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"Hier gibt es fast eine Nachkriegssituation"

1945 1960 1980 2000 2020

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam es in deren asiatischen Teilrepubliken meist zu einem umfassenden Niedergang. Im folgenden Gespräch beleuchtet der Apostolische Administrator von Westkasachstan die Probleme des Aufbaus der katholischen Kirche in diesem wirtschaftlich und moralisch am Boden liegenden Land.

1945 1960 1980 2000 2020

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam es in deren asiatischen Teilrepubliken meist zu einem umfassenden Niedergang. Im folgenden Gespräch beleuchtet der Apostolische Administrator von Westkasachstan die Probleme des Aufbaus der katholischen Kirche in diesem wirtschaftlich und moralisch am Boden liegenden Land.

die furche: Pater Janusz, der Papst hat Ihnen als jungem polnischen Priester die Verantwortung für West-Kasachstan übertragen. Wie kam es dazu?

Janusz Kaleta: Schon vor zwei Jahren ist ein katholischer Priester nach Kirgisistan gegangen, um dort an der Universität zu lehren. Mein Bischof in Tarnow hat mich vor Ostern vergangenen Jahres gefragt, ob ich bereit wäre, etwas Ähnliches in Kasachstan zu machen. Erst im Sommer war dann die Rede von einer Apostolischen Administratur. Für mich ist es eine große Herausforderung, eine fremde Sprache, das Russische, zu wiederholen, und nach Atyrau am Kaspischen Meer zu gehen, wo es derzeit keine richtige Pfarrei gibt und nie ein katholischer Priester gearbeitet hat. Aber es leben dort relativ viele Menschen mit katholischen Wurzeln.

die furche: Wie katholisch ist Ihr neues Seelsorgsgebiet?

Kaleta: Im ganzen westlichen Kasachstan gibt es nur eine einzige katholische Gemeinde, in Aktjubinsk, 600 Kilometer von Atyrau entfernt. Bei ihrer Gründung vor 20 Jahren war es eine rein deutsche Gemeinschaft. Jetzt sind fast alle deutschsprachigen Katholiken nach Deutschland gegangen. In der Kirche spricht man jetzt russisch. Vor zwei, drei Jahren haben die Seelsorger gesagt, diese Pfarrei stirbt aus. Jetzt gibt es einen neuen Aufbau. Die Pfarrei wächst. Die Gemeinde will deshalb mitten in der Stadt ein Pfarrzentrum bauen.

die furche: Wer kommt jetzt, nachdem die meisten Deutschen weg sind?

Kaleta: Es gibt viele gemischtnationale Familien, in denen etwa der Vater Deutscher ist und die Mutter aus Polen kommt. Die katholische Gemeinde setzt sich aus vielen Nationalitäten zusammen. Zur Zeit sind es nicht so viele ethnische Kasachen ...

die furche: Wollen die Deutschen, die noch in Kasachstan sind, dort bleiben?

Kaleta: Fast alle Deutschstämmigen träumen vom neuen Leben in Deutschland. Aber bei den gemischtnationalen Familien ist es oft nicht mehr möglich. Die deutschen Ehepartner sprechen nur russisch. Sie sind nicht gut ausgebildet, denn die deutsch- oder polnischstämmige Bevölkerung war viele Jahre benachteiligt.

die furche: Man macht sich hier kaum eine Vorstellung, wie die Menschen in Kasachstan leben.

Kaleta: Jemand hat gesagt: Kommunismus, das ist Zerstören ohne Krieg. Und wirklich: Nach dem Ende des Kommunismus haben wir fast eine Nachkriegssituation. Was vor ein paar Jahren noch irgendwie funktionierte, funktioniert jetzt nicht mehr. Die Wirtschaft, die zum Beispiel in Karaganda für 700.000 Menschen Arbeit hatte, liegt darnieder. Jetzt hat Karaganda noch etwas mehr als 400.000 Einwohner. Andererseits ist Kasachstan ein reiches Land. So viel Erdöl, wie in Westkasachstan findet man nur noch in Kuwait oder Saudi-Arabien. Fragt sich nur, wie man das für die einfachen Leute nutzbar machen kann. Das wird noch lange dauern.

die furche: Wie geht es den Familien? Wie schlimm ist der Alkoholismus, von dem man immer wieder hört?

