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Gregorianik für die Charts

Die Heiligenkreuzer Mönche erhalten für ihr Album „Chants“ einen der „ECHO-Klassik“-Preise. Wie ein Musik-Weltkonzern und ein erfolgreiches Kloster zu einem Welthit zusammenfanden.

Eigentlich hat es schon 1994 begonnen. Im spanischen Benediktinerkloster De Silos hatte man in einem Nebenraum der Kirche mit einem simplen kleinen Mischpult die täglichen Gesänge der Mönche mitgeschnitten. Die in tontechnischer, musikalischer und wissenschaftlicher Hinsicht wenig überzeugenden Aufnahmen wurden ein weltweiter Verkaufserfolg. Nicht obwohl, sondern weil sie so waren, wie sie waren. Das ist nun 15 Jahre her und um die Hitparaden stürmenden Mönche im fernen Spanien ist es still geworden.

Doch gegen Ende des Jahres 2007 hatte Tom Lewis, Mitarbeiter von Universal-Music, die Idee, „the most beautiful sacred voices“ aufzuspüren und zu vermarkten. Auf der Homepage der Heiligenkreuzer Mönche liest sich die Geschichte wie eine Wundererzählung. Hunderte Chor- und Mönchsgemeinschaften aus der ganzen Welt hätten sich in den Wochen der Ausschreibung beworben, im Wienerwald habe man durch eine kurze Botschaft eines Freundes davon erfahren und einen Tag vor Ablauf der Frist, ohne jede Hoffnung auf Erfolg, ein E-Mail nach London gesandt. In aller Bescheidenheit konnte man darin musikalische Hörproben aus einer 2005 vom ORF produzierten Gregorianik-CD mitschicken sowie den Internet-Link für ein kurzes Video, das ein junger Mitbruder auf YouTube online gestellt hatte.

Auf Publikumerwartungen zugeschnitten

Was darin – absolut professionell aufbereitet – zu sehen ist, muss dem Musikverkäufer Lewis das Wasser im Mund zusammenlaufen haben lassen: ein wunderschönes mittelalterliches Kloster in herrlicher Landschaft, ein voller Konvent mit 80 Mönchen, dem auch zahlreiche junge Männer angehören, Kerzen, Weihrauch, Kreuzgänge, gotische Kirchenschiffe, dazu gregorianischer Choral. Urtümliche mönchische Idylle. Es muss augenblicklich klar gewesen sein, dass Heiligenkreuz den Plattenvertrag bekommt.

Dann begann die Vermarktungsmaschinerie des Weltkonzerns zu arbeiten. Den Gesetzen des Marktes entsprechend wurde das Produkt, die Gregorianik-CD „Chant – Music for Paradise“, auf die Erwartungen des Publikums zugeschnitten: Entspannen wollen sich die Leute, vielleicht gar meditieren, eine akustisch heile Welt erleben, gesanglich transportiert von keuschen Männern, die, fern der alltäglichen Widrigkeiten, an nichts als ihrem Seelenheil arbeiten.

Und das „Wunder von Silos“ wiederholte sich. Wieder standen singende Mönche an den Spitzen internationaler Musik-Charts. Die Zisterzienser aus dem Wienerwald gaben Dutzende Interviews, traten in Fernsehshows auf, erhielten serienweise Gold- und Platin-Schallplatten. Am 18. Oktober wird ihnen in der Semperoper Dresden einer der diesjährigen „ECHO-Klassik“-Preise überreicht – die Kategorie der Auszeichnung: „Bestseller des Jahres 2008“.

Eine zweite CD wurde aufgenommen, später dann, kurz vor Ostern 2009, eine „Super-Deluxe-Edition“ veröffentlicht. Soll einer sagen, das christliche Kirchenjahr habe seine Wirkkraft verloren, gerade zu den heiligen Zeiten klettern verlässlich die Umsatzzahlen.

