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Große Karriere mit Lehre?

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Politiker und Sozialpartner vergießen Krokodilstränen über den dramatischen Mangel an Lehrlingsausbildungsplätzen.

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Politiker und Sozialpartner vergießen Krokodilstränen über den dramatischen Mangel an Lehrlingsausbildungsplätzen.

Sechstausend Lehrlinge stehen auf der Straße, lautete eine der Headlines einer österreichischen Tageszeitung. Und da Sozialpartner und Politik sich über geeignete Maßnahmen zur Eindämmung der Jugendarbeitslosigkeit nicht einigen können, kann das Beschäftigungsprogramm nicht termingerecht am 15. April nach Brüssel geschickt werden.

Dabei geht es Österreich - und auch Deutschland, wo die Misere (noch dazu in Wahlkampfzeiten!) ebenso politischen Sprengstoff darstellt - dank dem dualen Berufsausbildungssystem noch immer weitaus besser als zum Beispiel Frankreich. Kein Wunder, daß Lionel Jospin die Wahlen mit dem Versprechen, Hunderttausende von Arbeitsplätzen für Jugendliche zu schaffen, gewonnen hat. Da aber der Staat keine Arbeitsplätze in der Wirtschaft schaffen kann, muß man sie im öffentlichen Dienst irgendwie - oft auch sinnlos - beschäftigen. In Frankreich war Ausbildung immer Aufgabe des Staates, konzentriert auf die schulische Ausbildung. Die französische Wirtschaft war nie bereit, die beachtlichen Kosten einer dualen Ausbildung auf sich zu nehmen.

Österreich und Deutschland haben bis vor kurzem diese Probleme nicht gekannt. Im Gegenteil. Es gab nie genügend Bewerber um die freien Lehrstellen, es mußten regelrechte Werbeaktionen ("Karriere mit Lehre") gesetzt werden, um die 15jährigen dazu zu bringen, nicht in Scharen die höheren Schulen zu stürmen. Der Ehrgeiz der Eltern, selbst gutverdienender, hoch ausgebildeter Facharbeiter, war immer, den Kindern eine Schreibtischkarriere, unter Umständen gar den Traumberuf eines Beamten, zu ermöglichen. Dabei war und ist eine solide Berufsausbildung noch immer die beste Garantie gegen Arbeitslosigkeit. Dazu bietet sie noch die finanziellen Karrieremöglichkeiten inklusive der Chance, sich relativ leicht selbständig machen zu können.

1997 ist auf einmal alles anders. Der Arbeitsmarkt für jugendliche Berufsanfänger hat sich über Nacht geändert. Auf die Jugendlichen und ihre Eltern wirkt das wie ein Schock, darauf waren sie nicht vorbereitet. Jahrzehntelang wurde immer wieder beschworen, daß nur eine solide Facharbeiterausbildung die industrielle Zukunft sichern könne und daß die Weltgeltung der "deutschen Qualitätsarbeit" davon abhänge. Und auf einmal ist das alles nicht mehr gültig?

Dramatischer Rückgang der Ausbildungsplätze Die Zahl der Lehrstellensuchenden hat sich durch die schwächeren Geburtsjahrgänge vermindert. Was die Situation so dramatisiert und die Politik Kopf stehen läßt, ist der Rückgang des Angebots an Ausbildungsplätzen.

Der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl predigt weiterhin landauf, landab die zentrale Rolle der Bildungspolitik. Da Deutschland arm an Bodenschätzen sei, müsse in die Köpfe investiert werden. Unser eigentlicher Schatz seien die Menschen, verkündet er gerne. Nur bringt das noch keinen einzigen Job, nicht einmal eine Lehrstelle (Spiegel Nr. 26/97). Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers erklärt die Bildungsfrage zur neuen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts. Jeder, der kann und will, müsse eine Chance erhalten, verspricht er den Jugendlichen. Und zur Industrie heißt es: Der Rückzug im Ausbildungsbereich sei der höchste Grad an innovatorischer Inkompetenz. Auf Dauer würde der Verzicht auf den gutausgebildeten Facharbeiter den Niedergang des Standortes Deutschland bedeuten. Zur gleichen Zeit bemüht sich in Österreich Bundeskanzler Viktor Klima, Industrielle dazu zu überreden, einige Lehrstellen zusätzlich anzubieten.

Negativer Ausleseprozeß Die Anforderungen an den Facharbeiter der Zukunft sind enorm gestiegen; überall sind elektronisch gesteuerte Apparate im Einsatz, die bedient, gewartet und im Notfall auch repariert werden müssen. Komplizierte Bedienungsanweisungen müssen gelesen und verstanden werden, oft sogar in Englisch. Diesen enorm gestiegenen Anforderungen an einen Industriefacharbeiter steht ein sinkendes Intelligenzpotential der Lehrstellenbewerber gegenüber. Prestigedenken der Eltern und der Jugendlichen selbst, aber auch der Einfluß der Lehrer haben dazu geführt, daß jeder, dessen Intelligenzpotential den Durchschnitt erreicht, in eine weiterführende Schulbildung ausweicht. Systematische Beeinflussungen haben erreicht, die Lehre als Bildungssackgasse zu verunglimpfen. Die Bemühungen in Österreich, den ausgebildeten Lehrling über Aufbaulehrgänge zur Matura und zu einem Studium zu bringen, liegen richtig, werden aber nur sehr beschränkt wahrgenommen. Die Klagen der Wirtschaft, daß 15jährige nicht einmal über Grundkenntnisse in Deutsch oder Mathematik verfügen, sind bekannt. Die Berufsschule wird dazu degradiert, diese schulische Grundausbildung nachzuholen, sie wird immer mehr zum Reparaturbetrieb von schulischem Nichtwissen.

