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Gottes-und V-Mann

Mystisch und politisch: Gerade in Dietrich Bonhoeffer kulminieren diese beiden Pole des Christseins. gotthard fuchs über den "konkreten" Glauben sowie das "Katholische" Bonhoeffers - und über drei neue Biografien.

Er hätte seine Haut retten können. Längst war absehbar, dass es zum großen Knall kommen würde. Die Gefährten aus der Bekennenden Kirche drängten ihn, der Einladung der Freunde aus den usa zu folgen und sich dort für neue Aufgaben bereit zu halten, bis sich die Wogen geglättet haben. Am 12. Juni 1939 kommt Bonhoeffer nach sechstägiger Schiffsfahrt in New York an - einerseits neugierig und tatendurstig wie immer, andererseits todunglücklich. Gewiss: er hätte sich dort sehr nützlich machen können, aber während des drohenden Krieges fern von den Brüdern und Schwestern zuhause zu sein - das machte ihm schwer zu schaffen. Nach zermürbenden Zweifeln entscheidet er sich zur Rückkehr - trotz der großen Enttäuschung der amerikanischen Freunde: Es zieht mich zu den kämpfenden Brüdern ... die politische Lage ist furchtbar, und ich muss bei meinen Brüdern sein, wenn es ernst wird.

Diese Episode markiert beispielhaft, wie sehr es Bonhoeffer auf Konkretion ankommt und auf Praxis. Das prägt sein Bibelverständnis, das prägt seine Theologie, das prägt seinen Kirchenkampf. Schon auf dem Schiff, das ihn wieder nach Nazi-Deutschland zurückbringt - mit den dramatischen Folgen schließlich für Leib und Leben -, notiert er in sein Tagebuch: Seit ich auf dem Schiff bin, hat die innere Entzweiung über die Zukunft aufgehört. Ich kann ohne Vorwürfe an die abgekürzte Zeit in Amerika denken.- Losung: "Ich danke Dir, dass Du mich gedemütigt hast und lehrst mich Deine Rechte" (Ps 119,71). Aus meinem liebsten Psalm eines der mir liebsten Worte."

Glaube ist konkret

Bezeichnend werden die Lebensentscheidungen im Licht des Glaubens gedeutet, und umgekehrt gilt: der Glaube ist konkret oder gar nicht. Die Kirche darf keine Prinzipien verkündigen, die immer wahr sind, sondern nur Gebote, die heute wahr sind. Denn, was "immer" wahr ist, ist gerade "heute" nicht wahr: Gott ist uns "immer" gerade "heute" Gott. So hatte er sieben Jahre zuvor geschrieben.

Wie jedes Menschenleben ist gerade dieses von seinen Weichenstellungen her wenigstens zu erahnen. In Ferdinand Schlingensiepens faszinierender und materialreicher Bonhoeffer-Biografie ist es mitzulesen. Der Mut zur Rückkehr nach Deutschland, der Wille zu Kirchenerneuerung und Widerstand resultiert aus der alles entscheidenden Bekehrung zur Bergpredigt (und durch sie). 1933 bis 1935 war Bonhoeffer Pfarrer in London. Die akademische Karriere hatte er zuvor im Eiltempo grundgelegt: Promotion, Habilitation in frühen Jahren und mit ökumenisch überraschenden Themen ("Gemeinschaft der Heiligen"), bald und immer wieder wichtige Auslandsaufenthalte. In der Londoner Zeit intensiviert Bonhoeffer die Beschäftigung mit der Bibel.

Im Rückblick auf die Zeit davor schreibt er: Ich kam zum ersten Mal zur Bibel. Das ist auch wieder sehr schlimm zu sagen. Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel von der Kirche gesehen, darüber geredet und geschrieben - und ich war noch kein Christ geworden, sondern ganz wild und ungebändigt mein eigener Herr ... Ich hatte auch nie, oder doch sehr wenig gebetet. Ich war bei aller Verlassenheit ganz froh an mir selbst. Daraus hat mich die Bibel befreit und insbesondere die Bergpredigt.

Die konsequente Beachtung der Bibel bleibt für Bonhoeffer prägend - als Inspirationsquelle, Unruheherd, ständige Provokation. 1932 notiert er: Wir haben unsere eigenen Gedanken lieber als die Gedanken der Bibel. Wir nehmen die Bibel nicht mehr ernst, wir lesen sie nicht mehr gegen uns, sondern nur noch für uns ... Wir (müssen) die Bibel (ganz anders) lesen ...

Von hierher lässt sich Bonhoeffers theologische und spirituelle Leidenschaft mitvollziehen, nur von hierher die typisch christliche Spannung zwischen eigenem Glaubensweg und kirchlicher Verantwortung. Wie viele aus dem bildungsbürgerlich intellektuellen Milieu, dem auch Bonhoeffer seine Prägung verdankt, blieben "angebräunt" und gegenüber dem Faschismus kompromisslerisch.

Um so erstaunlicher ist die spirituelle und intellektuelle Widerstandskraft seines Denkens und Handelns - in der Heranbildung junger Pfarrer in den Predigerseminaren, in seinen weltweit ökumenischen Initiativen, in seiner Mitarbeit schließlich im politischen Widerstand, die ihn ins Gefängnis bringt und schließlich an den Galgen. Immer ist der mystisch-politische Doppelaspekt des Evangeliums deutlich. Spiritualität ist für Bonhoeffer nicht frommes Gefühl oder religiöse Erfahrung, sondern Nachfolge Christi - so der Titel einer seiner vielen geistlichen Texte, mit dem er theologisch auf das Führerprinzip der Nazis reagiert.