Kaleta: Es ist wie in Russland. Es geht nicht nur um die Abhängigkeit vom Alkohol. Es geht auch darum, dass, wer jeden Tag trinkt, 90 Prozent seines Einkommens ausgibt eine totale Katastrophe für die ganze Familie ist. Die Not der Familien hat viele Gesichter. Noch vor ein paar Jahren sind die meisten jungen Männer zur Armee gegangen, haben zum Beispiel in Afghanistan gekämpft. Diese drei Jahre haben die Männer geprägt. Man hat viel über die Krise amerikanischer Soldaten nach dem Vietnamkrieg gesagt. Noch viel mehr kann man das von den sowjetischen Soldaten sagen. Das ist auch ein Grund für die Krise in den Familien. Vollständige Familien gibt es nicht viele.

die furche: Können Sie einen Aufbruch feststellen, ein Engagement der Menschen für eine Verbesserung der Lage?

Kaleta: In Kasachstan ist diese Wende von oben gekommen. Vielen, die früher in der Kommunistischen Partei waren, geht es heute materiell viel schlechter. Sie sind nicht überzeugt, dass es sinnvoll war, sich von Russland zu trennen. Jetzt gibt es nur wenige, die darauf vorbereitet sind, etwas zu ändern. Die guten Zeiten für ehemalige Parteibeamte sind vorbei. Jetzt geht es nur ums Geldverdienen, um besser leben zu können.

die furche: Wie muss man sich eine Apostolische Administratur in Westkasachstan vorstellen? Gibt es eine Verwaltung, die alles für Sie vorbereitet und Ihnen hilft, Ihr Amt auszuüben?

Kaleta: Wir haben eine Wohnung in einem fünfstöckigen Haus. Das Büro ist in meinem Schlafzimmer. Ich habe ein gutes Notebook und gute Kontakte per E-Mail mit der ganzen Welt. In einem anderen Zimmer ist unsere Kapelle. Das ist auch ein Unterrichtsraum (wir helfen einigen Menschen, deutsch zu lernen). In dieser Wohnung wohne ich mit meinem Mitarbeiter, P. Waldemar Patulski. Jetzt brauchen wir schnell eine Kirche mit Pfarrzentrum. Atyrau wächst im Gegensatz zu vielen anderen kasachischen Städten ziemlich schnell.

die furche: Wer finanziert die katholische Kirche in Atyrau?

Kaleta: Vor einem Jahr, nach meiner Ernennung zum Apostolischen Administrator, habe ich jemandem dieselbe Frage gestellt und zur Antwort bekommen: "Du bist Apostolischer Administrator in Kasachstan geworden, damit hast Du jetzt auch eine Lizenz zum Betteln." Die meiste Unterstützung bekommen wir in Kasachstan von "Kirche in Not" und "Renovabis". Unsere seelsorgliche Arbeit wird eigentlich durch diese Hilfe überhaupt erst möglich.

die furche: Die meisten ethnischen Kasachen rechnen sich zum Islam. Außerdem gibt es die russisch-orthodoxe Kirche. Wie kommen Sie mit beiden zurecht?

Kaleta: Relativ gut. In Atyrau bin ich schon kurz nach meiner Ankunft zum Priester der orthodoxen Pfarrei gegangen. Persönlich verstehen wir uns gut. Andererseits muss man auch die offizielle Linie der orthodoxen Kirche sehen. Ich habe zum Beispiel den russisch-orthodoxen Erzbischof in Uralsk angerufen, um mich vorzustellen. Ich sage: "Die katholische Kirche hat in Atyrau eine Apostolische Administratur gegründet" und er antwortet: "Ja, leider Gottes weiß ich das." In Kasachstan ist es manchmal leichter, mit den Muslimen als mit den Orthodoxen zu sprechen. Als ich in der Kirche von Aktjubinsk in mein Amt eingeführt wurde, ist der muslimische Mullah da gewesen, aber niemand von der orthodoxen Kirche. Sie sind einige Tage später dann zum katholischen Pfarrer gekommen, aber sie konnten nicht mit uns zusammen im Gottesdienst beten. Das ist zur Zeit verboten.

die furche: Kasachstan wird von Muslimen regiert. Bringt das Probleme?

