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Häftling, Staatsmann, Menschenfreund

1945 1960 1980 2000 2020

Der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski (1922-2015) kämpfte unermüdlich gegen die Verbrecher-Komplizen in Berlin und Moskau, sann aber nie auf Rache, sondern immer auf Versöhnung. Für die Juden war er ein "Gerechter unter den Völkern".

1945 1960 1980 2000 2020

Der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski (1922-2015) kämpfte unermüdlich gegen die Verbrecher-Komplizen in Berlin und Moskau, sann aber nie auf Rache, sondern immer auf Versöhnung. Für die Juden war er ein "Gerechter unter den Völkern".

Pullmanmütze an Brille und charakteristischer Nase vorbei tief ins Gesicht gezogen, langer wallender Mantel: Irgendwie trug Władysław Bartoszewski immer zwei Autoritäten gleichzeitig zur Schau - die eines unbeugsamen politischen Häftlings und die eines weisen Staatsmanns. In beiden Funktionen hat er viel Erfahrung gesammelt, ehe er sein Leben Gott zurückgab, der ihm immer Leitbild und Halt gewesen ist, seinen Zorn und seinen sanften Zynismus, seinen hintergründigen Humor und sein unbändig optimistisches Menschenbild umstrahlte. Zwischen 19. Februar 1922 und 24. April 2015 spannte sich das Leben eines streitbaren Menschenfreundes.

Als er in den 1960er-Jahren an der Tür unserer Linzer Wohnung läutete (ich war damals Volksblatt-Redakteur), trat er bescheiden ein. Im Gespräch faszinierte er durch Bildung, waches Interesse und kluges Fragen. Die Chefredakteure Richard Barta (Kathpress) und Kurt Skalnik (FURCHE) hatten die Reise organisiert. Schon damals wurde eine katholische Achse nach Polen gelegt, die später alle wichtigen Länder des europäischen Sowjetimperiums erreichte. Da hatte der polnische Intellektuelle schon sieben Monate KZ Auschwitz, sechs Jahre in kommunistischen Gefängnissen und viele Mühen des politischen Alltags hinter sich.

1981/82 sollten noch einmal vier kommunistische Haftmonate dazukommen. Davor hatte er den Verband katholischer Publizisten Österreichs noch um finanzielle Hilfe für den schon verhafteten Tadeusz Mazowiecki gebeten, der später Ministerpräsident wurde. Dankesworte auf einer Postkarte aus München vom 13. November 1983 liegen vor mir: "Das hat mir - einem alten Freund Ihres Wochenblattes - besonders große Freude gemacht. Ihr ergebener W. Bartoszewski."

Den historischen Hintergrund seiner widerständigen Aktivitäten legte er in einem von ihm zusammen mit Heinrich Schnuderl und Kurt Wimmer zum 70. Geburtstag

des von ihm besonders geschätzten Kleine-Zeitung-Chefredakteurs Fritz Csoklich publizierten Buch ("Die Freiheit beim Wort nehmen", 1999) dar: 123 Jahre lang gab es keinen polnischen Staat. Hitler und Stalin, "Komplizen in ihren Verbrechen gegen die Menschlichkeit", rissen sich diesen 1939 ein letztes Mal unter den Nagel.

Dagegen kämpfte Bartoszewski im polnischen Untergrund, rettete im christlichjüdischen Zegota-Komitee tausenden Juden das Leben, kämpfte 1944 im Warschauer Aufstand auf Seite der Juden und ab 1980 in der oppositionellen Gewerkschaftsbewegung Solidarno´s´c, arbeitete als Gast-Wissenschafter in Lublin, Berlin, München, Eichstätt und Augsburg, schrieb bewegende Bücher und publizierte in vielen Medien - in Österreich vor allem in der FURCHE.

Ein Freund Österreichs und der FURCHE

Eine Leserreise der FURCHE führte 1980 nach Krakau, wo uns Kardinal Macharski sehr freundlich empfing. Im Klub der katholischen Intelligenz, einer Laienorganisation, versicherten uns zwei junge Studenten, sie seien dabei, ihn als Klub der alten Männer etwas zu entrümpeln. Bartoszewski berichtete sehr offen über die Lage der Kirche.

Zu den Angelpunkten im Weltbild Bartozewskis gehörten die Rettung der polnischen Identität durch Kultur, vor allem die katholische Kirche, Demokratie und ein geeintes Europa -niemals aber Vergeltung, Rache. Er zerriss sich für die Aussöhnung zwischen Polen und Deutschland, bekämpfte Antisemitismus an allen Fronten, wurde in Deutschland wie in Israel mit Auszeichnungen überhäuft, und vergaß nie Zuspruch und Hilfe aus Österreich.

Beim 90. Deutschen Katholikentag in Berlin saßen wir am 25. Mai 1990 gemeinsam auf einem Dialogpodium und er flüsterte mir ins Ohr: "Ich soll Botschafter in Österreich werden, eine Ehre und ein Glück!" Als ihn Lech Wał esa 1995 in die Regierung berief, konnte die FURCHE mit Recht jubeln: "Unser Freund, der polnische Außenminister". Ein Wahlsieg der Ex-Kommunisten im selben Jahr beendete den ersten Ausflug ins Kabinett. 2000/01 war Bartoszewski nochmals Außenminister, wurde in der Folge Senator, zuletzt Staatssekretär, und hielt noch heuer am 19. April eine Rede zum 72. Jahrestag des Ghetto-Aufstands in Warschau.

Viele Sommerurlaube verbrachte er in St. Gilgen, wo er sich früher mit dem deutschen Bundeskanzler Kohl getroffen hatte und nun österreichischen Freunden Polen, Gott und die Welt nahebrachte. Seine hohe Stakkato-Stimme durchzitterte das halbe Café-Foyer des Hotels Billroth. Kaum waren die Gäste gegangen, saß er mit seiner Frau wieder still und leise in einer Ecke. Jetzt diskutiert er mit uns von Wolke sieben aus. Gott hat ihm noch nie das Wort entzogen.

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