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"Gute Behandlung als Geschenk"

Eine Tagung der Stiftung Pro Oriente an der Uni Wien beleuchtete den Status der Christen im Nahen Osten und der Muslime in Europa. Die Lage vieler christlicher Gemeinden wurde dabei als dramatisch eingeschätzt.

Eine Bestandsaufnahme des aktuellen rechtlichen Status religiöser Minderheiten - dieses Ziel verfolgte eine Pro Oriente Tagung mit christlichen und muslimischen Vertreten aus Europa und Nahost.

Metropolit Gregorios Ibrahim, syrisch-orthodoxer Erzbischof von Aleppo, war einer der acht Teilnehmer. Er betonte, dass die Christen in Syrien eine originäre Religionsgemeinschaft seien und ihren Glauben frei praktizieren könnten. "Wir sind die richtigen Menschen am richtigen Ort", so Ibrahim. Ähnlich beschrieb Valiulla Yakupov, Vizemufti in Tatarstan, die Lage der russischen Muslime. Der Islam als eine der vier traditionellen Religionsgemeinschaften Russlands habe sich seit der Perestroika frei entwickeln können. So sei etwa die Anzahl der Moscheen von vier auf über tausend gestiegen.

Auch Senaid Kobilica, Hauptimam der islamischen Gemeinde in Oslo, ist zufrieden: "Die norwegische Regierung hat echtes Interesse am Dialog, wir bekommen staatliche Förderungen und das Verhältnis zur Kirche ist exzellent." Von derartiger Anerkennung sind die meisten Christen im Nahen Osten weit entfernt. "Christliche Kopten in Ägypten müssen jede gute Behandlung als Geschenk ansehen", sagte der koptische Autor Adel Guindy. Der Unterschied zwischen der Lage von Muslimen in Europa und jener von Christen im Nahen Osten sei eklatant. Guindy sieht einen weltweiten Doppelstandard, der es den arabischen Ländern erlaube, sich fernab der Menschenrechte zu bewegen.

Die Chaldäer im Irak etwa seien kurz vor dem Aussterben, warnte Joseph Yacoub, Professor der katholischen Universität Lyon. "Es ist eine Schande für die arabischen Länder", so Yacoub, der sich für eine verfassungsrechtliche Anerkennung der Christen stark macht. Denn anders als die Muslime in Westeuropa sind die Christen im Nahen Osten als dort einheimische Religionsgemeinschaft verankert. Der Osloer Hauptimam Kobilica wollte zwar nicht von doppelten Standards sprechen, doch er teilte die Sorge: "Ich fühle mich nicht wohl dabei, Rechte für europäischen Muslime einzufordern, wenn ich gleichzeitig die Lage der Christen im Nahen Osten sehe." Cornelia Schuss

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