Krätzl - © Johannes Ehn / picturedesk.com

Helmut Krätzl: Bischof für die Konzilsbewegten

19451960198020002020

Weihbischof Helmut Krätzl, enger Wegbegleiter von Kardinal König und in der Dürrezeit der versuchten konservativen Kirchenwende ein Bollwerk der Hoffnung, feiert seinen 90. Geburtstag. Eine Würdigung.

19451960198020002020

Weihbischof Helmut Krätzl, enger Wegbegleiter von Kardinal König und in der Dürrezeit der versuchten konservativen Kirchenwende ein Bollwerk der Hoffnung, feiert seinen 90. Geburtstag. Eine Würdigung.

Werbung
Werbung
Werbung

Für viele Jahre war er in Österreichs Episkopat der „Bischof der Konzilsbewegten“, ein Bollwerk der Hoffnung in einer Ortskirchenleitung, in der ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre konservative Hardliner wie Kurt Krenn den Ton anzugeben suchten. Als Wortmächtiger und als Wissender widerstand Helmut Krätzl, auch wenn die Macht in Österreichs Kirche andere hatten. Nun feiert der „Konzilssohn“, als den sich Krätzl einmal im FURCHE-Interview bezeichnet hatte, seinen 90. Geburtstag.

Bei allen kritischen Tönen und unerschrockenem Benennen von Problemen prägt der in vielen Ohren unzeitgemäß klingende Charakterzug ‚Liebe zur Kirche‘ das Leben Helmut Krätzls.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

Im weltlichen Jargon hätte man von einem „Karriereknick“ gesprochen, der dem weithin für den logischen Nachfolger von Kardinal König gehaltenen Kirchenmann da anno 1986 widerfahren war. Denn nicht Weihbischof Helmut Krätzl, der die Erz­diö­zese Wien seit Kardinal Königs Rücktritt 1985 auch als Diözesanadministrator geleitet hatte, wurde Erzbischof von Wien, sondern der marienfromme Hans Herrmann Groër – kirchenpolitisch eine krasse Fehlentscheidung, nicht nur ob der ab 1995 bekannt gewordenen Missbrauchsvorwürfe, die die österreichische Kirche in ihre größte Krise seit 1945 stürzten.

Nach dem Karriereknick

Es gab natürlich Gründe, warum der Wiener Weihbischof vom damaligen amtskirchlichen Zeitgeist nicht für höchste Weihen vorgesehen war: Denn Rom wollte die – auch durch Denunziationen bei der Kurie diskreditierte – österreichische Kirche der Ära König wieder auf konservativen Vordermann bringen. Und dass Helmut Krätzl, der von seiner ausgleichenden Rolle auf der Wiener Diözesansynode 1971 angefangen bis zum klaren Eintreten für seelsorgliche Offenheit gegenüber geschiedenen Wiederverheirateten den Aufbruch des II. Vatikanums weitertreiben wollte, war evident. Aber eben genau nicht die Linie, die dann mit den Bischofsernennungen von Groër, Kurt Krenn, Klaus Küng, Georg Eder oder Andreas Laun zwischen 1986 und 1995 oktroyiert werden sollte.

Der kirchenpolitische Machtverlust machte aber alsbald einen anderen Helmut Krätzl sichtbar – und für die katholische Kirche besonders wertvoll: Seine verständliche und den Nöten der Menschen gegenüber, die sich von den erwähnten Hardlinern nicht ernst genommen fühlten, sensible Sprache machten ihn zu einem viel gelesenen Autor und Publizisten ebenso, wie zu einem viel gehörten Vortragenden und Prediger, der sich fortan auch Rom gegenüber klar positionierte.

