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Literaturnobelpreis für Peter Handke

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Handkes Jahrgänge

1945 1960 1980 2000 2020

Er schrieb und schreibt Literaturgeschichte: Am 6. Dezember feiert Peter Handke seinen 70. Geburtstag.

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Er schrieb und schreibt Literaturgeschichte: Am 6. Dezember feiert Peter Handke seinen 70. Geburtstag.

Seit Peter Handkes nicht immer glückreich kommuniziertem Engagement gegen mediale Voreingenommenheiten und andere Ungeheuerlichkeiten rund um die sogenannten Jugoslawienkriege, wird sein Werk gerne als "heterogen" bezeichnet, was unliebsame Teile leichter isolierbar machen soll. Doch Handke ist seinem literarischen Projekt über die Jahrzehnte so konsequent verpflichtet geblieben wie kaum ein anderer Autor, auch wenn er sich zugleich beinahe mit jedem Buch neu erfunden hat. Er hat damit mittlerweile mehr als eine Lesergeneration geprägt und immer wieder eine Art Vorreiterrolle eingenommen. Das hat mit dem oft übersehenen Faktum zu tun, dass er äußerst sensibel auf gesellschaftliche Befindlichkeiten reagiert und Schräglagen der Entwicklung oft bereits wahrnimmt, bevor sie für alle sichtbar im Raum stehen.

Provokationen begleiten Handkes Weg jedenfalls seit seinem Auftritt beim Treffen der Gruppe 47 in Princeton im Jahr 1966 mit dem Vorwurf der "Beschreibungsimpotenz", der eine poetologische Kritik mit dem Generationenkonflikt verbindet, zumindest kam es bei den etablierten Autoren der Gruppe so an. Dass er mit seinem Einwurf eine "stillschweigende Gruppenregel" gebrochen habe, sei ihm nicht bewusst gewesen, versicherte Handke nach seiner Rückkehr. Vom autoritären Gebaren der im Faschismus nicht nur sozialisierten, sondern zum Teil auch tätigen Gruppenmitglieder hatte er nichts geahnt. Inhaltlich enthält Handkes "Richtigstellung" den Kernsatz seiner Poetologie: "Es wird nämlich verkannt, daß die Literatur mit der Sprache gemacht wird, und nicht mit den Dingen, die mit der Sprache beschrieben werden."

Seit Peter Handkes nicht immer glückreich kommuniziertem Engagement gegen mediale Voreingenommenheiten und andere Ungeheuerlichkeiten rund um die sogenannten Jugoslawienkriege, wird sein Werk gerne als "heterogen" bezeichnet, was unliebsame Teile leichter isolierbar machen soll. Doch Handke ist seinem literarischen Projekt über die Jahrzehnte so konsequent verpflichtet geblieben wie kaum ein anderer Autor, auch wenn er sich zugleich beinahe mit jedem Buch neu erfunden hat. Er hat damit mittlerweile mehr als eine Lesergeneration geprägt und immer wieder eine Art Vorreiterrolle eingenommen. Das hat mit dem oft übersehenen Faktum zu tun, dass er äußerst sensibel auf gesellschaftliche Befindlichkeiten reagiert und Schräglagen der Entwicklung oft bereits wahrnimmt, bevor sie für alle sichtbar im Raum stehen.

Provokationen begleiten Handkes Weg jedenfalls seit seinem Auftritt beim Treffen der Gruppe 47 in Princeton im Jahr 1966 mit dem Vorwurf der "Beschreibungsimpotenz", der eine poetologische Kritik mit dem Generationenkonflikt verbindet, zumindest kam es bei den etablierten Autoren der Gruppe so an. Dass er mit seinem Einwurf eine "stillschweigende Gruppenregel" gebrochen habe, sei ihm nicht bewusst gewesen, versicherte Handke nach seiner Rückkehr. Vom autoritären Gebaren der im Faschismus nicht nur sozialisierten, sondern zum Teil auch tätigen Gruppenmitglieder hatte er nichts geahnt. Inhaltlich enthält Handkes "Richtigstellung" den Kernsatz seiner Poetologie: "Es wird nämlich verkannt, daß die Literatur mit der Sprache gemacht wird, und nicht mit den Dingen, die mit der Sprache beschrieben werden."

Er hat mittler­weile mehr als eine Leser­generation geprägt und immer wieder eine Art Vor­reiterrolle eingenommen.

Schon seine frühen Theaterarbeiten greifen die in der Luft liegende Kritik an Sprache und Formen zwar auf, gehen aber einen Schritt über die bloße Zerschlagung von Modellen hinaus. "Publikumsbeschimpfung" radikalisiert das Spiel mit der konventionellen Rollenzuweisung im Theater: Die Rundumschläge gegen alle und alles, die hier dem Publikum entgegengeschleudert werden, sind eine finale Sprengung jeglicher Einfühlung. "Die Hornissen"(1966) und "Der Hausierer"(1967) stellen mit planvoll geweckten und planvoll nicht erfüllten Erwartungen die Technik literarischen Erzählens neu zur Disposition. Dekonstruktion der Romanform bei insistierend beibehaltener Genrebezeichnung praktizieren in der Folge Gert Jonkes "Geometrischer Heimatroman" (1969), Oswald Wieners "Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman" (1969) oder Andreas Okopenkos "Lexikonroman" (1970). Zugleich beginnt Handke bereits mit "Die Hornissen" seine Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit und der Zeitgeschichte, so wie überhaupt erstaunlich viele seiner Lebensthemen hier schon angedacht sind.

