Hölle oder doch ein HAPPYEND?

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Slowakische Affären: Papst Franziskus hat den 2012 ohne Angabe von Gründen abgesetzten Erzbischof von Trnava, Róbert Bezák, empfangen.

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Slowakische Affären: Papst Franziskus hat den 2012 ohne Angabe von Gründen abgesetzten Erzbischof von Trnava, Róbert Bezák, empfangen.

Drei Jahre war der Bezák krank, jetzt lacht er wieder, Gott sei Dank : Man ist versucht Wilhelm Busch zu paraphrasieren, betrachtet man die Fotos vom Empfang des 55-jährigen Alterzbischofs durch den Papst. Zwei Tage vor dem denkwürdigen 10. April berichtete die Reporterin, die ihn beim Abflug in Wien-Schwechat antraf, noch von einem sorgenerfüllten Mann. Und jetzt hat der Papst selber darauf bestanden, mit ihm und seinem Begleiter Kardinal Vlk abgebildet zu werden!

Es war der Prager Alterzbischof gewesen, der den arbeitslosen Kirchenfürsten zum Trip nach Rom überredet hatte, nachdem ihm der Papst zum 25. Jahrestag seiner Bischofsweihe eine Audienz gewährt hatte. Miloslav Vlk hat danach in ausführlichen Interviews dargelegt, wie er schrittweise begonnen habe, sich mit dem Fall zu beschäftigen. Vor ihm hatte schon sein Nachfolger, Kardinal Dominik Duka, mit der Aussage Aufmerksamkeit erregt, es stehe jedenfalls fest, dass sich Róbert Bezák keine moralische Verfehlung habe zuschulden kommen lassen.

Umwege zum Papst

Vor allem das Studium von Bezáks Korrespondenz habe in ihm die Überzeugung wachsen lassen, dass bei der Abberufung das Kanonische Recht, aber auch die brüderliche Liebe zu kurz gekommen sei, so Vlk. Von da an habe er sich bemüht, Papst Franziskus für ein Gespräch mit dem von Benedikt XVI. abberufenen Erzbischof zu gewinnen. Unverblümt schilderte der Kardinal, wie "der Heilige Vater die Machtstruktur im Vatikan umgangen" habe, um Bezák empfangen zu können.

Um eine Begegnung mit Franziskus hatte sich auch Bezák selbst bemüht. In die Medien gelangt war nur sein Geniestreich, nach einer Generalaudienz den Papst direkt anzusprechen, welches Recht allen anwesenden Bischöfen automatisch zusteht. Damals, am 25. Juni 2014, übergab Bezák dem Papst einen Brief, in dem er sein Anliegen darlegte, und Franziskus versprach, sich der Sache persönlich anzunehmen. In einem ebenfalls langen Interview legte Bezák nach der Audienz mehrere Anlaufversuche seinerseits dar.

Besonders aufschlussreich sind die von ihm geschilderten Vorsprachen bei Kardinal Marc Ouellet. Die zweite fand am 3. Juli 2014 auf Anweisung des Papstes statt, quasi als Vorbedingung für eine Audienz. Der Präfekt der Bischofskongregation, der hinter den elf teils hochnotpeinlichen Fragen stand, die Bezák vor seiner Abberufung gestellt worden waren, habe ihn gefragt, warum er sich denn um eine Audienz bemühe, wo er doch seine Demission eingereicht habe. Als er Ouellet entgegnet habe, er sei nicht zurückgetreten, sondern abgesetzt worden, habe dieser abrupt das Thema gewechselt. Und als Ouellet davon zu sprechen begann, dass die Gründe für seine Abberufung in den elf Fragen enthalten gewesen seien und dass zwar kein einziger dieser Gründe für sich stark genug gewesen sei, alle zusammen aber schon, habe er ihm erwidert, dass "elf Halbwahrheiten und Verleumdungen keine ganze Wahrheit ergeben", so Róbert Bezák.

