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"Gott kommt im Heute“

Das Interview von Papst Franziskus für Jesuitenzeitschriften macht auch in den Medien Furore. Selten hat ein Pontifex seine Stoßrichtung so auf den Punkt gebracht.

Päpstliche Interviews sind zwar längst keine Sensation mehr. Dennoch macht das, was Franziskus, der gegenwärtige Bischof von Rom, dem Jesuiten Antonio Spadaro für die "Civiltà Cattolica“ und andere Jesuitenzeitschriften erzählt hat, weltweit Furore. Für die FURCHE analysiert ihr Kolumnist Rainer Bucher die wesentlichen Passagen und Stoßrichtungen des Gesprächs. Auf Deutsch ist der Wortlaut des Interviews auf der Webseite der von Jesuiten herausgegebenen Zeitschrift "Stimmen der Zeit“ nachzulesen ( www.stimmen-der-zeit.de). (ofri)

Der wichtigste Satz fällt wie nebenbei. Der Interviewer wundert sich, dass der Papst zum II. Vatikanum so wenig sagt, es offenbar "als ein so undiskutierbares Faktum ansieht“, dass es sich nicht lohne, "länger darüber zu sprechen“. Doch dieser Satz, der alles erklärt, ist eben doch ein Satz zum II. Vatikanum und er sagt auch alles über das Programm des neuen Papstes. Er lautet: "Das Zweite Vatikanum war eine neue Lektüre des Evangeliums im Licht der zeitgenössischen Kultur.“

Dieser Satz sprengt alle Diskussionen über eine Hermeneutik der Kontinuität oder Diskontinuität, denn er steht jenseits dieser Alternative und hält die entscheidende methodische Wende fest, die das Konzil gegenüber der Kirche der Neuzeit darstellt, eine Wende, die tief in das Betriebssystem von Theologie und Kirche eingreift: Nicht die Kirche beurteilt mehr von außen, als wenn sie nicht dazugehören würde, die Gegenwart, sondern die Gegenwart und ihre spezifische Kultur sind ein legitimer, ja der heilsgeschichtlich einzig mögliche Ort der Entdeckung von Sinn und Bedeutung des Evangeliums.

Diese methodische Wende denkt nicht von der Tradition auf die Gegenwart hin, wie es seit langem katholische Gepflogenheit war, sondern etabliert ein sich gegenseitig durchdringendes Verhältnis gleichstufiger Entdeckungszusammenhänge zwischen Tradition und Gegenwart. Solche Entdeckungen aber sind nur prozesshaft, risikobeladen, auf die jeweiligen Situationen und Handlungen bezogen. Diese Wende des Konzils ist mit Franziskus in Rom angekommen.

Diese methodische Wende ist die Voraussetzung jeder Pastoral, wie das Konzil sie versteht und wie sie heute auch nur noch möglich ist: als kreative und ergebnisoffene Konfrontation von Evangelium und gegenwärtiger Existenz, und das in Wort und Tat und im individuellen wie gesellschaftlichen Wertbereich. Papst Franziskus arbeitet auf dieser Grundlage und buchstabiert in seinem Interview aus, wohin das führt.

Dieser Papst verkörpert damit in dem, was er tut und sagt, die geistliche, praktische und theologische Herausforderung epochalen Ausmaßes, die das Konzil bedeutet. Er konfrontiert damit seine Kirche mit ihrem letzten Konzil und zwar auf dessen eigener Basis. Franziskus ist ein Konzilspapst, nach außen wie nach innen, genauer: Er transformiert diese Unterscheidung in jene von Evangelium und Leben im Außen wie Innen - wie es auch das Konzil tat. Alles andere folgt daraus.

Gott in der Gegenwart suchen

Es folgt zum Beispiel der Primat der Gegenwart vor allen anderen Zeitstufen. Es gebe "die Versuchung, Gott in der Vergangenheit zu suchen oder in den Zukunftsmöglichkeiten. Gott ist sicher in der Vergangenheit, denn man findet ihn in den Abdrücken, die er hinterlassen hat. Er ist auch in der Zukunft als Versprechen. - Aber der - sagen wir - ‚konkrete Gott‘ ist heute … Gott kommt im Heute entgegen.“ Das markiert eine handlungs- und aufgabenorientierte Neuausrichtung der katholischen Kirche im Bereich der Wirklichkeitswahrnehmung: eine der Revolutionen des Konzils.

