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Gottes Selbstoffenbarung

Und doch: Das Wort ist Fleisch geworden! Widerspruch zu Paul Weß' Artikel "Geburt des zweiten Adam" (furche 51-52/2006).

Ich habe Paul Weß als einen Theologen kennen gelernt, der seine Themen mit großer Leidenschaft verficht. Das hindert mich allerdings nicht, Einsprüche zu formulieren, auch zu seinem Weihnachtsartikel inFurche51-52:

1. Inkulturation

Paul Weß tritt dafür ein, dass die hellenistische Inkulturation des Christentums relativiert werden soll. Dem möchte ich zustimmen - wenn das heißt, dass das christliche Leben und Denken zu allen Zeiten und in allen Kulturen immer wieder neu zur Sprache gebracht und ins Leben übersetzt werden muss - damit das Evangelium als erlösende Botschaft erkennbar wird. Ich halte aber den Weg, den Paul Weß de facto in seinem Artikel geht, für nicht zielführend. Trotz der vorsichtigen Relativierung am Ende seines Artikels bedeutet sein Beitrag ein negatives Urteil über die überkommene Formulierung des Christus-Glaubens und (vermutlich) das Ende der Ökumene mit den orthodoxen Kirchen. Jede Inkulturation muss ernst nehmen, was in Kirche und Theologie bisher erkannt worden ist - es gibt einen Erkenntnisstand, hinter den man nicht zurückfallen darf (G. Larcher), auch wenn man das Erreichte in eine andere Kultur und Sprache übersetzen will. Das gilt auch, wie noch gezeigt werden soll, für die Inkulturation in das hellenistische Denken.

2. Das Zeugnis der Heiligen Schrift

Das Zeugnis der Heiligen Schrift hat für den Glauben grundlegende Bedeutung. Aber es geht - erstens - um das vielstimmige Zeugnis der Heiligen Schrift als ganze und nicht allein um zwei für das Verständnis Jesu (zugegebenermaßen) besonders wichtige Stellen. In der Heiligen Schrift wird die Einzigartigkeit Jesu auf unterschiedliche Weise zur Sprache gebracht. Er wird uns vorgestellt als der Messias, als der Menschensohn, der Herr, der Sohn, der Sohn Gottes usw. Dabei wird - zweitens - nicht nur durch Kontrast (z.B. erster und zweiter Adam), sondern auch durch Steigerung gesagt, wer Jesus eigentlich ist: Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit hat er zu uns gesprochen durch seinen Sohn, ... durch den er auch die Welt erschaffen hat. (Hebr 1,1) Zu beachten ist - drittens - dabei, dass nicht nur Begriffe auf Jesus angewendet, sondern dadurch auch - z.B. durch den neuen Kontext - umgedeutet wurden.

3. Der Logos, der Fleisch geworden ist

Wenn ich in dieser Perspektive an das Johannes-Evangelium herangehe, dann gilt: Der vom Evangelisten kommentierte Logos-Hymnus bildet eine vorangestellte Zusammenfassung der ganzen Geschichte Jesu. So wurde er zum Angelpunkt zwischen der biblischen und der altkirchlichen Christologie. Durch die zentrale Aussage Und das Wort / der Logos ist Fleisch geworden ... (Joh 1,14) wird von Jesus - über die alttestamentliche Weisheits-Theologie hinausgehend - gesagt, dass er in seiner menschlichen Existenz der "Ort" ist, an dem wir den göttlichen Logos antreffen (die Deutung von Weß "Gott hat auf menschliche Weise gesprochen, sein Wort erging durch einen Menschen" findet sich wohl bei keinem Exegeten und wird dem nicht gerecht). Mit anderen Worten: Was immer Jesus tut und was mit ihm geschieht, darin offenbart sich Gott in seiner Weisheit: Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. (Joh 14,9)

4. Das Konzil von Nicäa - Korrektur der Hellenisierung

Die kurze Erwähnung des Konzils von Nicäa (325) im Beitrag von Weß wird der theologischen Leistung dieses Konzils nicht gerecht. Dieses Konzil hat nicht den Sinn der Schrift durch Hellenisierung verändert, sondern es hat die konsequente und fatale Hellenisierung des Glaubens durch Arius korrigiert (A. Grillmeier). Es stellt fest, dass dem Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift nicht Genüge getan wird, wenn man Jesus nur als ein Gott untergeordnetes Mittlerwesen versteht, sondern dass man festhalten muss, dass uns im Menschen(!) Jesus Gott selbst(!) begegnet. Das ist der Sinn der Aussage, dass Jesus Gott wesensgleich (homousios) ist. Die Aussageabsicht des Konzils steht außer Zweifel und ist in der Ökumene von grundlegender Bedeutung. Dass die Formulierungen des Konzils weiterer Präzisierungen bedurften, zeigt die Tatsache, dass innerhalb von 130 Jahren drei weitere Konzilien gefolgt sind.