Kaleta: Die Regierung Kasachstans will nach eigenem Bekunden freie Religionsausübung gewährleisten. Die Bevölkerung ist nicht streng religiös. Vom Fastenmonat Ramadan etwa ist kaum etwas zu bemerken. Andererseits sieht man, wie schnell neue Moscheen gebaut werden. Manchmal werden sogar "Spenden" von westlichen Firmen erzwungen. Es ist in der islamischen Gemeinschaft etwas in Bewegung. Man kann auch Angst haben vor den Fundamentalisten. Man wird sehen, wohin die Entwicklung führt.

die furche: Vor zwei Jahren hat der Vatikan mit Kasachstan einen Vertrag geschlossen. Er räumt der Kirche große Freiheiten ein. Können Sie sich frei entfalten?

Kaleta: Dieser Vertrag ist ein Erfolg. Man könnte sich eine solche Vereinbarung etwa für Turkmenistan, Tadschikistan, Usbekistan oder Kirgisistan wünschen. Dort ist die Arbeit für die Kirche viel schwieriger. Hier haben wir viele Möglichkeiten, aber es hängt sehr von den örtlichen Behörden ab. Wir haben Freiheit, aber in den Ämtern sind viele, die ihre ablehnende Haltung der Kirche gegenüber aus der Sowjetzeit bewahrt haben. Sie schauen sehr genau, ob wir den Gesetzen entsprechend arbeiten. Viele bezeichnen ihren Staat immer noch als "Sozialistische Sowjetrepublik". Es ändert sich etwas, aber nicht so schnell. Im Großen und Ganzen bin ich aber doch optimistisch. Immer mehr Menschen interessieren sich für das Christentum und die katholische Kirche. Es ist nicht notwendig, dass man sofort viele Katholiken tauft. Es ist aber sehr wichtig, dass die Menschen einen Priester ansprechen können, dass Sie die Kirche einmal von einer anderen Seite sehen. Vor ein paar Jahren, im Kommunismus, hat man noch gesagt: Religion ist Opium für das Volk. Wenn man persönlichen Beziehungen bauen kann, vermittelt das eine andere Sicht der Kirche und die Beziehungen, die ich in den letzten Monaten schon knüpfen konnte, geben mir sehr viel Freude an meinem Amt.

Das Gespräch führte Michael Ragg.

Zur Person Ein 36-Jähriger als Apostolischer Administrator Janusz Kaleta ist 1964 geboren und wurde 1989 zum Priester der polnischen Diözese Tarnow geweiht. Vier Jahre wirkte er als Kaplan und Religionslehrer in einer Pfarre nahe Krakau. In dieser Zeit studierte er am Institut für Bioethik der Theologischen Akademie in Krakau und weitere vier Jahre an der Theologischen Fakultät in Innsbruck. 1997 promovierte Kaleta als Moraltheologe bei Professor Hans Rotter in Innsbruck. Als Assistent an der Theologischen Akademie in Krakau lehrte er Bioethik. Papst Johannes Paul II. errichtete am 7. Juli 1999 die Apostolische Administratur für das westliche Kasachstan mit Sitz in Atyrau und ernannte Janusz Kaleta zu deren ersten Apostolischen Administrator.

Nach Regierungsangaben gehören 80 Prozent der ethnischen Kasachen, die etwa die Hälfte der Einwohner Kasachstans stellen, dem sunnitischen Islam an. Präsident Nasarbajew will ein Erstarken fundamentalistischer Bestrebungen verhindern und verhält sich wohlwollend gegenüber der Katholischen Kirche, zu der etwa 300.000 der 15 Millionen Einwohner Kasachstans gehören. Das Gespräch fand bei "Kirche in Not-Ostpriesterhilfe" statt.

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