Lehre war immer Meisterlehre Die Masse der Lehrplätze haben immer die Handwerksmeister gestellt. Bei diesen - meist kleinen - Handwerksmeistern kann man nicht an langfristige Notwendigkeiten appellieren, für den Meister muß sich die Lehrlingsausbildung einfach rechnen. Solange ist es auch nicht her, daß die Eltern für die Lehre dem Meister bezahlen mußten. Aber auch nachher übernahm der Meister die Ausbildungskosten im ersten Lehrjahr nur, weil er damit rechnen konnte, den Lehrling im dritten Lehrjahr als (fast) vollwertige Kraft einsetzen und dem Kunden auch verrechnen zu können. Diese Rechnung geht heute nicht mehr auf. Systematisch haben Gewerkschaften die Lehrlingsentschädigungen und vor allem die Nebenleistungen derart hinaufgetrieben, daß sich der Lehrling nicht mehr rechnet.

Aber es geht nicht nur ums Geld. Einen Lehrvertrag aufzulösen ist schwieriger als eine Ehe, spöttelte ein Meister, der einen schüchternen 15jährigen aufnahm und sich nun mit einem renitenten 17jährigen auseinandersetzen muß. Warum ein Lehrling unkündbar sein muß wie ein Beamter, ist nicht recht einzusehen. Übliche Kündigungsfristen sollten doch genügen. Und im Verein mit den steigenden Kosten hat das eben viele Meister dazu gebracht, überhaupt keinen Lehrling mehr einzustellen.

Aber es geht nicht nur um diese Unauflöslichkeit, es geht um Hunderte anderer bürokratischer Hemmnisse, die einem Meister die Lehrlingsausbildung vermiesen. Diese Schutzbestimmungen legen fest, was alles ein Lehrling nicht tun darf, sodaß seine Einsatzmöglichkeiten, wenn sich der Betrieb daran hält, stark eingeschränkt werden. Und wenn er sich nicht daran hält, was - wie die Gewerkschaften lauthals beanstanden - laufend immer wieder geschieht, dann gibt es Strafen. Der Meister, der aber einmal zu einer Geldstrafe von 50.000 Schilling verurteilt wurde, wird sicher in seinem Leben keinen Lehrling mehr einstellen.

Wenn diese Schutzbestimmungen wenigstens sinnvoll wären! Warum soll der Kellnerlehrling in einem Saisonbetrieb nicht bis 23 Uhr beschäftigt werden, also dann, wenn er gebraucht wird, sondern nur bis 22 Uhr? Und dann geht er bis drei Uhr früh in die Disco.

Diese Schutzbestimmungen wären zu durchforsten: Zu fragen "Was ist unbedingt notwendig und was entbehrlich?", wäre mehr wert als alle anderen - jetzt zahlreich angebotenen - in die Milliarden gehenden Förderungsmaßnahmen. Mit der Alternative einer schulischen Ausbildung, wie sie jetzt propagiert wird, geht der einzigartige Vorteil einer Lehre verloren: ihre lebensnahe Verbindung von Praxis und Theorie. Dazu entspricht die schulische Ausbildung - als Übergangs- und Notlösung propagiert - sicher nicht den Wünschen der Jugendlichen, abgesehen davon, daß sie Milliarden kostet. Die Jugendlichen wollen nicht länger Schulbänke drücken, sie wollen praktisch arbeiten und Geld verdienen, sonst hätten sie nicht die Lehre gewählt.

Nicht alle sind als Lehrlinge geeignet Wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, daß ein Teil der Jugendlichen - zirka fünf bis zehn Prozent - selbst minimalen Anforderungen nicht gerecht wird. Solange die Kosten der Lehre tragbar waren, haben Meister diese mitgeschleppt und praktisch als Hilfsarbeiter eingesetzt, was sie nach der Auslehre sowieso geworden sind. Positiv ist, daß die Anregung, eine Art Anlehre zu schaffen - das heißt Lehrberufe mit herabgesetzten Anforderungen, mit verkürzter Lehrzeit, Berufsschulunterricht mit herabgesetzten Anforderungen und auch niedriger Entlohnung -, von den Sozialpartnern akzeptiert wurde. Praktisch läuft das auf einen kaschierten Hilfsarbeiter hinaus, aber immerhin besser, als überhaupt keine Beschäftigung.

Die Politiker heben immer wieder hervor, daß es geradezu ein moralischer Auftrag sei, den Jugendlichen den Weg ins Berufsleben zu ermöglichen. Aber Moral - oder was die Politik in selbstverschuldeter Not dafür hält - findet ihre Grenzen an der Kostenfrage. Wenn Staat und Tarifparteien in den vergangenen Jahren diese Kosten in die Höhe getrieben haben, sollten sie nicht allzusehr nunmehr die Moral strapazieren. Das ist eher Ausdruck der Ratlosigkeit der Politik. Es gäbe also Lösungen, die billiger sind oder gar nichts kosten, außer über den politischen Schatten zu springen. Überfordert das unser politisches System? Die Jugend darf nicht auf der Straße landen? Richtig, aber diese Forderung richtet sich an alle: Arbeitgeber, Gewerkschaften und Politik.

Der Autor ist Sozialversicherungsexperte und Verfasser des Buches "Pension in Not. Das österreichische Sozialsystem vor dem Zusammenbruch" (Signum-Verlag).

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