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Größe und Elend des Menschen in der Hightechmedizin

AKH: Die menschliche Größe" - mit diesem Slogan wirbt die Universitätsklinik Wien. Betrachtet man nur die räumlichen Ausmaße dieses Spitals, das zu den größten Europas gehört, seine riesigen Bettentürme, die 2.200 Patienten aufnehmen können, wird die menschliche Größe in der modernen Hightechmedizin, ihr menschliches Maß und ihre Menschlichkeit zu einer ernsthaften Frage. Schon allein die Architektur des Wiener AKH lädt dazu ein, über Größe und Elend des Menschen nachzudenken.

"Im Mittelpunkt der Mensch" - das ist zumeist nur die Rhetorik von Sonntagsreden. Selbst wenn sie ehrlich gemeint sind, klingen sie für heutige Ohren merkwürdig antiquiert. Im Alltag ist allenfalls vom Patientengut, von Fällen oder Probanden die Rede. "Der Mensch" beziehungsweise "der Mensch als Person" kommt im Klinik- und Forschungsalltag kaum vor.

Welches Bild vom Menschen leitet die Heil- und Pflegeberufe in einem modernen Klinikum wie dem AKH? Die Frage nach dem Menschenbild der Medizin stellt sich auf doppelte Weise. Es geht nicht nur um das Bild vom Menschen als Objekt medizinischer Therapie und Forschung, das heißt um das heutige Bild vom Kranken und vom Gesunden, sondern auch um das Bild vom Menschen als Subjekt der Medizin, d.h. um das Selbstbild und Selbstverständnis des Arztes, der Ärztin, beziehungsweise des Forschers oder der Forscherin. Zu diskutieren ist nicht nur die Sicht des leidenden Menschen, sondern auch diejenige des tätigen Menschen. Thema einer medizinischen Anthropologie ist nicht nur das menschliche Leiden und die Begrenztheit der Lebensdauer, sondern auch der Sinn und die Grenzen ärztlichen Handelns, die Erfahrung der Ohnmacht und des Scheiterns.

Im rechten Umgang mit unseren Grenzen, in der Demut und in der Barmherzigkeit zeigt sich die wahre menschliche Größe der modernen Medizin.

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Systematische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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