Formen und Modelle

Experimentelle Literatur sehe für den Moment "manchmal aus, als sei das endlich die Lösung ... und dann wird es sehr schnell eine Manier", sagte Handke im Rückblick und meinte dabei wohl auch seinen eigenen Start, wobei vielleicht schon der missverstanden wurde. Sein Aufbruch im Zeichen der popkulturellen Rebellion war mehr eine Koinzidenz, sein literarisches Projekt war und ist die Auseinandersetzung mit Formen und Modellen, die er auf seine spezifische Weise adaptiert und damit neu nutzbar macht. Auf diese Art ist Handke stets der Manier entgangen und war der erste, der vom radikal "dekonstruierenden" Experiment zurückfand zu anderen Möglichkeiten von Demontage oder Neudefinition literarischer Formen.

Schon Peter Handkes frühe Theaterarbeiten greifen die in der Luft liegende Kritik an Sprache und Formen auf.

Auch "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1970) ist noch ein Spiel mit dem Modell 'Roman', doch im Zentrum steht die kohärent erzählte Geschichte des Monteurs Josef Bloch, dem der Bezug zur Welt um ihn herum abhandengekommen ist, oder der Glaube, dass es in ihr vernünftig zugehe. Mit Bloch betritt eine Figur die literarische Szene, die viele Nachfolger findet: der sozial Entwurzelte, der versucht, mit minutiösen Wahrnehmungsprotokollen seiner Umwelt wieder habhaft zu werden. In "Der kurze Brief zum langen Abschied" (1972), eine der frühsten Auseinandersetzungen mit der Krise der Paarbeziehung, und auch eine der subtilsten, nimmt Handke das Modell 'Reiseroman' zur Erneuerung des klassischen Entwicklungsromans.

Neue soziale Perspektive

Am folgenreichsten wurde "Wunschloses Unglück" (1972) als Auftakt für ein neues Erzählen, und das Neue bezog sich vor allem auf die soziale Perspektive. Handke schildert das Leben seiner Mutter im Kontext ihrer Kärntner Keuschlerherkunft mit slowenischen Wurzeln und den Lebensverwicklungen durch die Zeitgeschichte. Daraus entsteht eine literarische Analyse der strukturellen Gewalt, die das Leben der Benachteiligten immer prägt und dabei so schwer namhaft zu machen ist. "Wunschloses Unglück" ist das Modell geworden für die vielen literarischen Verarbeitungen der politischen, ökonomischen und mentalen Implikationen des Heimatbegriffs. Exemplarisch, weil am gelungensten, stehen für diese sogenannte Anti-Heimatliteratur Franz Innerhofers "Schöne Tage" (1974) und Gernot Wolfgrubers "Herrenjahre" (1976). Während diese beiden Autoren aus der Rezeptionsfessel "Realismus alter Schule" bis heute nicht befreit wurden, hat Handke in einer seine Zeitgenossen oft verstörenden Art alle Zuordnungen stets abzuwehren verstanden.

Richtungsweisend wurden auch Handkes Journalbände - "Das Gewicht der Welt" (1977), "Die Geschichte des Bleistifts" (1982), "Phantasien der Wiederholung" (1983) -, die zahlreiche ähnliche Publikationen anregten, genauso wie dann seine literarische Versuchsreihe - über die Müdigkeit, die Jukebox und den geglückten Tag - von 1989 bis 1991. Für Handke selbst war die Technik des Werkstattberichts poetologisch ein zentraler Schritt auf der Suche nach einem literarischen Erzählen jenseits von Handlungszentrierung. Die Arbeit am "Merkheft", an dem er wie der Alte in "Die Abwesenheit" fortwährend weiterschreibt, um Wahrnehmungen unmittelbar sprachlich zu verarbeiten, wurde der Motor eines Neuorientierungsprozesses.

Suche nach anderem

"Langsame Heimkehr", darin ist sich die Forschung einig, markiert 1980 die radikale Wende in Handkes Werk. "So suchte ich Rat in der Geschichte der Formen, als Leser", schreibt Handke während der Niederschrift in sein Journal. Doch das tat er eigentlich von Anfang an, geändert haben sich nur Bezugsautoren und -texte. Als Handke zu schreiben begann, unterzog die neue Generation den Kanon gerade einer radikalen Revision. Wofür man sich damals nicht interessierte, war das bis dahin Inthronisierte. Allen voran Goethe, der Hausgott der vom Faschismus korrumpierten bürgerlichen Kultur, den Handke nun genauso für sich entdeckt wie die Literatur der Antike, auch in der Überzeugung, dass Kritik an den Zeitverhältnissen sich weiterentwickeln muss, will sie nicht erstarren und damit wirkungslos werden, weil mit dem Kulturbetrieb kompatibel und daher gut vermarktbar.

