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Religion

"Grüß Gott!" und andere Aktionen

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"Bemüht euch um das Wohl der Stadt": Im Zuge des Klemens-Maria-Hofbauer-Gedenkjahres setzt die katholische Kirche in der Großstadt Wien eigene Impulse.

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"Bemüht euch um das Wohl der Stadt": Im Zuge des Klemens-Maria-Hofbauer-Gedenkjahres setzt die katholische Kirche in der Großstadt Wien eigene Impulse.

Jesus machte seine Jünger zu Menschenfischern, gemeinsam durchstreiften sie das Heilige Land. Paulus brach in die antike Welt auf, zu Griechen und Römern. Wer heute hier und jetzt das Evangelium verkünden will, muss die Menschen dort suchen, wo sie leben: im Dickicht der Städte. Um zu erfahren, wo im schnellen Pulsschlag der Zeit das Herz des Einzelnen schlägt , ist es notwendig, hinter Fassaden zu blicken, an Türen zu klopfen, in Anonymität und Hektik den Menschen aufzuspüren.

Das Vikariat Wien-Stadt sucht seit etwa eineinhalb Jahren im Ausschuss für Großstadtpastoral unter Leitung von Pfarrer Hugo Unterberger einen Weg, die Stadt nicht aus dem Blick zu verlieren. Seitdem laufen die Vorbereitungen zum "Großstadtsymposium", das im Herbst aus Anlass des 250. Geburtstages von Stadtpatron Klemens Maria Hofbauer stattfinden wird. Hofbauer war ein geschätzter Beichtvater, ein offener Geistlicher, der den Kontakt mit Künstlern und Intellektuellen suchte, Gesprächskreise veranstaltete, mit Jugendlichen und Studenten arbeitete und auf die Sorgen der Menschen horchte. Diese Wesensmerkmale seines Wirkens im Offensein für andere will das Vikariat Wien Stadt in zeitgemäßer Form fortsetzen. Vom 17. bis 21. Oktober wird es Veranstaltungen geben. Der Auftakt findet im Wiener Rathaus statt: "Bemüht euch um das Wohl der Stadt" (Jer 29,9), wird Kardinal Godfried Danneels von Brüssel zeitgemäß deuten. Bürgermeister Michael Häupl ist angefragt, Dora Stepanek spricht sicher: die Leiterin der Telefonseelsorge hat ihr Ohr wie kaum eine andere an den vielfältigen anonymen Sorgen und Nöten der Großstadtmenschen. Die vier Tage im Oktober sind nur der Höhepunkt: In den Frühlingsmonaten gibt es heuer Veranstaltungen zur Einsamkeit, zum Wert des Lebens, zur Begegnung mit dem Fremden.

NeueWege für Pastoral Die Suche nach der Befindlichkeit der Wiener hat schon im Vorjahr begonnen. "Wir wollen die Situation der Menschen in der Stadt erfassen, sie im Licht des Evangeliums deuten und neue Wege aufzeigen, ihnen heute das Evangelium zu bringen", sagt Vikariatssekretär Bernhard Linse. 175 Pfarren umfasst das Stadt-Vikariat, zu dem auch Klosterneuburg zählt. Fast 800.000 Katholiken sind hier gemeldet, zwischen 48.000 und 64.000 wurden bei den so genannten "Zählsonntagen" in den Gottesdiensten erfasst, erfahrungsgemäß dürften es mehr sein, die zwar nicht wöchentlich, aber doch zu bestimmten Anlässen die Messe besuchen. Ein großes Betätigungsfeld, das da auf engagierte Pfarrmitglieder zukommt, die wieder Menschen das Evangelium bringen wollen.

Mit "Grüß Gott"-Aktionen machte man einen beherzten Anfang, Linse war selbst in seiner Pfarre Breitenfeld an den Touren zu den Menschen beteiligt. Wie es sich für wohlerzogene Besucher gehört, meldete man sich an. Angeklopft wurde nur dort, wo es erwünscht war: "Wir haben die Leute per Postkarte eine Woche vorher verständigt, dass wir kommen wollen. Sie konnten dann anrufen, ob ihnen das recht ist. Schon bei den Telefonaten haben sich interessante Gespräche ergeben. Viele waren wirklich froh, etwas von der Pfarre zu hören, und jemanden zum Reden zu haben", erzählt Linse. Bevor man sich auf das Abenteuer einließ, gab es fünf Schulungsabende, um auf etwaige Reaktionen vorbereitet zu sein, das eigene Bild der Pfarre zu überprüfen und ähnliches.

