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Gott nach Auschwitz

Am 17. Jänner begehen Österreichs Kirchen den "Tag des Judentums": Ein Anlass, nach dem Stand des jüdisch-christlichen Gesprächs zu fragen. Trotz aller Bemühung hat die christliche Theologie noch ein gutes Stück Weg vor sich - wie auch ein Band der renommierten Reihe "Quaestiones disputatae" zeigt.

H euer wird - wegen seines 100. Geburtstags und 20. Todestages im März - intensiv Karl Rahners gedacht: Die Erkenntnisse und Forderungen eines der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts haben als "Selbstverständlichkeiten" in die Theologie Eingang gefunden. Zu Rahners größten theologischen Leistungen zählt die so genannte "anthropologische Wende", das heißt die Wende hin zum konkreten Menschen und seinem Leben - heute eine Messlatte jeder theologischen Reflexion, sei es in Fragen des Kirchenverständnisses oder etwa in Fragen der Sozialethik.

Diese Geschichte irritiert

Doch was ist das für eine Theologie - so fragte der katholische Theologe Johann Baptist Metz seinen Lehrer Karl Rahner immer wieder -, die eine Wende zum Menschen hin vollzieht, ohne sich von den geschichtlichen Erfahrungen des Menschen irritieren zu lassen? Das Ereignis, mit welchem Metz seinen Lehrer in diesem Zusammenhang konfrontierte, war der Holocaust, Auschwitz. Die Wende zum Menschen wäre erst vollzogen, wenn man es schaffe, eine angesichts der Opfer verantwortbare Theologie zu treiben, so Metz. Die Theodizeefrage, die Frage nach der Vereinbarkeit von Gott und geschichtlicher Leidenserfahrung wird so zum Prüfstein der skizzierten Rahner'schen Wende. Eine konkrete Antwort auf diese Fragen ist Rahner schuldig geblieben. Doch im Fahrwasser seines Denkens und angetrieben von eben jener Frage entwickelte sich nach dem Krieg der jüdisch-christliche Dialog, der mittlerweile in einzelnen Disziplinen christlicher Theologie (zum Beispiel der Exegese des Alten Testaments oder der Fundamentaltheologie) Früchte trägt.

Aufhorchen ließ in diesem Kontext der 200. Band aus der Reihe "Quaestiones Disputatae", einer von Rahner selbst ins Leben gerufenen theologischen Reihe im Herder-Verlag. "Methodische Erneuerung der Theologie" - so der Titel jenes Bandes; noch vielversprechender in diesem Zusammenhang der Untertitel: "Konsequenzen der wiederentdeckten jüdisch-christlichen Gemeinsamkeiten".

Doch was im Vorwort als Fortsetzung des ökumenischen Dialogs mit dem Judentum im Geiste Rahners angekündigt wird, entpuppt sich schnell als subtile Form christlicher Überheblichkeit, die jeden wahren Dialog (und nicht zuletzt wohl auch einen Teil der mühsam erworbenen Früchte des bisherigen Dialogs) zunichte macht.

Freilich, der Begriff "Auschwitz" findet sich in jedem Beitrag, doch nur selten wird er zum Ausgangspunkt einer theologischen Krise, ja nicht einmal zur ernsthaften Herausforderung. Dass - einem Wort des Schriftstellers, Auschwitz-Überlebenden und Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel zufolge - in Auschwitz nicht das Judentum, sondern das Christentum gestorben sei, scheint kaum einem der Autoren ein Problem darzustellen.

Als Beispiel für diese geschichtliche "Verblüffungsfestigkeit" (J. B. Metz) sei der Beitrag des Tübinger Dogmatikers Peter Hünermann, eines der Herausgeber des Bandes, angeführt: Hünermann thematisiert nicht die Frage nach einer fundamentalen Revision christlicher Glaubenswahrheiten (im Sinne von Dietrich Bonhoeffers: "Der Jude hält die Christusfrage offen"), sondern die Frage, wie die Geschichte und der Glaube des Volkes Israel als Vorgeschichte zu verstehen seien.

Der Versuch, die jüdische Messiaserwartung als gemeinsame Verstehensgrundlage der Person Jesu Christi anzuführen, mag zwar einen richtigen Ansatzpunkt darstellen; die sich daran gleich anschließende Identifizierung Jesu mit den Messias-Aussagen des Alten Testaments - die von einem Juden natürlich bestritten würde - macht jedoch deutlich: hier geht es nicht um gegenseitiges, dialogisches Lernen, sondern um christliche Identitätsfindung durch heilstriumphale Abgrenzung vom Judentum!

Christen, studiert Juden!

Ein positives Beispiel ist dagegen der Artikel des Münsteraner Alttestamentlers Erich Zenger: Sein Plädoyer für eine "alttestamentliche Diskurshermeneutik" bedeutet den Aufruf an die christliche Theologie, jüdische Kommentare zu studieren und Wahrheitssuche gemeinsam zu betreiben. Das wäre tatsächlich ein wichtiger Beitrag zu einer methodischen Erneuerung christlicher Theologie vor jeder christlichen Interpretation: Für einen ganzen Band ist dieses Ergebnis jedoch zu wenig.

Mitunter scheint es also, als sei unter diesen Vorzeichen ein jüdisch-christlicher Dialog jenseits christlicher Überheblichkeit im alltäglichen Betrieb christlicher Theologie nicht sonderlich erwünscht. Um des Christentums willen muss dieser Dialog jedoch fortgesetzt werden, so J. B. Metz: "Über Auschwitz hinweg kommen wir nur noch mit den Juden!" Ein Dialog unter diesem Motto fragt aber nicht zuerst nach der Methodik! Es bedarf einer fundamentaleren Reflexion christlichen Grundverständnisses: Können Christen weiter vom "Heil in Christus" sprechen, wie bisher? Müssen Christen, wenn sie die Wende zum Menschen wirklich ernst nehmen, die "Glaubenswahrheit" vom bereits angebrochenen Reich Gottes wenn schon nicht relativieren, so doch zumindest mit den Anfragen aus dem Judentum konfrontieren?

Wäre nicht erst dies ein wirklicher Dialog im Geiste Karl Rahners - Unterschiede aushalten, um voneinander zu lernen; Gemeinsamkeiten suchen, ohne sie missionarisch gegen den anderen zu wenden; und nicht zuletzt: gemeinsam hoffen - nicht um des betont Christlichen, sondern um der Menschen und der geschichtlichen Opfer willen?

Der Autor ist freier Publizist und dissertiert in katholischer Theologie in Deutschland.

Methodische erneuerung d. Theologie. Konsequenzen der wiederentdeckten jüdisch-christl. Gemeinsamkeiten. Hg. Peter Hünermann, Thomas Söding. Verlag Herder (Quaestiones disputatae 200), Freiburg 2003. 264 S., kt., e 25,60

TIPP:

Tag des Judentums

JÜDISCH-CHRISTLICHE BEGEGNUNG IM ANGESICHT DES NAHOSTKONFLIKTS.

Vortrag und Diskussion mit Univ.Prof. Dr. Gerhard Bodendorfer, Judaist an der Universität Salzburg.

Ort: Maria Ward Haus (Lilienhof), 3100 St. Pölten, Stattersdorfer Hauptstraße 62.

Termin: Freitag, 16. Jänner, 19 Uhr

Infos: www.forum23.at

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