Am folgenreichsten wurde Peter Handkes ‚Wunschloses Unglück‘ (1972) als Auftakt für ein neues Erzählen.

Eigentlich begann Handkes Suche nach einem anderen Weltzugang 1975 mit "Die Stunde der wahren Empfindung." Das Programm aber, das sich Gregor Keuschnig nach seinem traumatisch erlebten Ausschluss aus der Gemeinschaft verordnet, wird Handkes Schreibprojekt der kommenden Jahrzehnte prägen. Es ist die Suche nach "anderen" Erlebnissen, auch nach Wir-Erlebnissen im öffentlichen Raum und dem verlorenen Gefühl aktiver Zeitgenossenschaft. Das ist auch die Strategie des Chronikprojekts in "Mein Jahr in der Niemandsbucht" (1994), wo der Erzähler als "guter Zuschauer" versucht, zumindest aus der Distanz am Leben der Menschen teilzuhaben. Sein Standort aber ist die Stadtrandlage mit Enklavencharakter, abgelegen und menschennah zugleich, wie Handke sie schon in "Nachmittag eines Schriftstellers" (1987) erkundete. Er hat als "Urban Pelegrin" die Peripherien der Städte in das kulturhistorische Bewusstsein eingebracht - auch den Stadtforschern eine Nasenlänge voraus.

Genauer Blick

1980/81 bei "Langsame Heimkehr" und "Über die Dörfer" machten sich noch viele lustig über die zeremonielle Geste, mit der Handke versucht, Dingen, Landschaften, Augenblicken, aber auch Menschen mit der Sorgfalt des genauen Blicks Würde zu erschreiben, fernab von den Mechanismen des Marktes wie der öffentlichen Aufmerksamkeitsökonomie und quer zur ganz anders gearteten Realität. Mittlerweile wissen viele, die sich damals von Handke abwandten, über den Umweg von fernöstlichen Lehren, Zimmerbrunnen, Duftkerzen und Premiumweinen die Bedeutsamkeit von Strukturierungen im Tages- wie Lebensrhythmus durchaus zu schätzen. So hat einige Zeit nach Handke der Geist des Lifestyles, über Konsumakte vermittelt, dafür gesorgt, Aura in Dinge und Alltagsverrichtungen wieder hineinzuzwingen. Im Rückblick, und das vermochte damals kaum einer so zu lesen, war Handke selbst mit seiner sogenannten Wende ein Trendsetter, denn als Korrektur zum dominanten Trend der Zeit enthält sie ein manifestes Potenzial des Widerständigen.

Spätestens seit "Don Juan (erzählt von ihm selbst)"(2004) - eine der raffiniertesten Neulektüren des Stoffes - sind auch die Ironie-Signale in Handkes Werk so deutlich geworden, dass sie nicht mehr zu überlesen sind. In "Die Morawische Nacht" (2008) erreicht das Spiel mit Autoranmaßung und Kulissenzauber eine neue, luftigere Dimension; das betrifft auch das hinterhältige Verwirrspiel mit Erzählstimmen und die komplexe Abmischung von Fiktion, Realitätspartikeln und Spuren aus Leben wie Werk, die Handke wahlweise in lichter Überhöhung oder deftiger Schräglage enden lässt.

Jedes Werk eine Summe

Es sei "die Summe seines bisherigen Werkes", schrieb ein Kritiker 1986 über Handkes literarische Hommage an seine "fluidale" Balkan-Heimat "Die Wiederholung"; bei Handke trifft dieser Satz auf fast jedes neue Buch zu, ganz bestimmt aber auf "Immer noch Sturm", das viele Motivstränge seines Werks gleichsam bei einer Sitzbank im Kärntner Jaunfeld vertäut. Ausgangspunkt des epischen Stücktextes ist die Geschichte der Familie seiner Mutter, aber wie stets schneidet Handke die Fakten mit Bedacht und poetischer Kraft schräg an, was nicht verhindert, dass konkrete Vorbildfiguren vorgeführt werden. Das ist vielleicht die Tragik, die sich durch die Rezeptionsgeschichte dieses Autors zieht: Die Bereitschaft, Handkes Werk als poetisches Paralleluniversum zu lesen, kommt an entscheidenden Punkten leicht abhanden.

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© Suhrkamp
Buch

Versuch über den Stillen Ort

Von Peter Handke

Suhrkamp 2012

108 S., geb., € 18,50

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© Suhrkamp
Buch

Der Briefwechsel

Von Peter Handke und Siegfried Unseld.

Hg. von Raimund Fellinger und Katharina Pektor.

Suhrkamp 2012.

700 S., geb., € 41,10