser sind Orte, die vom Druck entlasten, die Zeit immerzu planen, organisieren und ordnen zu müssen. Sie sind der Rundumkapitalisierung der Zeit entzogen. Gott gibt kein Vollgas. An seinen Orten ist man von der Angst befreit, etwas zu versäumen. Man schaut die Zeit im Licht der Ewigkeit. So nur lässt sich erfahren, dass das Mensch-Sein nicht im Zeitsparen und Zeitnutzen seinen Sinn hat, wie es die Dringlichkeitsdynamiker der Moderne behaupten. Wer in der Zeit leben will, wer die Zeit lieben will, muss sie heiligen, nicht managen und nicht organisieren. Die Stunden die zählen, sind die Stunden, die nicht gezählt werden.

Der Autor ist Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik.

Alles Espresso. Kleine Helden der Alltagsbeschleunigung

Von Karlheinz A. Geißler, Hirzel Verlag, Stuttgart 2007. 166 S., geb. € 24,70

VERANSTALTUNGSTIPP:

Karlheinz Geißler referiert am 2. und 3. Mai im Rahmen des Jahresschwerpunkts "Zeit und Ewigkeit" bei den Wiener Theologischen Kursen:

• Das Ende des Diktats der Uhr?

Zeiterfahrung im Wandel. Vortrag

Mittwoch, 2. Mai, 18 Uhr Uhr

Beitrag: € 9,--

• Time is honey - Es muss in diesem Leben mehr als Eile geben. Seminar

Donnerstag, 3. Mai, 9 bis 11 Uhr 30

Beitrag: € 9,--(mit Vortrag 2. Mai: € 15,--)

Ort: 1010 Wien, Stephansplatz 3/3

Infos: www.theologischekurse.at

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