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Gott in der Erlebnisgesellschaft

Sich im Sinne des Evangeliums widerständig einlassen auf die Gegebenheiten der Zeit" ist das Anliegen des Theologen Hans-Joachim Höhns, der mit seinem Buch "Zerstreuungen" eine christliche Kulturkritik vorlegt, die man jedem zur Lektüre empfehlen kann, dem das Fortbestehen von Christentum in einer Zeit religiösen Umbruchs ein Anliegen ist.

Weder optimistisch noch pessimistisch verstimmt zeichnet der 41jährige Professor für Systematische Theologie aus Köln ein nüchternes Bild der Zeit: die modernen Gesellschaften stehen heute unter dem Imperativ der "Erlebnisgesellschaft": der einzelne steht heute vor entgrenzten Möglichkeiten zu leben und muß wählen. Dabei wird er sich selbst zum Maßstab und orientiert sich an dem, was ihm subjektiv "Glück" verspricht. Glück - das bezeichnet heute die Art und Weise, wie man sich fühlt und das Leben erlebt. "Bloß keine Langeweile" soll aufkommen, man ist gezwungen, ein erlebnisreiches Leben für sich zu inszenieren; die Angebote auf dem Markt der Güter helfen dabei. Auch Religion wird so zum "Produkt", das intensive Erlebnisse verspricht, eine lebenslange Bindung an einen Gott ist nicht mehr gefragt. Wie im Titel angekündigt: Die Religiosität der Menschen zerstreut sich in alle Lebensbereiche.

Höhn hütet sich, hier vorschnell ein Urteil über Egoismus oder Oberflächlichkeit seiner Zeitgenossen zu fällen, wie es "Christen" angesichts solcher Analysen gern tun. Sein christliches Menschenbild ermöglicht ihm, zu erkennen, was die Menschen auch noch in einer "Erlebnisgesellschaft" ersehnen. Gekonnt dechiffriert er, was hinter dem individualistischen Treiben der Menschen steckt: "Das alltägliche Ringen um ein eigenes Leben ist zur Kollektiverfahrung der westlichen Welt geworden." Warum suchen Menschen dabei noch immer nach religiösen Antworten?

Höhn stellt fest: den Kirchen gelingt es zur Zeit nicht zufriedenstellend, Antworten auf ihre religiösen Fragen zu geben. Vor allem die Unfähigkeit, das Evangelium in eine Nähe zum konkreten Leben der Menschen zu bringen, ist ein großes Defizit. Nach wie vor wird das Evangelium nur als eines präsentiert, das zu denken und zu tun gibt - und nicht als eines, das einem hilft, besser in der Welt zu leben. Statt dessen verliert sich die Kirche in rückwärtsgewandter Sprache und Symbolik. Höhn wünscht sich für die Kirchen mehr Mut, Neues auszuprobieren und sich verständnisvoll auf die Gegebenheiten der Zeit einzulassen. Zugleich sollen Christen in einer "Ästhetik des Vermissens" das zur Sprache bringen, was die Menschen heute vermissen, und woran sie leiden. Eine "Ästhetik des Glaubens" soll die Menschen erfahren lassen, daß das Evangelium auch etwas zu sehen gibt: eine Welt, die von Gott geliebt wird. Das Christentum kann auch heute für Menschen noch lebensbedeutend werden. Höhn gibt dazu zahlreiche konkrete Impulse, die man einfach ausprobieren könnte - auch in Österreich.

Zerstreuungen. Religion zwischen Sinnsuche und Erlebnismarkt.

Von Hans-Joachim Höhn. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1998. 200 Seiten, brosch., öS 291,

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