5. Am Bekenntnis festhalten, nicht das Geheimnis durchschauen wollen

Auch wenn wir uns die Menschwerdung des Gottessohnes fast unwillkürlich irgendwie vorzustellen versuchen (man vergleiche die Anschaulichkeit der Advent-und Weihnachtslieder) - dieser Versuch stößt rasch an Grenzen und führt zu Missverständnissen. Das Konzil von Chalzedon (451) hat deshalb darauf bestanden, dass seine Aussagen über die göttliche und die menschliche Natur, die in der einen Person Jesu vereint sind ("wahrhaft Gott - wahrhaft Mensch"), nicht als Erklärung des Unerklärlichen missverstanden werden dürfen. Deshalb der Hinweis des Konzils, dass die beiden Naturen in Jesus "unvermischt" und "ungetrennt" sind. Mit anderen Worten: Das Konzil unterstreicht, dass uns in Jesus wirklich ein Mensch und in diesem Menschen wirklich Gott begegnet, aber es erklärt nicht, wie das möglich ist. Damit ist auch der Sinn und die Grenze der Rede von der Menschwerdung Gottes gegeben. Sie ist und bleibt ein Geheimnis des Glaubens, keine Theologie kann daran etwas ändern - bis heute.

6. Jesus ist nicht nur der zweite Adam

Jesus wird im NT als das erlöste Gegenbild zu Adam gesehen. Aber auch bei Paulus ist das nicht der einzige Begriff, mit dem Wesen und Sendung Jesu bezeichnet werden. Und deshalb spricht auch die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Jesus nicht nur (wie das Zitat von Weß nahe legt) vom vollkommenen Menschen, sondern im gleichen Zusammenhang auch vom "Sohn, der Mensch geworden ist" (Nr. 41) bzw. vom "Fleisch gewordenen Wort" und vom "Bild des unsichtbaren Gottes" (Nr. 22). Mit anderen Worten: Die Rede vom zweiten Adam genügt dem Konzil nicht, um das Wesen und Sendung Jesu zum Ausdruck zu bringen. An dieser Stelle wird vielleicht sichtbar, worin der bleibend gültige Ertrag der Inkulturation in das hellenistische Denken besteht: Es braucht auch eine Christologie von oben (A. Grillmeier), die von der Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazaret spricht. Nur so lässt sich formulieren, was zentraler Gehalt des Neuen Testamentes ist: Jesus ist die Selbstoffenbarung Gottes. Wenn sich in Jesus Gott selbst hingibt, dann offenbart sich darin die Liebe Gottes (vgl. 1 Joh 4,9; Röm 5,8). Wenn Gott dazu die Kreuzigung seines Propheten, also eines Menschen braucht, verkehrt sich das Evangelium in sein Gegenteil.

Theologie ist nicht Erklärung des Unerklärlichen, sondern Suche nach einer geeigneten Sprache, die dem ursprünglichen Zeugnis der Heiligen Schrift gerecht wird, die Kontinuität des Glaubens sichtbar macht, den Sinn des Glaubens aufleuchten lässt und so ein Verstehen ermöglicht. Immer muss sie menschliche Begriffe verwenden. Sie braucht ihre Aussagekraft, um dem Schweigen über Gott und sein Handeln zu entkommen. Sie muss aber zugleich deutlich machen, wo die Grenzen dieser Begriffe liegen. Wer diesen Rhythmus des Denkens nicht beachtet, versteigt sich entweder in problematische Spekulationen oder riskiert auf der anderen Seite eine Entleerung des Glaubens. Unter dieser Rücksicht scheint mir die herkömmliche Sprache der Theologie und der Liturgie besser geeignet als der Vorschlag von Paul Weß, Jesus als den zu bekennen, in dem uns Gott erlösend entgegen kommt, und der zugleich auch Anführer des Glaubens (Hebr 12,2) ist.

Der Autor ist Professor für Dogmatik an der Universität Graz.

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