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Gott ist kein Zyniker

Zur Diskussion Evolutionslehre-Glaube im Anschluss an den Artikel von Kardinal Schönborn in der "New York Times" (vgl. Furche 28 und 29).

I. Kardinal Schönborn hat in seinem Kommentar keineswegs die Position jener fundamentalistischen evangelikalen Gruppen (vor allem in den usa) vertreten, welche den Schöpfungsbericht wörtlich nehmen und eine Erschaffung aller Kreaturen durch Gott in sechs Tagen annehmen (bei der Ökumenischen Sommerakademie in Kremsmünster hat übrigens der evangelische Theologe Wolfhart Pannenberg darauf hingewiesen, dass sogar nach der Bibel die Rede davon ist, dass "die Erde lebende Wesen hervorbringen" soll (Gen 1,20; vgl. Furche 29, Seite 9), was durchaus im Sinn einer Evolution des Lebens aus der Materie und nach ihren Gesetzen verstanden werden kann). Dennoch wird Kardinal Schönborns Beitrag auf Grund ähnlicher Begriffe von jenen Kreisen in ihrem Sinn vereinnahmt.

II. Kardinal Schönborn ist jedenfalls zuzustimmen, dass ein prinzipieller Ausschluss eines Schöpfungsplanes durch die Naturwissenschaft eine ideologische Grenzüberschreitung von deren Seite ist (zudem lässt die Evolutionslehre vieles offen). Es wäre gleich unrichtig, wie wenn Wissenschafter nach dem Zerlegen eines Roboters behaupten würden, hier sei keine Idee dahinter, weil er doch ohne feststellbares Eingreifen eines geistigen Wesens funktioniere (er zeigt im Gegenteil einen viel höheren Stand von Planung als eine nicht selbstständig funktionierende Maschine). Oder ein anderer Vergleich: Die Naturwissenschaft kann die Töne eines Klavierspiels mechanisch völlig erklären, aber von der Schönheit der Komposition kann sie nichts wissen.

III. Die naturwissenschaftliche Evolutionslehre macht eine Voraussetzung, die sie in keiner Weise erklärt und als vorausgesetzte Annahme auch nicht erklären kann: Sie geht von einer Dynamik der Evolution aus, die auf immer höheres und immer besseres Leben hinarbeitet; die in immer neuen Anläufen versucht, höhere Organisationsformen zu entwickeln, die besser überleben können. Diese Dynamik muss in der Welt von Anfang an angelegt sein. Sie ist auch mit der Vorstellung eines "Urknalls" als Beginn aller Wirklichkeit keineswegs erklärt. Denn da kann man nur die Fragen stellen: Was hat da geknallt? Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?

IV. Ohne dass dies schon ein Argument für einen sinnvollen Plan in der Evolution sein könnte, ist dennoch darauf hinzuweisen, was in dieser Frage auf dem Spiel steht: Wenn der Mensch ein sinnloses Zufallsprodukt einer absurden Entwicklung ist (etwa im Sinn des Biologen Jacques Monod), dann ist jede Rede von einer Menschenwürde und den darauf beruhenden Menschenrechten hinfällig. Die Folge wäre ein neoliberaler Sozialdarwinismus, in dem alle um das Überleben kämpfen, die Schwachen auf der Strecke bleiben. Auch der moralische Imperativ Kants (auf den sich die "aufgeklärten" Naturwissenschafter berufen), "dass die Menschheit in der Person eines jedes andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel gebraucht werden darf", wäre sinnlos, wenn der Mensch nicht das Ziel einer sinnvollen Evolution ist.