Diejenigen, die zu den Großstadtmenschen aufbrachen, wurden durch Gebet in den Gottesdiensten spirituell begleitet. "Man sieht Vielfältigstes, womit man in seiner persönlichen Umgebung nicht konfrontiert wird. Einmal waren wir beispielsweise bei einer älteren Dame, die wohnte in ziemlich desolaten Umständen sehr isoliert. Ein Begleiter bot ihr an, den defekten Abfluss zu reparieren", erinnert sich Linse an ein markantes Erlebnis. "Nachbarschaftshilfe funktioniert oft nicht, die Einsamkeit ist ein großes Problem in der Stadt."

"Die wollen kein Geld!"

Daher findet im Vorfeld des Großstadtsymposium am 22. Mai eine Enquete zum Thema: "Alleinsein in der Großstadt" statt (siehe Hinweis). Inoffiziellen Austausch zwischen denjenigen, die bei den "Grüß Gott" Aktionen im Vorjahr in die Seelen der Wiener geblickt hatten, gab es schon früher: Im Juni 2000 trafen sich Mitglieder der Pfarren Breitenfeld, Gatterhölzl, Reindorf und St. Stephan, die Besuchstouren durchgeführt hatten. Der Gang in die privaten Großstadtwohnungen öffnete die Augen für die Defizite der Gesellschaft: Einsamkeit, Alleinsein, offene und verschämte Armut, psychische Krankheit, Sucht, Berührungsängste zwischen sozialen Schichten, Zukunftsängste, Krisensituationen wie Scheidung oder das Bedürfnis nach einem Zuhörer haben sich als wesentliche Problemfelder herauskristallisiert. "Es gibt immer mehr Ängste im Miteinander. Begegnungen mit einem anderen sind oft von Angst besetzt", stellte Linse als Tendenz fest.

"Den Menschen heute das Evangelium bringen", hat für ihn nichts mit Zwangsbekehrung zu tun. Worauf es ankommt, ist Respekt und ein menschlicher Umgang mit dem anderen. "Man muss in seiner eigenen Person zeigen, dass es Sinn macht, aus dem Glauben heraus zu leben." Allen Unkenrufen der säkularisierten Gesellschaft zum Trotz, ist das Bedürfnis nach Spiritualität stark vorhanden. "Die Kirche ist allerdings nicht der Ort, von dem die meisten Menschen glauben, dass man dort Spiritualität leben kann", bedauert Linse. Solche Erkenntnisse sind wichtig, um etwas zu verändern. "Wir müssen überlegen, wie wir besser auf die Leute zugehen können, ihnen den Schatz des Glaubens so vermitteln, dass sie ihn akzeptieren können."

Der erste Schritt dazu ist getan, einige "Grüß Gott"-Mitarbeiter waren positiv überrascht übers gute Image, das die Pfarre bei Fernstehenden hat. Daneben ist aber mehr als einmal passiert, dass ein Beuchter überrascht bemerkte: "Da kommen Leute von der Kirche - und wollen kein Geld?!"\r Alleinsein in der Grossstadt Gespräche, Diskussionen, Referate, Statements - unter anderem von: Markus Beranek/Pastoraltheologe, Helga Grünwald/Gemeinde Wien- Soziale Dienste, Michael Landau/ Caritas Wien, Michaela Wemi/ Hospizärztin, Leopold Rosenmayer/ Soziologe, Dorothea Stepanek/ Telefonseelsorge Termin: Dienstag, 22. Mai 2001, 9 bis 16 Uhr Ort: Don Bosco-Haus, 1130 Wien, St. Veitgasse 25 Infos und Anmeldung: Vikariat Wien-Stadt, 1010 Wien, Wollzeile 2, Tel. 01/51552-3438, Fax -3742, E-Mail: vik.wien-stadt@edw.or.at