Spätestens in den epochalen Gefängnisbriefen bricht vollends das Bewusstsein durch, dass sich das Christentum in religionsloser Zeit von den Ursprüngen her radikal zu erneuern habe. Die konstantinischen Allianzen sind endgültig dahin, auch die bürgerliche Herkunftsgestalt des Christlichen ist ihm ohne Zukunft, neu taucht die Gottesfrage auf, das Geheimnis vor allem des mitleidenden Gottes. Die daraus resultierende Gottesleidenschaft nötigt zu neuen geistlichen Gemeinschaften und wird zur Kritik an der realen Kirche.

Katholisches an Bonhoeffer

Überfliegt man das Hochgebirge von Bonhoeffers Werkfragment - immerhin 16 dicke Bände -, so fallen in ökumenischer Hinsicht und in katholischer Lesart unter anderem folgende Gesichtspunkte auf:

Schon in jungen Jahren greift er in erstaunlicher Unbekümmertheit und zeitdiagnostisch treffsicher ein. Der 18-Jährige schreibt bei seinem Aufenthalt in Tripolis: Es wäre schon sehr interessant, länger den Islam auf seinem Boden zu studieren. Im Schicksalsjahr 1933 spricht er kritisch im Rundfunk zur Judenfrage und zum Führerprinzip. 1941 schreibt er dem amerikanischen Freund Paul Lehmann: Die Entwicklung, von der wir glauben, dass sie in naher Zukunft unausweichlich eintreten wird, bedeutet ... Weltherrschaft durch Amerika ... Auf jeden Fall wird die Macht der usa so überwältigend sein, dass es kaum ein anderes Land geben wird, das ein Gegengewicht darstellen könnte.

Bonhoeffer ist beispielhaft für eine Haltung theologischer Zeitgenossenschaft und gleichermaßen kreativer wie kritischer Solidarität angesichts der Herausforderungen im Hier und Jetzt. Weil Gott in den Tatsachen ist, muss der Glaube konkret ausgelegt werden, mystisch - und politisch zugleich. Nirgends zeigt sich diese geistliche Zeitgenossenschaft so deutlich, wie in Bonhoeffers Mitarbeit im Widerstand - offiziell als V-Mann der Abwehr geführt, wird er so etwas wie ein Seelsorger, ein Spiritual für viele, die unmittelbar und aktiv gegen das ns-Regime aufstehen. Sabine Dramms Buch "V-Mann Gottes und der Abwehr?" rekonstruiert genau die Bedeutung des entschiedenen Christen und theologischen Denkers für die Männer des Widerstandes, gerade auch im Umfeld der eigenen Familien. Auch Josef Ackermanns Biografie zeichnet den politischen Kontext nach, bis hin zur Wirkungsgeschichte nach dem Krieg und der juristisch schwierigen Bemühung um die Rehabilitation Bonhoeffers und die Bestrafung seiner Henker.

Gleichermaßen folgenreich ist Bonhoeffers wie selbstverständliche ökumenische Weite. Von Anfang an nimmt er teil am Aufbruch der ökumenischen Bewegung. Unbedingt will er zu Gandhi nach Indien. Seit seiner Romreise in jungen Jahren ist er, bei allem dezidiert protestantischen Selbstbewusstsein, fasziniert vom Symbolreichtum und der Weltläufigkeit des Katholischen. Noch aus dem Gefängnis heraus rät er seinem Freund und "Lordsiegelbewahrer" Eberhard Bethge, die vatikanischen Liturgien zu würdigen. Dass Kirche nur in ökumenischer Vielfalt glaubhaft existieren könne, wurde ihm immer wichtiger. Wo doch Christus der Mensch für andere ist, muss es entschieden auch seine Kirche sein.

Worauf Gott wartet

Aus dem Gefängnis schreibt er zur Taufe seines Neffen: Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen.

Kein Zufall ist es, dass alle drei Bücher jenen bewegenden Text von 1942/43 in den Mittelpunkt stellen, in dem Bonhoeffer sich nach zehn Jahren Rechenschaft gibt - und, an bestimmter Stelle in der Ich-Form schreibend, das Porträt seiner Hoffnung und seines Denkens zeichnet: Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein ... Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Der Autor, Ordinariatsrat für Kultur, Kirche,Wissenschaft im Bistum Limburg, hat zahlr. Bücher im Themenbereich Spiritualität verfasst.

Dietrich Bonhoeffer. 1906-1945 Biografie von Ferdinand Schlingensiepen

Verlag C.H. Beck, München 2005

432 Seiten, 46 Abb., geb., e 25,60

Dietrich Bonhoeffer - Freiheit hat offene Augen. Biografie von Josef Ackermann. Gütersloher Verlagshaus 2005, 304 S., 16 Bildtafeln, geb., e 23,60

V-Mann Gottes und der Abwehr? Dietrich Bonhoeffer und der Widerstand Von Sabine Dramm. Gütersloher Verlagshaus 2005, 303 S., Fotos, geb., e 23,60

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