Sein Buch „Im Sprung gehemmt. Was mir nach dem Konzil noch alles fehlt“ wurde 1998 ein kirchlicher Bestseller, weil Krätzl darin die Intentionen des II. Vatikanums kenntnisreich (er war ja als Stenograf beim II. Vatikanum selber dabei) und verständlich darlegte und deren ungenügende Umsetzung in Rom und den Leitungen der Ortskirchen klar benannte. Weitere Bücher in diesem Geist folgten, in denen er zu den vielen heißen Eisen der Kirchenreform Stellung nahm – Ökumene, römischer Zentralismus, Priestermangel, Empfängnisverhütung und wieder und wieder das Einmahnen einer Lösung für wiederverheiratete Geschiedene waren Themen, die er aufnahm. Trotz mancher Traurigkeit über die von ihm gesehenen Fehlentwicklungen in seiner Kirche blieb Krätzl loyal und ihr nimmermüder Anwalt. Buch­titel wie „Neue Freude an der Kirche“ (2001), „Eine Kirche, die Zukunft hat“ (2007), „Mein Leben für eine Kirche, die den Menschen dient“ (2011) zeigen, dass bei allen kritischen Tönen und unerschrockenem Benennen von Problemen der in vielen Ohren unzeitgemäß klingende Charakterzug „Liebe zur Kirche“ das Leben Krätzls prägt. Dass das kein Widerspruch zu Kirchen­kritik ist, hat dieser Bischof längst vorgelebt.

Kritisch-loyales Engagement

Wahrscheinlich hat das auch mit dem engen Verhältnis zu Kardinal König zu tun: Der junge Priester war bereits 1956, als König zum Erzbischof von Wien ernannt wurde, dessen Zeremoniär und bald auch sein Sekretär. Krätzl saß 1960 im Wagen des Kardinals, als dieser in Jugoslawien verunglückte – der Fahrer tot, König und Krätzl überlebten schwerstverletzt. Während der Konzilszeit studierte er Kirchenrecht in Rom, weswegen er bei den Beratungen des II. Vatikanums als Stenograf engagiert wurde. 1969 wurde Krätzl in Wien Ordinariatskanzler, acht Jahre später weihte ihn Kardinal König zum Weihbischof; in den letzten Amtsjahren Königs fungierte er als Generalvikar. Danach war er in Wien als Bischofsvikar für Erwachsenenbildung tätig, später – schon unter Kardinal Schönborn – wurde er für die Ökumene zuständig, in der Bischofskonferenz war Krätzl mehrere Jahre der österreichische „Schulbischof“. 2008 emeritierte er.

Dass Helmut Krätzl das Pontifikat von Franziskus, mit dem ihn in der Kirchensicht vieles verbindet, als Emeritus noch erleben darf, hat ihn in seinem kritisch-loyalen Engagement bestärkt. Krätzl registriert die Aufbrüche, die der gegenwärtige Papst anstößt und einmahnt, mit Genugtuung: Ihn, den „hundertprozentigen“ Kirchenmann, dem die Hierarchie und die Kirchenleitung einiges zugemutet haben, freut vieles, was da auf den Weg gebracht wird: „Papst Franziskus hat mir trotz meines vorgerückten Alters noch einmal neue Freude an der Kirche und am Wirken Gottes geschenkt.“ So schreibt Krätzl in seinem bislang letzten Buch „Meine Kirche im Licht der Päpste“, das er 2016 zu seinem 85er verfasst hat.

Auch die FURCHE hat mit Weihbischof Krätzl ihre Geschichte: Von 1988 bis 1996 schrieb Krätzl – als erster österreichischer Bischof in einem nichtkirchlichen Medium – Kolumnen. Während ein späterer Wiener Erzbischof allwöchentlich den Boulevard und eine Gratiszeitung als publizistische Möglichkeit wahrnimmt, war es Krätzls Anliegen, sich in den gesellschaftlichen und religiösen Diskurs in einer Qualitätszeitung einzumischen – die daraus erwachsene Freundschaft zwischen dieser Zeitung und dem Kirchenmann muss in derartigem Licht gar nicht besonders betont werden. Generell fungierte Krätzl gerade in den dürren Groër-Jahren ja als kirchlicher Mutmacher gegen die Resignation vieler, die sich in der Kirche engagiert hatten. 2005 kehrte Krätzl dann noch einmal kurz als Kolumnist einer Serie über das II. Vatikanum in die FURCHE zurück.

Am 23. Oktober begeht Helmut Krätzl den 90. Geburtstag. Seine Kirche feiert und dankt ihm an diesem Tag – mit Kardinal Christoph Schönborn an der Spitze – um 18 Uhr in einem Gottesdienst. Wo? Natürlich im Stephansdom.

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf mehr als 175.000 Artikel seit 1945 – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf mehr als 175.000 Artikel seit 1945 – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung