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Herzzentren werden finanziell ausgehungert

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Immer mehr Österreicher überleben nach einem Herzinfarkt - ein Erfolg der raschen und effizienten medizinischen Versorgung in Herzzentren. Doch diesen Erfolg sehen Kardiologen nun gefährdet.

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Immer mehr Österreicher überleben nach einem Herzinfarkt - ein Erfolg der raschen und effizienten medizinischen Versorgung in Herzzentren. Doch diesen Erfolg sehen Kardiologen nun gefährdet.

Jeder zweite Österreicher stirbt an den Folgen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der Todesursache Nummer eins in vielen westlichen Industrieländern. Jährlich werden 13.000 akute Infarkte registriert. Zehn bis 15 Prozent jener Patienten, die in ein Krankenhaus eingeliefert werden, überleben die ersten vier Wochen nach dem Anfall nicht.

Im internationalen Vergleich ist das dennoch eine gute Bilanz. In Österreich werden Patienten rasch versorgt und behandelt. Und das wirkt sich positiv aus, wie die Statistik belegt: Die Zahl jener Patienten, die nach einem Herzinfarkt überleben, konnte seit Beginn der neunziger Jahre erheblich gesteigert werden. Starben 1990 noch 23 Prozent, so sind es heute im Schnitt nur noch 19 Prozent.

Auffällig ist hier allerdings die Diskrepanz zwischen Männern und Frauen. Nur 15 Prozent der Männer sterben nach einem Herzinfarkt, bei den Frauen sind es deutlich mehr: 25 Prozent. "Frauen, die einen Infarkt erleiden, sind im Schnitt älter", erklärt Universitätsprofessor Heinz Weber, Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft, den Unterschied. "Es ist nicht so, daß Frauen bei der Behandlung diskriminiert werden, aber es ist beispielsweise ein Faktum, daß Frauen später ins Spital eingeliefert werden." Bei Frauen werde der Infarkt manchmal nicht oder erst zu spät erkannt, weil etwa die Schmerzsymptomatik eine andere als bei Männern sei, berichtet der Kardiologe.

Die gute Versorgung von Herzinfarktpatienten in Österreich könnte, warnten alle Vertreter der Kardiologischen Gesellschaft bei einer Pressekonferenz in Wien, nun auf Grund von Sparmaßnahmen gefährdet sein. Die Mediziner fürchten eine Qualitätsverschlechterung bei der Behandlung.

Qualitätssicherung Wie rasch und mit welchen Leistungen ein Patient nach einem Herzinfarkt versorgt wird, sei nicht nur für den Betroffenen entscheidend, sondern betreffe auch die Gesellschaft, betonen die Ärzte. Denn zehn Prozent aller Anträge auf Frühpensionierung gehen auf das Konto von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und das ist gerade derzeit ein heißes Thema. Die Behandlung dieser Patienten sei zwar kostenintensiv, jedoch für den Betroffenen besonders effizient in Bezug auf Lebenserwartung, Wiedereingliederung in das Berufsleben und Vermeidung von Frühpensionen.

Die Österreichische Kardiologische Gesellschaft will nun einen Beitrag zur aktuellen Diskussion liefern: "Wir sehen uns als moralische Instanz, daß wir jetzt und in Zukunft medizinische Versorgung mit hoher Qualität gewährleisten", erklärt Universitätsprofessor Kurt Huber von der II. Universitätsklinik für Innere Medizin in Wien.

Künftig soll es einheitliche Qualitätskriterien geben. Diese muß eine Abteilung erfüllen, um das Attribut "Interne Abteilung mit Kardiologie" führen zu dürfen. Präsident Weber: "Wir wollen hier österreichweit eine Harmonisierung der derzeit unübersichtlichen Struktur Interner Abteilungen erzielen." Nur so könne man Fehlinformation und falsche Erwartungshaltung seitens der Patienten und deren Angehörigen verhindern. Denn: "Nicht überall, wo Herz darauf steht, ist auch Herz drinnen", sagt Weber.

Die Kriterien: mindestens sechs Betten in der Kategorie "Herzüberwachungsstation"; die Ausstattung sollte sowohl geräte- als auch personalmäßig einer Intensivstation entsprechen. Weiters müßte die Abteilung ein Herzkatheterlabor betreiben, um die Bezeichnung "mit Kardiologie" tragen zu dürfen.

Zur Zeit stehen in Österreich - abgesehen von den entsprechenden Universitätskliniken in Wien, Innsbruck und Graz - knapp 100 speziell ausgestattete Herzüberwachungsstationen für Herzpatienten zur Verfügung. Die flächendeckende Versorgung sei damit gewährleistet, betont Weber.

Doch das könnte sich ändern, befürchten die Kardiologen. Die Herzzentren haben punkto Abgeltung der Leistung eine wesentlich schlechtere Stellung als vergleichbare Krankenhausstationen, klagt Primarius Bernhard Gaul vom Hanusch-Krankenhaus in Wien. Manche Tätigkeiten, die nur im kardiologischen Bereich anfallen, wären gar nicht im Leistungskatalog angeführt. "Kollegen aus der Steiermark klagen bereits, daß der Rotstift über Herzüberwachungsstationen herfällt", so Gaul.

Personal wird knapp Die meisten Patienten, die an den Herzüberwachungsstationen in Österreich aufgenommen werden, leiden an akutem Herzinfarkt, Angina pectoris, Herzrhythmusstörungen, Lungenembolien, schwerem Atemversagen und krisenhaften Anstieg des Blutdrucks. Gaul: "Alle diese Krankheitsbilder umfassen zumeist Situationen, bei denen die Patienten bei Bewußtsein und nicht beatmungspflichtig sind. Nach den für die Bewertung der Leistung herangezogenen Scores (ein Punktesystem, mit dem einzelne Abteilungen ihre Arbeit dokumentieren müssen und das für die Honorierung herangezogen wird, Anm. d. R.) sind das alles keine intensiveinheitspflichtigen Patienten." Und das bedeutet weniger Geld.

Viele Herzüberwachungseinheiten würden dadurch finanziell ausgehungert werden. Die Folgen: die Therapie werde immer restriktiver, das Personal immer weniger. "Wir müssen hier im Sinne unserer Patienten sehr aufpassen, nicht unter die Räder eines Ökonomiedrucks auf Kosten der Qualität zu kommen", appelliert Weber an die Verantwortlichen im Gesundheitswesen.

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