Das Schweigen der Hirten

Genau dieser unbekümmerte Umgang mit den Medien war es, der die Bischofskollegen zwischen Donau und Tatra von Anfang an irritierte. Die slowakische Bischofskonferenz hat die Papstaudienz bis heute nicht explizit gemeldet. Bischofssprecher Martin Kramara ließ nur verlauten, man freue sich "sehr, dass sich der Heilige Vater mit Monsignore Bezák getroffen hat" und respektiere und schätze "selbstverständlich alle Schritte und Entscheidungen des Heiligen Vaters". Erst zwölf Tage nach der Audienz veröffentlichte das Pressebüro ein in webnoviny.sk erschienenes Interview, in dem Erzbischof Stanislav Zvolensk´y zu den Ereignissen Stellung nahm.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz erklärte, so wie man es nicht für angebracht gehalten habe, die Abberufung eines ihrer Mitglieder in Frage zu stellen, akzeptiere man auch jetzt ohne Widerrede alles, was der Papst anordne. Selbst wenn dieser Bezák als Erzbischof von Bratislava einsetzen sollte, sei dies das Recht der "Autorität, die mich übersteigt". Freilich fragte Zvolensky zurück, ob dies "das rechte Happyend" wäre, wenn er alle Schuld auf sich nähme, denn dies würde nicht der Wahrheit entsprechen. Ja, es stimme, dass ihm Kardinal Vlk vor aller Welt eine "geschmiert" habe. Wenn dies aber der Preis dafür wäre, dass sich "vor uns die Chance eröffnet, sich auf einen Weg zu machen, der Róbert Bezák und unseren Gläubigen zum Wohl gereicht", dann werde er das "gern auf sich nehmen".

Dass der 56-jährige, in den drei Jahren seit Ausbruch der Kirchenkrise sichtlich gealterte Erzbischof Zvolensk´y, aber auch der 82-jährige, seine Rolle als Ombudsmann sichtlich genießende Kardinal Vlk darin übereinstimmen, dass man jetzt von Schuldzuweisungen Abstand nehmen solle, ruft auch Kritiker auf den Plan, wenngleich nicht alle wie ein Kommentator eine Höllenfahrt der ganzen Bischofskonferenz befürchten. Denn offensichtlich solle alles unter den Teppich gekehrt werden, indem man Róbert Bezák zwar rehabilitiere, aber sicherheitshalber auf einen Posten in Rom oder der weiten Welt abschiebe. Das sei wohl auch im Sinne von Bezáks Nachfolger in Trnava, Ján Orosch, und seinem Vorgänger Ján Sokol.

Vor der Feuerprobe

Dass Róbert Bezák letztlich entfernt wurde, weil er Sokols Finanzgebarung untersuchen ließ, ist heute ein Gemeinplatz. Merkwürdigerweise fragt niemand, warum die Untersuchungen bis heute nicht abgeschlossen wurden. Geradezu demonstrativ tritt Ján Orosch immer wieder zusammen mit seinem Vorvorgänger auf, während er die Parteigänger Róbert Bezáks nach seinem Amtsantritt degradiert hat. Eine Woche nach der Papstaudienz zeigte sich Ján Sokol sogar an der Seite von Jozef Tomko, dem 91-jährigen emeritierten Kurienkardinal, der Róbert Bezák zum Bischof geweiht hatte.

Als wäre rund um ihn die Welt in Ordnung, hat sich Ján Orosch zuletzt in eine andere Schlacht geworfen und versucht die Benediktinerkommunität von Komorn (Komárom/Komárno) des Landes zu verweisen. Die dort wirkenden Ordensleute gehören der Ungarischen Benediktinerkongregation von Pannonhalma an, die auf der slowakischen Seite der Donau auch über einigen Grundbesitz verfügt. Orosch scheute nicht davor zurück, das vatikanische Staatssekretariat gegen die Ordenskongregation auszuspielen, die der Erzabtei von Pannonhalma Recht gibt, und die Konten der Benediktiner zu sperren, sodass sie sogar eingeforderte Steuerschulden nicht bezahlen können.

Schützenhilfe erhielt Orosch vom Apostolischen Nuntius in der Slowakischen Republik, Erzbischof Mario Giordana. Mag dieser nun in der Causa Bezák selber Drahtzieher sein oder Handlanger vatikanischer oder slowakischer Entscheidungsträger - ohne Zweifel nimmt er eine Schlüsselfunktion ein. Schließlich geht es bei den Transaktionen Ján Sokols auch um Gelder auf der Vatikanbank. Dass Papst Franziskus in dieser Frage hellhörig ist, mag in ihm jene Empathie für Róbert Bezák geweckt haben, die dieser bei der Audienz verspürt hat. Der Ad-limina-Besuch im Herbst in Rom wird jedenfalls für Papst wie Bischöfe zur Feuerprobe.

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