V. Andererseits muss man aber feststellen, dass Kardinal Schönborn seine Sicht dieses Planes auch nicht begründet und daher in einen Ideologieverdacht gerät: Gleich zu Beginn ist die Rede davon, dass die Kirche der Wissenschaft "viele Details ... überlässt", als ob sie einfach über dieser stünde und aus irgendwelchen anderen Quellen - offensichtlich ist hier an die Offenbarung gedacht, also doch fundamentalistisch? - zu "verkünden" hat, "dass der menschliche Verstand im Licht der Vernunft leicht und klar Ziel und Plan in der natürlichen Welt ... erkennen kann". Das wird dann noch mit Zitaten aus Papstbotschaften oder aus dem "zuverlässigen Katechismus der Katholischen Kirche'" zu untermauern versucht. Wenn man es wirklich so "leicht" erkennen könnte, dann müsste das aufgewiesen, es dürfte nicht nur behauptet werden.

VI. Ein solches Aufzeigen ist schon deshalb schwer möglich, weil es in der Natur viele Fehlversuche in der Entwicklung des Lebens gibt und weil diese Entwicklung unter dem Gesetz der Selektion so viele Opfer fordert, dass es schwierig ist, für alles einen intelligenten Plan anzunehmen (vor allem bei der Vorstellung göttlicher Allmacht, die alles kann, was wir uns denken können). Das "Fressen und Gefressenwerden" in der Natur lässt sich mit einem intelligenten Plan eines wohlmeinenden Schöpfers so schwer vereinbaren, dass man eher einen zynischen annehmen müsste (vgl. die Glaubenskrise von Reinhold Schneider, als er damit konfrontiert wurde, dass die Gottesanbeterin nach der Begattung das Männchen auffrisst). Dies alles auf die Sünde der Menschen zurückzuführen, wie es die traditionelle Theologie tut, würde voraussetzen, dass es vor der Evolution eine fertige paradiesische Welt gegeben hätte.

VII. Dazu kommt aber noch ein zweites schwer wiegendes Problem: Selbst wenn sich ein intelligenter Plan in der Evolution aufzeigen lässt, bietet eine Rückführung dieses Plans auf einen intelligenten Schöpfer keine Erklärung, sondern verlagert die Frage nur auf eine andere: Warum gibt es diesen intelligenten Schöpfer, der sich ja auch nicht selbst gemacht haben kann (dann hätte er vorher schon da sein müssen)? Wenn es etwas gibt, das seinen Grund in sich hat (und so etwas muss es geben, wenn es überhaupt etwas gibt), dann kann das auch schon die Welt sein, wenn auch nicht der uns zugängliche Bereich, sondern in ihren tieferen Dimensionen. Mit einem welt-jenseitigen Schöpfer ist keine bessere Antwort auf die Frage gegeben, warum es in dieser Welt eine Dynamik zu höherem Leben gibt. Er dient als Lückenbüßer.

VIII. Die viel näher liegende Lösung ist daher die Annahme, dass die oben erwähnte Schöpfungsdynamik, die als Gesamtsystem allen Teilsystemen unserer erfahrbaren Welt zugrunde liegt, der tragende, bergende Grund unseres Daseins und allen Lebens ist: Dies ist das Modell eines Panentheismus*) (vgl. Apg 17,28; Eph 4,6), der mit dem Pantheismus Hegels und esoterischer Erlösungslehren nicht gleichgesetzt werden darf. Dass es sich bei diesem höheren umgreifenden Ganzen um eine sinngebende und damit gute Wirklichkeit handelt, lässt sich nur durch die Erfahrung dessen aufweisen, der dabei herausgekommen ist und darüber nachdenkt: der Mensch, der sich in anfanghafter Erfüllung als grundsätzlich sinnvoll erfährt und daher das Wovon seiner schlechthinnigen Abhängigkeit als sinngebenden, guten Grund deuten kann.

Der Autor ist Dozent für Pastoraltheologie in Innsbruck.

*) Der Panentheismus bezeichnet die religiöse Auffassung, dass das Universum ein Teil Gottes ist. Im Unterschied zum verwandten Pantheismus gilt das Universum aber nicht als Synonym für Gott. (Anm.)

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