Dann aber braucht man Neugierde auf diese Gegenwartskultur und ihre Selbstreflexionen in Kunst und Wissenschaft. Dass der Papst dabei im Bereich der Musik nicht nur die klassische katholische Größe Mozart und den fünften (protestantischen) Evangelisten Bach nennt, sonden auch Richard Wagner, ist nicht nur für den in Bayreuth aufgewachsenen Schreiber dieser Zeilen, sondern generell bemerkenswert, denn es zeigt, dass der Papst in seiner Kunstrezeption auch vor den "bösen Jungs“ keine Angst hat und in der Kunst nicht nur Bestätigung, sondern Kontrast und Kontroverse sucht.

Aus dem Ansatz des Papstes folgt zweitens der situative Vorrang des rechten Handelns vor der Rechtgläubigkeit. Der Papst macht das zielgenau ausgerechnet im gegenwärtig heikelsten und unglücklichsten Bereich kirchlicher Lehre, der Sexualmoral, fest. Er begründet den Primat der Barmherzigkeit, wie das Konzil, im christlichen Gottesbegriff und damit im universalen Heilswillen Gottes.

Damit bricht der Papst jeden Ekklesiozentrismus auf, bekanntlich die Grundversuchung der katholischen Kirche. Im Handeln der Kirche geht es zuerst darum, jeden Menschen aus der Perspektive der Liebe Gottes anzuschauen - und sei dieser Mensch noch so weit weg von einem Leben nach kirchlichen Normen. "Gott begleitet die Menschen durch das Leben und wir müssen sie begleiten und ausgehen von ihrer Situation. Wir müssen sie mit Barmherzigkeit begleiten“.

Das bedeutet auch die Verpflichtung der Kirche, sich an den Rändern und Grenzen ihrer selbst zu entdecken, weil sie dort ihre Aufgaben findet, und weil sie nur über ihre Aufgaben sie selber wird. "Statt nur eine Kirche zu sein, die mit offenen Türen aufnimmt und empfängt, versuchen wir, eine Kirche zu sein, die neue Wege findet, die fähig ist, aus sich heraus und zu denen zu gehen, die nicht zu ihr kommen.“ Das markiert eine handlungs- und aufgabenorientierte Neuausrichtung der konkreten Pastoral und Verkündigung der katholischen Kirche: eine weitere Revolution des Konzils.

Aus dem Ansatz des Papstes folgt drittens der Vorrang des Volk-Gottes-Charakters der Kirche vor ihren hierarchischen Stufungen. Auch hier trifft der Papst zielgenau wunde Punkte der jüngeren Kirchengeschichte: die unterbelichtete Synodalität der katholischen Kirche etwa oder auch das Verhältnis des Lehramts zur wissenschaftlichen Theologie. Das markiert eine handlungs- und aufgabenorientierte Neuausrichtung der inneren Verfassung der katholischen Kirche, eine weitere Revolution des Konzils.

Freilich bedeutet es auch die Verpflichtung der Theologie auf ihren Dienst am gesamten Volk Gottes. Ihr Problem ist für den Papst offenbar weniger ihre kirchenamtlich zu kontrollierende Rechtgläubigkeit - die vielen Beschwerden über mangelnde Rechtgläubigkeit in Rom nennt er nicht ohne Ironie "eindrucksvoll“ -, sondern die mangelnde Nähe zu Situation und Sprache des Volkes Gottes.

Und es bedeutet, Gott im "leichten Hauch des Elias“ zu finden, im immer offenen Raum von Sicherheit und Zweifel, womit der Papst anschließt an die große spirituelle Tradition der Kirche: für die römische Theologie eine Erlösung und eine Erlösung für alle, die mit ihr zu tun haben. Es zeigt zudem, dass der Papst seine Theologie von der großen geistlichen Tradition der Kirche her entwirft, wie das II. Vatikanum, das eben sehr viel mehr war als ein Reformkonzil.

Eine Hoffnung für Kirche und Welt

Dieser Papst ist eine Hoffnung für die katholische Kirche, aber auch für die ganze Welt. Er verkörpert die Hoffnung, der globalisierten Welt etwas zu sagen zu haben, das über ihren ökonomisch wie kulturell zunehmend hegemonialen Kapitalismus und die fundamentalistischen Reaktionen auf diesen hinausführt und dabei auch nicht zurückführt in die "Absurdität des kirchlichen und gesellschaftlichen Konservativismus“, der meint, man könne die Leere einer kapitalistischen Kultur "mit einer Rückkehr zu vormodernen Vorschreibungen und Identitätsmarkern ... wieder auffüllen.“ (Kurt Appel).

Man sollte immer um ein langes Leben beten, für sich und andere. Im Falle von Papst Franziskus aber ganz besonders.

* Der Autor ist kath. Pastoraltheologe an der Universität Graz

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