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Gottes Streiterinnen

Was Elisabeth Gössmann in Deutschland verwehrt blieb, hat an der Universität Graz bereits Tradition: Frauen als Professorinnen der Theologie.

W enn es nicht zu hoch gegriffen ist, so spiegelt mein Fall ... einen Abschnitt deutscher Universitätsgeschichte." Es ist nicht zu hoch gegriffen - es ist traurige Gewissheit: Seit dem Jahr 1972 bewarb sich Elisabeth Gössmann, in Osnabrück geborene promovierte katholische Theologin und habilitierte Philosophin, auf fast alle Professorenstellen, die es in Deutschland gab. Jahrelang verschickte sie Bewerbungsschreiben, verwies auf ihre üppige Publikationsliste mit Büchern über die Philosophie und Theologie des Mittelalters, zahlreichen Aufsätzen, einem Opus über die Geschichte des Christentums in Japan sowie der Schrift über "Das Bild der Frau heute", das die theologische These von der "Unableitbarkeit des Frauseins vom Mannsein" enthielt.

Geburtsfehler: weiblich

Umsonst: 37 Mal wurde ihr - in mehr oder minder freundlichem Ton - mitgeteilt, dass sie trotz ihrer Qualifikation nicht berücksichtigt werden konnte. Ein Handicap hatte die anderen Vorzüge stets an die Wand gedrängt: ihr "Geburtsfehler: weiblich".

Im gleichnamigen Erinnerungsbuch hat Elisabeth Gössmann nun ihre eigene Sicht der Dinge - ergänzt um zahlreiche Briefe und Zeitungsartikel - dargelegt. Es entsteht das Bild einer Forscherin, die anfangs weniger durch frauenemanzipatorische Ziele getrieben war als durch unstillbaren Wissensdurst: Unbekümmert verfasste sie ihre Doktorarbeit über die mittelalterliche Auslegungsgeschichte der Verkündigung an Maria und legte 1954 im Rahmen der Disputatio - mit einiger "Gewissensqual", aber ohne Protest - den (bis 1967 vorgeschriebenen) Antimodernisteneid ab. Spätestens beim Versuch, im Fach Theologie die Lehrbefugnis zu erlangen, stieß Gössmann jedoch auf eine Mauer der Ablehnung. Längst in Tokyo als Dozentin für deutsche Literatur des Mittelalters und christliche Theologie tätig, reichte sie 1962 in München ihre Habilitationsschrift

ein. Das Vorhaben scheiterte: Nur Kleriker mit höheren Weihen waren dafür vorgesehen. Dass Kardinal Döpfner der verhinderten Professorin die Problemlage ehrlich erklärte ("Wir Bischöfe wissen noch gar nicht, was wir mit habilitierten Laientheologen anfangen sollen"), war für sie ein schwacher Trost.

Erst Jahrzehnte später kam für Elisabeth Gössmann die Zeit der Wiedergutmachung: Als nunmehr Fünfzigjährige wurde sie 1978 an der Münchner Universität "re-habilitiert". Späte Ehre kam auch aus Graz: Als erste Frau erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität. 2001 wurde darüber hinaus der österreichische Preis für theologische Frauenforschung, ausgeschrieben von der Grazer Theologischen Fakultät, nach Elisabeth Gössmann benannt.

Eine frauenfreundliche Tradition, die sich in Graz bis heute fortsetzt: So folgte Irmtraud Fischer mit 1. März Johannes Marböck auf den Lehrstuhl für "Alttestamentliche Bibelwissenschaft" - jene Frau, die schon 1994 die Einrichtung des Fakultätsschwerpunktes "Frauen- und Geschlechterforschung" initiiert hatte (siehe Interview). Neben Anne Jensen, Professorin für Ökumenische Theologie und Patrologie, ist sie nun an der theologischen Fakultät die zweite Frau im Talar. Die habilitierte Kirchengeschichtlerin Michaela Kronthaler und die habilitierte Religionswissenschaftlerin Theresia Heimerl komplettieren das Bild.

Seit drei Semestern geht man in Graz noch einen Schritt weiter: Im Wahlfachmodul "Feministische Theologie" sollen Studierende aller Fakultäten Einblick erhalten in eigene und fremde religiöse Frauentraditionen. Neben einer Einführung in die feministische Theologie erwarten sie Lehrveranstaltungen über "KetzerInnen und Erleuchtete" oder die "Mutterrolle(n) in den Religionen". "Bisher waren die Lehrveranstaltungen gut besucht", freut sich die Verantwortliche für das Wahlmodul, Theresia Heimerl.

Feministisches Wörterbuch

Grundsätzlich sei in der feministischen Theologie "eine gewisse Konsolidierungsphase" eingetreten, glaubt sie. Die 2002 erschienene, zweite Auflage des "Wörterbuchs der Feministischen Theologie" dokumentiere diese Entwicklung: "In der ersten Auflage von 1991 sind die Artikel oft noch von unreflektierter Aufbruchstimmung geprägt." Der Herausgeberinnenkreis war und ist bunt: evangelische Theologinnen wie Elisabeth Moltmann-Wendel, Luise Schottrof und Ina Praetorius sind ebenso vertreten wie die katholischen Theologinnen Helen Schüngel-Straumann - und Elisabeth Gössmann.

Neben ihrem wegweisenden "Archiv für philosophie- und theologiegeschichtliche Frauenforschung" hat sich Gössmann zuletzt vor allem mit diesem Wörterbuch und seiner Übersetzung ins Japanische auseinandergesetzt. "Uns war allen klar", schreibt sie in ihren Lebenserinnerungen, "dass Feministische Theologie entweder ökumenisch oder gar nicht möglich ist."

GEBURTSFEHLER: WEIBLICH

Lebenserinnerungen einer katholischen Theologin

Von Elisabeth Gössmann. Iudicium

Verlag, München 2003. 488 S., e 20,40

WÖRTERBUCH DER

FEMINISTISCHEN THEOLOGIE

Hg. von E. Gössmann, H. Kuhlmann, E. Moltmann-Wendel u.a. 2., vollst. überarb. Auflage. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002. 628 Seiten, geb., e 71,-

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