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"Heimat ist nicht nur ein Ort“

Amani Abuzahra kämpft gegen das Schubladendenken und engagiert sich für den Dialog: als Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft, als Philosophin - und als Mensch, der sich in mehreren Kulturen zu Hause fühlt.

"Das passt irgendwie zur Zeit um Weihnachten“, meint Amani Abuzahra lachend, als man sie auf ihre Kleidung anspricht. Sie trägt ein leuchtend rotes Kopftuch und ein dazupassendes Kleid. Ihre Lederstiefel sind aus der "Schuhwerkstatt Waldviertler“ aus Schrems. Die 29-jährige Philosophin aus Amstetten lässt sich nicht gerne in eine Schublade stecken. "Schubladen sind normal, aber man sollte auch gewillt sein, sie umzuräumen“, sagt die junge Frau. "Dieser Wille fehlt teilweise. Mein Auftreten und meine Sprache irritieren. Aber ich finde das gut: Es fordert zum Nachdenken auf.“

Seit 2011 ist Abuzahra Integrationssprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Zudem lehrt sie Philosophie und Interkulturelle Pädagogik am Privaten Studiengang für Islamische Religionslehrer an Pflichtschulen sowie an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule in Wien. Zudem schreibt sie gerade ihre Doktorarbeit über "hybride Identitäten“, also über das Phänomen, dass sich ein Mensch mehreren Kulturen zugehörig fühlt.

Sonderrolle als Muslima

Es ist jenes Gefühl, mit dem sie selbst seit jeher lebt. Wie ihre sechs Schwestern und ihr Bruder ist sie in Österreich geboren, die Eltern stammen aus Palästina. Viele vermuten, dass ein Elternteil aus Österreich sei, "denn du bist ja so österreichisch“, wie es heißt. Sie spricht druckreif sowie durchdacht, kann aber als ehemalige Internatsschülerin des Gymnasiums Schloss Traunsee genausogut in den Dialekt wechseln. Als Muslima hatte sie in Gmunden zwar eine Sonderrolle inne, doch die islamischen Gebote wurden - anders als zuvor in der Amstettner Volksschule - selbstverständlich berücksichtigt.

Der Islam ist ein wichtiger Teil ihrer eigenen Identität. Dass sie sich nach außen hin so klar deklariert, habe allerdings eher mit der Fülle von Anfragen zu tun - und dem Zwang, sich zu positionieren. "Ich sehe es als meine Verantwortung an, über den Islam zu sprechen - vor allem, wenn man sich ansieht, wer im derzeitigen Diskurs Wissen darüber produziert“, erklärt sie.

Obwohl der Islam hierzulande seit 1912 anerkannt ist, sei das nicht gleichbedeutend mit gesellschaftlicher Anerkennung, sagt Abuzahra, die ihr Kopftuch aus Überzeugung trägt. "Das merkt man vor allem, wenn muslimische Frauen sichtbar werden. Wenn eine Frau mit einem muslimischen Badeanzug schwimmen geht, hat sie zwar die rechtliche Absicherung, die ihr auch vom Bademeister bestätigt wird. Dass sich Badegäste empören oder sie sogar verbal attackieren, ist leider noch immer Realität. Hier stellt sich die Frage, was wir unter Diversität verstehen: Gibt es Grenzen von Vielfalt und lassen die sich an der muslimischen Frau festmachen?“ Wie wichtig es ist, den Dialog über solche und andere Fragen anzuregen, sieht sie auch im Gespräch mit den Studierenden: "Hier werden Vorurteile an der Wurzel gepackt und auf Augenhöhe reflektiert“, erklärt die Philosophin.

Was aber bedeutet für einen Menschen wie sie Heimat überhaupt? "Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle - und das ist Österreich“, sagt Abuzahra. "Aber ich habe natürlich auch starke palästinensische Wurzeln. Wir haben auch viele christliche Freunde in Ramallah, Moscheen und Kirchen stehen dort nebeneinander. Das schätze ich sehr und diese Normalität fehlt mir in Österreich.“ Für sie selbst war jedenfalls stets klar, Österreicherin zu sein. Dass das für andere nicht so offensichtlich war, fiel ihr erst später auf. "Dann kamen die Fragen:, Woher bist du denn?‘ Und wenn ich sagte, aus Amstetten‘ kam meist die Rückfrage, Ja, aber woher denn wirklich?‘ Oder:, Wo ist es schöner, hier oder in Palästina?‘ Doch für mich ist es völlig normal, dass ich auf den Christkindlmarkt gehe und das Fastenbrechen feiere.“

An vielen Orten zu Hause

Sie findet deshalb Integrations-Debatten oft überflüssig, da viele Menschen längst hier angekommen seien. "Man muss von diesem Bild weg, dass Heimat nur ein einziger Ort sei“, erklärt Abuzahra. "Warum soll ich mich rechtfertigen, dass ich an vielen Orten zu Hause bin? Für viele autochthone Österreicher ist es auch selbstverständlich, dass ein längerer Auslands-Aufenthalt prägend sein kann.“

Für ihr Engagement braucht sie umso mehr Kraft, die sie durch das Rezitieren aus dem Koran schöpft. Und abends hält sie ein einfaches Ritual ein: "Ich zünde Kerzen an, reflektiere mein Tun und halte inne. Das ist ein Anker im Tag, um ruhig zu werden.“ Und da sind noch ihre Waldviertler-Schuhe, die sie aus Überzeugung trägt: "Mir mich ist es wichtig, die Produktion hier zu unterstützen und zu wissen, woher die Schuhe kommen. Das bedeutet für mich soziale Verantwortung und Verbundenheit mit der Natur und mit Österreich.“

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