Wie schon vor 15 Jahren in Spanien wird man auch im Wienerwald nicht müde zu versichern, wie letztlich bedeutungslos der ganze Rummel und Erfolg sei. Auf der Homepage des Stifts liest man: „Wir Mönche haben es wirklich nicht von uns aus angestrebt. Wir sind nicht gierig auf eine Bühne geklettert um uns selbst vor aller Welt darzustellen. Sondern im Hintergrund steht wirklich das Wirken Gottes, der offensichtlich wollte, dass wir mit unserer Musik für Seine Sache Werbung machen.“

Wenn hier von Musik gesprochen wird, so ist das zu hinterfragen. Gregorianischer Gesang ist zuerst und vor allem Gebet. Worte, mit denen so verfahren wird, wie es, seit es Menschen gibt, mit Worten verfahren wird, die man ob ihrer besonderen Bedeutung betonen will: Man singt sie. Gesang ist überhöhte Sprache. Auch in Heiligenkreuz legt man großen Wert darauf, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu deponieren, dass man auf diesen CDs nicht im eigentlichen Sinn musiziere, sondern bete.

Man habe bei den Aufnahmen darauf bestanden, nicht in ein Studio zu gehen, sondern wie üblich in der Stiftskirche „mit Blick auf Kreuz, Altar und Tabernakel“ zu singen. Es sind Sätze wie diese, die den missionarischen Eifer dieser Gemeinschaft erkennen lassen. Denn wer glaubt, dass sich für dieses „Chant“ Projekt eine Schar naiver Mönche von einem Musik-Giganten hat einwickeln und überrollen lassen, der unterschätzt die Fingerfertigkeit, mit der Abt Gregor Henckel-Donnersmarck und vor allem Hochschulrektor Pater Karl Wallner auf der Medienorgel zu spielen vermögen. Ihre Botschaft ist die von einer klar (vom Papst) geordneten römisch-katholischen Welt, und dass, wer betet, fröhlich und unbeschwert lebt und in den Himmel kommt.

So wird auch in der ans Stift angeschlossenen päpstlichen theologischen Hochschule eine, wie Abt Gregor das ausdrückt, „kniende“ Theologie gelehrt, – im Gegensatz zu welcher anderen Theologie, ist man versucht zu fragen. Unbestritten jedenfalls, dass diese Einstellung ganz offensichtlich geeignet ist, einen ansehnlichen Anteil der katholischen Konservativen für Heiligenkreuz einzunehmen oder gar an es zu binden.

Was ihren Gesang betrifft, ist die Choralschola von Heiligenkreuz nicht auf dem letzten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse der gregorianischen Semiologie, der akribischen und historisch-kritischen Auseinandersetzung mit der im ersten Jahrtausend erfolgten Niederschrift in Form von Neumen, die zu immer neuen Erkenntnissen führt, wie diese uralten Melodien zu singen sind. Gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass das den Mönchen von Heiligenkreuz einigermaßen gleichgültig ist.

Körperlos, ohne Eingehen auf den Text

Sie singen Tag für Tag so, wie man es sich, als vor über hundert Jahren die Beschäftigung mit der Gregorianik wieder auflebte, in der französischen Abtei von Saint Pierre de Solesmes zusammengereimt hat: Gleichsam ohne Erdenschwere, himmelwärts gewandt, körperlos, ohne akzentuierendes Eingehen auf den Text. Doch musikalisch-gesangliche Parameter greifen bei der Gregorianik letztlich zu kurz. Von zentraler Bedeutung für die meditative Wirkung der Gregorianik auf Singende und Zuhörer ist das Atmen, das gemeinsame Atmen.

Mag sein, dass Mönche, die Tag für Tag zusammen singen, selbstverständlicher als „normale“ Chöre in einen ruhigen Atemfluss kommen, der in jenen Zustand versetzt, von dem Abt Gregor schreibt: „Wenn die Mönche singen, dann weitet sich das Herz. Durch diesen Gesang soll sich in der Seele vieles abklären, soll das Leben einfach, rein, hell, stark und ruhig werden. Wo Chaos ist, soll Ordnung werden. Wo Leere, Fülle. Wo Traurigkeit, Heiterkeit. Der Gregorianische Choral ist so schön, weil er die Seele an das letzte große Ziel erinnert.“ Dem ist gewiss zuzustimmen. Ob die Rechnung der Zisterzienser von Heiligenkreuz aufgeht und ihr in aller Welt hunderttausendfach verbreiteter Gesang die Hörer dem Himmel näher bringt, ist zu wünschen. Sicher aber ist es nicht.

* Der Autor ist Religions- und Musikjournalist bei Ö1

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